Autor Thema: Roman Ehrlich, Urwaldgäste  (Gelesen 2059 mal)

Offline Bartlebooth

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Roman Ehrlich, Urwaldgäste
« am: 12. Januar 2015, 00.21 Uhr »
Roman Ehrlich ist ein noch sehr junger deutscher Autor, der einer breiteren Öffentlichkeit zuerst durch seinen Auftritt beim Bachmannpreis 2013 bekannt geworden ist. Im selben Jahr erschien dann sein Erstling „Das kalte Jahr“, ein Roman. „Urwaldgäste“ erschien 2014 und ist ein Erzählungsband.

Aufmerksam wurde ich auf diesen Autor durch eine geradezu hymnische Rezension in der Zeit, in der die Rezensentin Insa Wilke Ehrlich eine große Zukunft voraussagt. Die Rezension endet mit dem Satz: „Es ist klar, das Roman Ehrlichs Bücher in Kürze zum Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählen werden.“ Wenn das mal kein Lob ist.
In der Zeit erschien dann auch ein Vorabdruck der Erzählung „Keine Drehung aus dem Schatten ins Licht“ über einen russischen Bergarbeiter, bei dem sich sein lebensbejahender und flatterhafter Vater einnistet. Nach der Lektüre dachte ich mir: Das könntest du doch mal weiterlesen.

Bereut habe ich es nicht. Die Erzählungen erinnern tatsächlich im Personeninventar ein bisschen an Kafka, dessen Name im Zusammenhang mit Ehrlich sehr oft fällt. Ehrlichs Sprache ist ähnlich sachlich, die Erzählerstimme ist ähnlich distanziert und auch ein bisschen unterkühlt und nur moderat überrascht in Bezug auf die doch sehr ungewöhnlichen Ereignisse, in die die Figuren verwickelt sind. Sie ist aber gleichzeitig im Satzbau etwas umständlicher und arabesker als die des großen Pragers.
Was sind es nun für Geschichten, die Ehrlich uns hier erzählt? Es sind Geschichten aus dem Alltag, allerdings aus einem seltsamen Alltag, mit Hauptfiguren, die oft einen etwas vom Leben gebeutelten Eindruck machen. So beschäftigt sich etwa die erste Erzählung mit dem schönen Titel „Dinge, die sich im Rahmen meiner temporären Anstellung bei der Grinello Clean Solutions ereigneten“ mit einer Hauptfigur, die über die Studentenbörse an einen Job kommt, in dem eigentlich nichts getan werden muss, außer ins Büro zu kommen und ein nie klingelndes Telefon zu bewachen. Es gibt Kollegen aus dem Außendienst, die aber nur selten da sind, sowie einen Chef und seinen Kompagnon, die eigentlich auch nur selten da sind. Welches Produkt die Firma anbietet, erfahren wir zwar dem Namen nach, nämlich den „Aquionic Transformer“, doch was dieses Gerät leistet und wer es deshalb kaufen sollte, wird uns verschwiegen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Protagonist, als er dann doch endlich eine Aufgabe bekommt, nämlich eine Liste mit alten Kundendaten durchzutelefonieren und zu aktualisieren und bei dieser Gelegenheit herauszufinden, ob sie vielleicht an einem Aquionic Transformer interessiert sein könnten, sich mit den Gesprächspartnern gar nicht über dieses Produkt unterhält, sondern mit ihnen allgemeine Gespräche beginnt. Bis hierhin ist diese Erzählung unglaublich faszinierend, gut zu lesen, auf eine spannende Weise bevölkert von undurchsichtigen Figuren, die undurchsichtigen Tätigkeiten nachgehen. Sie mündet allerdings ins Nichts bzw. in eine verschachtelte Geschichte ohne Pointe, die dem Telefonierenden von einem seiner Gesprächspartner erzählt wird, der mit ihr offenbar auch nichts anzufangen weiß.

Die folgenden Erzählungen sind nun entweder – und dann komme ich mit ihnen besser klar – eher wie der erste Teil der ersten Erzählung. Sie schildern also eine Begebenheit aus dem Alltag von Figuren, die wie in einer existenziellen Sackgasse wirken, und in deren Alltag sich – von ihnen herbeigeführt oder ohne ihr Zutun – ein seltsames, ungewöhnliches Ereignis schleicht, das – so vermutet man – das Leben dieser Figuren zutiefst erschüttert, ohne dass man erfährt, was diese Erschütterung für einen Effekt hat bzw. ob sie überhaupt einen hat. Man wird vielmehr wie die Figur selbst in dieser Situation einfach zurückgelassen und wundert sich.
Manche der Erzählungen sind aber eher wie der zweite Teil der Geschichte, also zusammengesetzt aus mehreren Binnenerzählungen, die manchmal ineinander verschränkt sind, ohne dass sie erkennbar etwas miteinander zu tun hätten. Diese Erzählungen waren für mich die frustrierenderen Leseerlebnisse, da sie gefühlsmäßig wirklich im Nichts enden – wie eben die Telefonaktion bei der Grinello Clean Solutions. Und diese diffusen, nirgendwo hinführenden Prosatexte haben mir in den letzten Jahren ein wenig zu sehr überhand genommen. Ich bin kein Leser, der zwingend eine "Botschaft" braucht, aber ich habe schon gern sichtbare Bezüge bzw. einen Gestaltungswillen in einem Text. Und in dieser Variante der Ehrlich'schen Erzählungen fehlen sie mir manchmal ein bisschen. Ich formuliere deshalb so vorsichtig, weil ich die Geschichten dennoch insgesamt gern gelesen habe und nicht ausschließen will, dass auch hier eine zweite Lektüre vielleicht an der einen oder anderen Stelle ein bisschen mehr Aufschluss bringen könnte. Und Ehrlich ist auf keinen Fall zu vergleichen mit reinen Kulissenschiebern wie Thomas Glavinic.

Ich bin mir sicher, dass ich Roman Ehrlich im Auge behalten werde. Ich würde mir allerdings wünschen, dass ich in der Zukunft von ihm noch Pointierteres zu lesen bekomme. Damit meine ich nicht, dass er mir herkömmliche Erzählungen mit einem klaren Ende servieren muss. Texte mit ein bisschen mehr Fokus, die mir ein bisschen mehr Halt geben, um mein Hirn an ihnen zu reiben, würden mir genügen.
Thomas Piketty, Le capital au XXIème siècle
Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem

Offline orzifar

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Re: Roman Ehrlich, Urwaldgäste
« Antwort #1 am: 22. März 2015, 20.26 Uhr »
Hallo,

meine Neugierde hast du in jedem Fall geweckt.

Und diese diffusen, nirgendwo hinführenden Prosatexte haben mir in den letzten Jahren ein wenig zu sehr überhand genommen. Ich bin kein Leser, der zwingend eine "Botschaft" braucht, aber ich habe schon gern sichtbare Bezüge bzw. einen Gestaltungswillen in einem Text. Und in dieser Variante der Ehrlich'schen Erzählungen fehlen sie mir manchmal ein bisschen. Ich formuliere deshalb so vorsichtig, weil ich die Geschichten dennoch insgesamt gern gelesen habe und nicht ausschließen will, dass auch hier eine zweite Lektüre vielleicht an der einen oder anderen Stelle ein bisschen mehr Aufschluss bringen könnte. Und Ehrlich ist auf keinen Fall zu vergleichen mit reinen Kulissenschiebern wie Thomas Glavinic.

Das sehe ich genau so: Aus einer handwerklich-schriftstellerischen Not wird eine Tugend gemacht, indem man Erzählungen nicht zu Ende führt, sondern sie offen und allen Interpretationen zugängig lässt. Dabei geht es - wie du sagst - weniger um Botschaft oder ein schön gestricktes Ende, sondern darum, dass der Autor nicht eine bloße Ideensammlung präsentiert. (Steinfest wäre auch so ein Fall.) Das verführt zu dem billigen Trick des offenen Schlusses: Das Versiegen des schriftstellerischen Atems ist gleichbedeutend mit dem Ende des Buches - wie unausgegoren so ein Ende auch sein mag. Und es eröffnet ein weites Feld für die von dir schön bezeichneten Kulissenschieber.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
Marcel Proust: In Swanns Welt
Desmond Morris: Catwatching
Edgar Zilsel: Die Geniereligion
Christina Wessely: Welteis. Eine wahre Geschichte.
Carl W. Weber: Segel und Ruder. Die Welt des Meeres bei den Griechen.
Karsten Brensing: Das Mysterium der Tiere. Was sie denken, was sie fühlen.

Offline Bartlebooth

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Re: Roman Ehrlich, Urwaldgäste
« Antwort #2 am: 23. März 2015, 17.09 Uhr »
Ja, lies doch mal, würde mich interessieren, was du dazu sagst.
Ich weiß nicht, ob all die aufgeblähten Heißluftballons sämtlich aus handwerklich-schriftstellerischer Not handeln. Bei Steinfest ist das für mich recht offensichtlich, denn man sieht ja die wirklich nicht unspannende Geschichte, die im "Allesforscher" angelegt ist, die er aber einfach nicht erzählen kann. Bei Glavinic habe ich hingegen eher den Eindruck, dass er keine Lust hat und mir einfach nur ein wurstiges "démerdez-vous" hinschmeißt (auch hier stütze ich meine Meinung auf die Lektüre eines einzigen Buches, nämlich "Die Arbeit der Nacht").
Roman Ehrlich ist ganz anders. Bei ihm habe ich auch in den weniger gelungenen (aus meiner Sicht) Momenten nie den Eindruck der intellektuellen oder erzählerischen Faulheit, daher schließe ich auch nicht aus, dass der Grund des Nichtverstehens mancher der Texte bei mir liegt. Er ist ein bisschen die deutschsprachige Version von Donald Barthelme - oder wenigstens denke ich, dass er es sein könnte. Auch Barthelme hat ja zwischendurch sehr hermetische Prosabrocken hinterlassen, aber eben auch Geschichten, die in der Sprache klar, im Aufbau stimmig, aber in ihrer semantischen Spannbreite auf positivste Art rätselhaft sind. Ich würde mich freuen, wenn sich Ehrlich in diese Richtung weiter strecken würde.
Thomas Piketty, Le capital au XXIème siècle
Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem