Autor Thema: Robert A. Heinlein: Ein Mann in einer fremden Welt  (Gelesen 2485 mal)

Offline orzifar

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Robert A. Heinlein: Ein Mann in einer fremden Welt
« am: 06. November 2014, 05.16 Uhr »
Hallo!

Das Interesse an Heinlein wurde durch diese Besprechung geweckt, womit auch eine gewissen positive Erwartungshaltung verbunden war. (So nebenbei glaube ich, das Buch schon vor einigen Jahrzehnten gelesen zu haben, da mir einige Vorkommnisse sehr bekannt erschienen.)

Eine Marsexpedition verschwindet vor vielen Jahren. Einige Zeit später wird erneut eine Unternehmung ausgerüstet und kommt mit einem jungen Mann zurück, offensichtlich der Sohn zweier Mitglieder der ersten Expedition. Da er Ansprüche auf das Erbe dieser Gruppe machen kann, ist er unermesslich reich (eigentlich "gehört" ihm auch der Mars), wird dadurch Spielball der Mächte auf der Erde, in einem Krankenhaus zuerst interniert, dann mit Hilfe einer Krankenschwester und eines Journalisten befreit und zu einem reichen Schriftsteller (Harshaw) gebracht. Michael Smith erscheint anfangs als "tumber Tor", hat aber von den Marsbewohnern übernatürliche Fähigkeiten erworben (Telepathie, Telekinese), versucht die Erdlinge zu "groken" (ein tiefere Form des Verstehens), gründet schließlich eine Art Kirche, wird zum Prediger und opfert sich schließlich für seine Bewegung (er wird vom Mob zerrissen, anschließend von seinen Jüngern gegrokt - was in diesem Fall bedeutet, dass sie ihn bzw. seine Rest zum Mittagessen verspeisen).

Was anfangs sich als "normale" SF-Story liest, wird spätestens bei Sektengründung durch den Marsmenschen ein ziemlich dümmliches, einfältiges Geschreibsel über den Idealzustand einer zukünftigen Gesellschaft. Philosophische Ergüsse mit Schlauchboottiefgang, feuchte Träume eines alternden Machos (das weibliche Personal der Sekte entspricht im Aussehen etwa den Mädchen aus dem Playboy, während die Männer den von mir vermuteten Lesern des Magazins entsprechen). Man praktiziert freie Liebe (und ist selbstredend glücklich dabei, weil man so menschliche Eigenschaften wie Eifersucht oder Machtgier längst "gegrokt" und damit überwunden hat), liest die Gedanken seiner "Wasserbrüder", erfreut sich telekinetischer Spielereien und begrüßt einander mit der Formel, dass der andere "Gott sei". Selbstverwirklichung aller Orten, Ron Hubbard kopuliert mit Sun Myung Moon, während Maharishi Mahesh Yogi das ganze Spielchen wohlwollend verfolgt. Das Buch atmet den bescheidenen Geist der Selbstverwirklichungsszenen der 60iger und 70iger und ist bestenfalls eine billige Esoterikschmonzette für Dauerbekiffte. (Wobei ich die "gekürzte" Version gelesen habe: Gekürzt um allerlei anstößige Passagen, aber ich habe zu keiner Zeit bedauert, dass mir die ausführlicheren Erotikphantasien Heinleins nicht in ihrer ganze Umfänglichkeit zur Verfügung gestanden haben. Der offenkundige Anspruch, die Relativität von Moral, Sitten, Kultur zu hinterfragen wird auf derart billige Weise erhoben, dass es schon höchst rätselhaft ist, wie sich selbst bei der vorhin erwähnten Klientel das Buch zu einem Kultbuch entwicklen konnte.)

Kein Buch, das Lust auf mehr vom gleichen Autor macht - im Gegenteil: Das hat etwa das Niveau von A. E. van Vogts "Unterdrückten" - und so etwas muss man erst zustandebringen.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Robert A. Heinlein: Ein Mann in einer fremden Welt
« Antwort #1 am: 06. November 2014, 19.36 Uhr »
Hallo!

Was liest Du auch meine Lieblingsautoren ...  ;D

Im Ernst: Von den grossen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts würde ich wohl Asimov als den wissenschaftlichsten, und (deshalb?) universellsten bezeichnen. Bradbury ist eindeutig der europäischste, mit seiner Nostalgie nach der guten alten patriarchalischen Zeit (und dem Papierbuch!). Heinlein ist der US-amerikanischste - nicht nur, weil er ein grosser Patriot war. Aber sein ganzes Denken wurzelt in den USA. Stranger in a Strange Land ist eine US-amerikanische Kritik an genuin US-Amerikanischem. Und insofern auch nicht besser, als das, was es kritisiert.

Die alten Herren, die junge Damen vernaschen ... ja, diese Kritik am späten Heinlein kommt immer wieder. Man hat sie auch bei Garcìa Màrques und seinen Erinnerungen an meine traurigen Huren geäussert. Ich kann mit diesem Kritikpunkt, ehrlich gesagt, wenig anfangen.

Der Mond und der Yogi sind m.W. spätere Erscheinungen. Hubbard allerdings könnte tatsächlich (mit) Pate gestanden habe für Mike. Hubbard, van Vogt und Heinlein teilen im übrigen die These Korzybskis, dass die Verwendung des richtigen Wortes elementar fürs Verständis der Sache ist. Ich sehe allerdings in Mikes Kirche eher eine Satire auf Hubbards (und jede!) Art von Kirche. Heinlein war meines Wissens Atheist.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Robert A. Heinlein: Ein Mann in einer fremden Welt
« Antwort #2 am: 06. November 2014, 20.28 Uhr »
Hallo!

Was liest Du auch meine Lieblingsautoren ...  ;D

Tja, diesfalls tatsächlich ein zweifelhaftes Vergnügen ;).

Im Ernst: Von den grossen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts würde ich wohl Asimov als den wissenschaftlichsten, und (deshalb?) universellsten bezeichnen. Bradbury ist eindeutig der europäischste, mit seiner Nostalgie nach der guten alten patriarchalischen Zeit (und dem Papierbuch!). Heinlein ist der US-amerikanischste - nicht nur, weil er ein grosser Patriot war. Aber sein ganzes Denken wurzelt in den USA. Stranger in a Strange Land ist eine US-amerikanische Kritik an genuin US-Amerikanischem. Und insofern auch nicht besser, als das, was es kritisiert.

Das mag zwar stimmen, muss aber nicht zwangsläufig so sein: Die Kritik der Zustände kann sehr wohl das Niveau derselben übersteigen.

Die alten Herren, die junge Damen vernaschen ... ja, diese Kritik am späten Heinlein kommt immer wieder. Man hat sie auch bei Garcìa Màrques und seinen Erinnerungen an meine traurigen Huren geäussert. Ich kann mit diesem Kritikpunkt, ehrlich gesagt, wenig anfangen.

Marquez und Heinlein im Vergleich sind wie ein Formel1-Bolide und ein Trabi ;). Und es geht mir auch nicht um die Tatsache an sich, dass sich in irgendwelchen Büchern alternde Herren mit knackigen jungen Damen vergnügen. Sondern um die Art der Darstellung: Und die ist bei Heinlein im vorliegenden Fall einfach dümmlich hoch drei, die Schilderungen entsprechen dem, was alternde Herren am Stammtisch über die juvenile Damenwelt von sich zu geben pflegen. Dass ich derlei nicht goutiere hat nichts mit Prüderie oder moralinsaurer Haltung zu tun, sondern mit der Dummheit und Borniertheit der damit demonstrierten Haltung. (Wie man derlei beschreiben und behandeln kann, hat Nabokov gezeigt: Und ganz ohne platte Anspielungen. Im übrigen habe ich mich auch immer gegen die Verunglimpfungen bei Marquez gewehrt, aber die Autoren sind, wie erwähnt, gar nicht vergleichbar.)

Der Mond und der Yogi sind m.W. spätere Erscheinungen. Hubbard allerdings könnte tatsächlich (mit) Pate gestanden habe für Mike. Hubbard, van Vogt und Heinlein teilen im übrigen die These Korzybskis, dass die Verwendung des richtigen Wortes elementar fürs Verständis der Sache ist. Ich sehe allerdings in Mikes Kirche eher eine Satire auf Hubbards (und jede!) Art von Kirche. Heinlein war meines Wissens Atheist.

Auch hier geht's mir nicht um die Tatsache an sich: Meinetwegen kann Heinlein tiefgläubig sein oder bei Vollmond um einen Hinkelstein tanzen. Ganz unabhängig davon, ob die Sekte des Marsmenschen eine Parodie oder Satire sein soll: Sie ist schlicht geistlos und langweilig; was die Ideen anlangt, ist van Vogt in einigen seiner Bücher Heinlein um Längen voraus. Das ist eine Aneinanderreihung von Platitüden über Selbstfindung, die wahrscheinlich in jedem "Erkenne dich selbst"-Heftlein in ähnlicher Aufmachung zu finden sind. Es geht mir einfach um die Dürftigkeit dieser Gedankenwelt, auf knapp 200 Seiten wird - und noch dazu auf ziemlich simplifizierte Art und Weise - eine einzige Idee präsentiert: Jene der Relativität von Ethik und Moral.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Robert A. Heinlein: Ein Mann in einer fremden Welt
« Antwort #3 am: 06. November 2014, 20.42 Uhr »
auf knapp 200 Seiten wird - und noch dazu auf ziemlich simplifizierte Art und Weise - eine einzige Idee präsentiert:

200 Seiten?!? Selbst die Kurzversion, die ich seinerzeit las (ich habe sie nicht mehr in meinem Besitz) müsste so 400 Seiten umfasst haben. Wenn nicht mehr. Die mittlerweile erschienene komplette umfasst m.W. > 600 Seiten.
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Offline orzifar

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Re: Robert A. Heinlein: Ein Mann in einer fremden Welt
« Antwort #4 am: 06. November 2014, 20.45 Uhr »
auf knapp 200 Seiten wird - und noch dazu auf ziemlich simplifizierte Art und Weise - eine einzige Idee präsentiert:

200 Seiten?!? Selbst die Kurzversion, die ich seinerzeit las (ich habe sie nicht mehr in meinem Besitz) müsste so 400 Seiten umfasst haben. Wenn nicht mehr. Die mittlerweile erschienene komplette umfasst m.W. > 600 Seiten.

Mein Buch hatte insgesamt 350 Seiten, die 200 Seiten beziehen sich auf die Sektendarstellung.

lg

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Offline sandhofer

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Re: Robert A. Heinlein: Ein Mann in einer fremden Welt
« Antwort #5 am: 07. November 2014, 06.26 Uhr »
Ach soo ... 350 könnte hinkommen.

Aber ich seh' schon: Ich sollte Stranger in a Strange Land wieder mal lesen...  :hi:
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