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orzifar
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« am: 26. Februar 2010, 02.01 Uhr » |
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Hallo!
Unscheinbar, zurückhaltend erzählt uns ein Flaubertjünger von seiner Leidenschaft - und man weiß nicht recht, ob man in eine Biographie oder einen Roman geraten ist. Da die Kategorisierung auch beim germanistisch verbildeten Leser immer mehr an Bedeutung verliert (hier gilt tatsächlich: anything goes), kümmert sich derselbe nicht weiter darum und liest. Liest gerne, schmunzelt, lacht, bekommt er in diesem Buch doch auf unterhaltsame und ansprechende Weise das Leben eines Schriftstellers serviert. Obschon alsbald ein doppelter Boden sichtbar wird und einiges den Verdacht aufkommen lässt, dass es sich doch um einen klassischen Roman handeln dürfte.
Der Ich-Erzähler ist neben seiner Leidenschaft für Flaubert auch pensionierter Arzt und - mittlerweile unbeweibt. Der Grund hiefür bleibt vorläufig der Phantasie des Lesers überlassen, wenngleich die leidenschaftliche Auseinandersetzung mit Mme Bovary gewisse Parallelen vermuten lassen. Und so teilt uns Mr. Braithwaite neben zahlreichen Anekdoten, biographischen Details und Zitaten aus dem Leben Flauberts Stück für Stück auch seine eigene Geschichte mit, die des gehörnten Ehemannes und einer Frau, welche offenbar eine sich sich selbst überlebende Emma Bovary repräsentierte, die, ganz ohne die dramaturgischen Verwicklungen des literarischen Vorbildes, schließlich ihrer Eskapaden überdrüssig wird. Allerdings bleiben Zweifel: Denn es ist der Ehemann, der diese Geschichte erzählt, der sich selbst die unerträgliche Duldung des Liebenden vorwirft und vom Griff seiner Frau zum Medikamentenschrank erzählt. Und es ist ebenfalls dieser Mann, der aus Gründen der Humanität die lebenserhaltenden Maßnahmen beendet, der sich aber schon zuvor bemüßigt fühlt festzuhalten, dass er seine Frau nicht getötet habe.
Die Figur des Schriftstellers Flaubert und jene des Arztes dient dem Autor zu einem Doppelspiel: Kann er so etwa über Kritiker herziehen, über Literaturprofessoren, über eine ignorante Um- und Nachwelt sich moquieren, ohne dabei selbst in Erscheinung treten zu müssen. Selbstironie, einem anderen in den Mund gelegt, der - Arzt geworden und seinen Neigungen zur Literatur nicht nachgebend - es nicht bedauert, darauf verzichtet zu haben: So blieben der Welt weitere, unnötige Bücher erspart - während er gerade einen Roman verfasst. Dieser Wechsel zwischen historischer und erfundener Figur und dem im Hintergrund agierenden Autor ist amüsant und gelungen, wenngleich man manchmal den Verdacht nicht loswird, dass Barnes diese Art der Konstruktion nur deshalb gewählt hat, um disparate Gedankengänge einem scheinbaren Ganzen unterzuordnen. Auf diese Weise werden pointierte Betrachtungen (z. B. über den billigen Kunstgriff des Zufalls in der Literatur), viel Ironie und Spott mit einer doch ein wenig aufgesetzt wirkenden Handlung verwoben, was dann einen schalen Nachgeschmack erzeugt. Insgesamt aber eine unterhaltende und - ohne die Fakten nachgeprüft zu haben - wohl auch informative Lektüre über einen Romancier, wie man ihn aus der Literaturgeschichte nicht oder nur teilweise kennt.
lg
orzifar
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