Autor Thema: Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben  (Gelesen 1225 mal)

Offline orzifar

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Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben
« am: 24. August 2015, 04.48 Uhr »
Hallo!

In den letzten Kriegstagen des Ersten Weltkrieges werden die Leben von drei Soldaten der französischen Armee untrennbar miteinader verknüpft: Leutnant Pradelle, ein ehrgeiziger verarmter Adeliger, sucht seine letzten Chancen sich in diesem Krieg auszuzeichnen. Dabei schreckt er auch vor der Ermordung von zwei Soldaten der eigenen Armee nicht zurück. Diese wird für einen Angriff zum Anlass genommen, bei dem Albert diese Morde entdeckt, von Pradelle dabei beobachtet und dann, nach einem Granatenangriff, von Edouard  gerettet wird. Was dieser hinwiederum mit dem Verlust der unteren Hälfte seines Gesichts bezahlt.

Edouard ist der Sohn eines schwerreichen Bankiers und hat während seiner Genesung im Lazarett nur einen Wunsch: Nicht mehr zu dieser Familie zurückkehren zu müssen. Albert verschafft ihm eine neue Identität, sie ziehen zusammen in ein verfallenes Häuschen, um sich mehr schlecht als recht durchzuschlagen: Was durch die Morphiumsucht Edouards nach seinem Krankenhausaufenthalt noch erschwert wird. In dieser Situation reift in den beiden die Idee eines großen Betrugs mit Kriegsdenkmälern: Der sich nach anfänglichen Schwierigkeiten großartig anlässt. Pradelle hat mittlerweile doch noch Karriere gemacht: Er wurde befördert, lernt durch den vorgetäuschten Tod Édouards dessen Schwester kennen und heiratet die schwerreiche Erbin.

Auf diese Weise sind die Lebenssphären der Hauptpersonen unwiederruflich miteinander verbunden und führen zum unweigerlichen Showdown: Dessen Ausgang hier verschwiegen werden soll (wobei soviel zu sagen wäre, als dass der Weg in diesem Fall origineller ist als das schlussendlich erreichte Ziel). Das Ganze ist aber nicht nur ein spannend und gut geschriebener Roman, sondern auch Sozialkritik, Aufarbeitung eines Vater-Sohn-Konfliktes und Demonstration des Kriegswahnsinnes. Und der Roman hebt sich auch sprachlich wohltuend von anderen, semi-krimihaften Büchern ab: Routiniert geschrieben, packend, aber nicht nachlässig, sondern mit teilweisen sehr gelungenen Passagen und Beschreibungen. Für ein wirklich großes Buch wirkt aber der Schluss ein wenig  zu moralisch, zu aufgesetzt: Das hätte man besser machen können, müssen. Trotzdem ein überaus lesenswertes, unterhaltendes Buch, ein "Page-turner" vom feinsten.

lg

orzifar
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