Autor Thema: Heinrich Steinfest - Cheng. Sein erster Fall  (Gelesen 1354 mal)

Offline Anna

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Heinrich Steinfest - Cheng. Sein erster Fall
« am: 30. Oktober 2014, 17.12 Uhr »
Hallo!

Hier noch eine ältere Rezension vor mir zu einem Krimi von Heinrich Steinfest:

Für Markus Cheng, Wiener Privatdetektiv mit chinesischer Abstammung, läuft es beruflich schlecht. Da Wirtschaftdelikte aller Art das klassische Verbrechen nahezu verdrängt haben und das Herumschnüffeln in fremden Ehen nun mal nicht sein Fall ist, gibt es für ihn wenig zu tun. Gerade ist ihm auch noch sein letzter Auftrag entzogen worden, als sich ein flüchtiger Bekannter mit einem ungewöhnlichen Problem an ihn wendet. Der aus Australien stammende Wissenschaftler Ranulph Field wird von einer unbekannten Frau bedroht, die ihn sogar bis in seine Wohnung verfolgt und dort einen Zettel mit der rätselhaften Botschaft „Remember St. Kilda“ hinterlassen hat. Vermutlich ist sie auch Urheberin des nicht gerade Karriere fördernden Gerüchts von einer angeblichen Affäre Fields mit der Frau seines Chefs. Das Gerücht kann Cheng aus der Welt schaffen, in der Sache mit „St. Kilda“ kommt er nicht weiter. Sechs Monate später wird Fields Leiche gefunden. In dem Einschussloch zwischen seinen Augen steckt ein Zettel mit dem Satz „Forget St. Kilda“. Er ist das erste Opfer einer Mordserie, bei der die Täterin jedes Mal die gleiche mysteriöse Botschaft zurücklässt. Ohne es zu wollen, wird Cheng in aberwitzige Geschehnisse verwickelt, bei denen er reichlich Federn lassen muss. Aber erst durch einen Zufall kommt er dem Rätsel auf die Spur. Am Ende landet er, mittlerweile zum Invaliden geworden, absurderweise dort, wo er nie hinwollte: in China. Und erlebt noch einmal eine Überraschung…

Obwohl das Buch alle Merkmale eines klassischen Kriminalromans aufweist, ist der Mordfall hier nur Nebensache. Die Handlung mäandert munter vor sich hin, das Verbrechen wirkt stark konstruiert, die Wendung am Ende bleibt rätselhaft. Im Mittelpunkt steht der bekennende Loser Markus Cheng, der von einem Unglück ins andere gerät und dabei subversive Betrachtungen über die menschliche Natur im Allgemeinen und die österreichische im Besonderen anstellt. Steinfest zieht mit rabenschwarzem Humor und viel Sarkasmus über Seilschaften, Korruption und Geldgier her und nimmt die undurchsichtigen Machtstrukturen und die Doppelmoral der feineren Kreise aufs Korn. Das geht nicht ohne Klischees ab, ist aber sehr komisch und geistreich in Szene gesetzt. Seine weitschweifige und detailverliebte, aber immer genau beobachtende Sprache ist voller bizarrer Einfälle und sarkastisch zugespitzter Formulierungen. Der „modernen Unart ständigen Relativierens“ setzt er bewusst Parteilichkeit entgegen und erklärt mal mit hinterhältiger Ironie, mal mit blankem Zynismus, mitunter sogar mit drastischer Bösartigkeit, warum Flugzeugabstürze im Grunde eine Quelle des Glücks sind, der österreichische Rassismus nur eine andere Form der Selbstverachtung darstellt und in einem Mord nicht weiter ermittelt werden sollte, wenn die Zufriedenheit der Hinterbliebenen ohne den Verblichenen deutlich größer ist. Der Roman bietet weder einen logisch konstruierten Fall noch große Spannung, dafür aber bissige, intelligente und vor allem amüsante Unterhaltung, ist also auch für Krimihasser bestens geeignet.

Gruß
Anna
« Letzte Änderung: 30. Oktober 2014, 19.50 Uhr von Anna »
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