litteratur.ch
06. September 2010, 01.34 Uhr *
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge
News:
 
   Übersicht   Hilfe Suche Einloggen Registrieren  
Seiten: [1]   Nach unten
  Drucken  
Autor Thema: Marguerite Duras: Der Liebhaber  (Gelesen 241 mal)
mombour
Sr. Member
****
Offline Offline

Beiträge: 268


WWW
« am: 14. Juli 2009, 21.12 Uhr »

Hallo,

Ein wenig warmlesen musste ich mich schon, denn die Erzählerin erzählt, wie mir erst später auffiel, als ältere Frau, dem Alkohol verfallen, von ihrer ersten Jugendliebe in Indochina. Sie erzählt in fragmentarischen Erinnerungen. Es wird wie gewüfelt  unchronologisch hin–und hergesprungen. Trotzdem geht der Überblick nicht verloren. Es geht um die Liebe des weißen fünfzehnjährigen Mädchens zu einem älteren Chinesen. Dieses ist letzendlich jedoch zweitrangig, wird doch das Verhältnis des Mädches zu ihrer Mutter und zu den beiden Brüder im Roman weitaus differenzierter erzählt.

Es geht um gesellschaftliche Konventionen. Von vorne herein wird eine dauernde Beziehung zwischen dem weißen Mädchen und dem Chinesen unmöglich gemacht. Der Chinese wird während eines Treffens mit der Familie regelrecht totgeschwiegen. Mutters Liebling ist der ältere Bruder, der sich aber zum Versager entwickelt. Für das  Mädchen wurde eine berufliche Karriere von vorne herein nicht für möglich gehalten. Das Mädchen wird von der Mutter für die Männer aufreizend angekleidet, andererseits wegen ihrem Verhältnis zum reichen Chinesen verprügelt. Der psychisch labilen Mutter geht es ums Geld, ums Überleben, notfalls würde sie ihre Tochter auf den Strich schicken. Wenn wir nun bedenken, dass dieser Roman autobiografisch ist, heißt es, dass das Mädchen im Gegensatz zu ihren Brüdern die erfolgreichste geworden ist: Eine großarige Schriftstellerin.

Ein wundervolles, sprachlich sehr gekonntes Werk einfach deshalb, weil Marguerite Duras in Kurzbündigkeit der Sprache unendliche Welten im Geiste des Lesers schaffen kann. Dieses lässt sich am besten an einigen Beispielen belegen:

Die Überfahrt über den Mekong ist ein Symbol des Übergangs zum Erwachsenenwerdens. Im Alter von achtzehn Jahren begann ihr Gesicht zu altern. Das ist doch herrlich, das Gesicht als Fußspur des Alterungsprozesses, und als Vorausschau auf das Leben:

"Dieses vom Alkohol gezeichnete Gesicht habe ich vor dem Alkohol bekommen."

Sehr bemerkenswert ist, und daran sehen wir, wie das Mädchen unter ihrer Familie gelitten hat, dass sie ihre Brüder und Mutter vergessen hat, nachdem diese gestorben waren. Sie erinnert sich nicht mehr an die Stimme ihrer Mutter, nicht an den Duft ihrer Haut usw. und schließlich:

„Darum fällt es mir jetzt so leicht, über sie zu schreiben, so ausführlich, so gelassen, sie ist zur Schreibschrift geworden.“

Hammerharte Wirkung haben diese Worte, finde ich.

Im Zimmer ist das Paar allein, draußen in der Sommerhitze gehen  Menschen vorbei. Sehr schön finde ich die Worte über Jalousien und Schatten:

„An den Fenstern gibt es keine Scheiben, nur Stores und Jalousien. Auf den Vorhängen sieht man die Schatten der Leute, die in der Sonne auf dem Gehsteig vorübergehen. Die Menschenmengen sind immer gewaltig. Die Schatten sind gleichmäßig gestreift durch die Sprossen der Jalousien.“

Dieses Bild sagt mir, sind sind umgeben von Menschen und doch allein, allein in ihrer Intimität.  Der Geschlechtsakt wird mit Schmerz und Tränen umschrieben. Irgendwie einsam.

Sehr beeindruckt hat mich die Beschreibung des schönen Körpers ihrer Kommolitonin Hélène Lagonelle.

„Der Körper von Hélène Lagonelle ist schwer unschuldig noch, die Zartheit ihrer Haut ist die gewisser Früchte, kaum faßbar, ein wenig trügerisch, nicht auszuhalten. Hélène Lagonelle weckt das Verlangen, sie zu töten, sie ruft den wunderbaren Traum wach, sie mit eigenen Händen umzubringen. Ihre köstlichen Formen trägt sie ohne Wissen zur Schau, sie zeigt diese Dinge, die von Händen geknetet, von einem Mund verschlungen werden wollen, ohne sich zu besinnen, ohne etwas von ihnen zu wissen, ohne auch nur etwas von ihrer sagenhaften Macht zu wissen.“

War der Roman nach seinem erscheinen deswegen ein Skandal?  Ich finde diese Art der Prosa wundervoll. Ehrlich alles herausgeschrieben. Warum haben wir Menschen, wenn wir etwas wunderbares sehen, den Tod im Hinterkopf. Im Zitat, lustmörderische Fantasien, beim Anblick eines schönen Menschen. das Geschlecht spielt hier keine Rolle. Die Schönheit wollüstig anpacken, so dass sie unter den Händen stirbt. Sich der Schönheit einverleiben bis zum Tod. Das hat ja durchaus etwas kannabalistisches. Oder etwas variiert: sich einmal in höchsten Sphären verlieben und dann sterben, weil das Leben nichts Höheres an Gefühl bieten kann. Darüber hat sich sicher schon jeder Gedanken gemacht, wagt es aber nicht auszusprechen. Eros und Thanatos, zwei Brüder.

Meine Gedanken entfalten sich während des Schreibens an der Tastatur, und ich bin selber erstaunt darüber, was mir da für Gedanken kommen, erstaunt, was Marguerite Duras dem Leser im Ungeschriebenen überlässt. Gerade dieses bürgt für Qualität.

Ich könnte weiter fortfahren, aber das Buch soll ja selber noch gelesen werden. Zum Abschluss noch ein schönes Zitat:

„Ich erinnere mich kaum an die Tage. Die Helligkeit der Sonne trübte die Farben, erdrückte alles. An die Nächte erinnere ich mich. Das Blau war ferner als der Himmel, es lag hinter allen Schichten aus Schwärze, es bedeckte den Grund der Welt. Der Himmel war für mich jene Spur reinen Glanzes, die das Blau durchquert, jene kühle Verschmelzung jenseits aller Farbe.“

Liebe Grüße
mombour
Gespeichert

Gerade am Lesen:

José Saramago: Das Memorial
Ken Wilber: Naturwissenschaft und Religion
sandhofer
Administrator
Hero Member
*****
Offline Offline

Beiträge: 536


« Antworten #1 am: 15. Juli 2009, 07.27 Uhr »

Ich erinnere mich gern an die Lektüre dieses Buchs. Mombour hat ja einige der Schönheiten schon aufgezählt. Was mir allerdings auffällt, und Mombour ist da nicht der einzige, der so liest, ist, dass das Buch immer wieder als Geschichte einer Jugendliebe rezipiert wird. Ein Eindruck, den ich so gar nicht teile. Liebe: ja - aber die Liebe einer Tochter zu ihrer Mutter, eine immer wieder von der Mutter zurückgestossene Liebe. Ich mag sonst diese postpubertierenden Texte nicht, in denen Töchter sich mit ihren Vorfahren auseinanderzusetzen glauben (ein absoluter Graus: Zoë Jenny!), aber hier - und das Setting in Vietnam mag mitspielen - ist daraus ein kleines Kunstwerk geworden.
Gespeichert

Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus
Anita
Full Member
***
Offline Offline

Beiträge: 134


WWW
« Antworten #2 am: 22. Juni 2010, 12.06 Uhr »

Ein absolutes Atmosphärenbuch!

Scheibchen für Scheibchen liest sich der Leser in diese beklemmende Stimmung hinein. In Rückblenden erzählt das alternde Ich aus ihrer Kindheit in Indochina. Mit 15 ein halb Jahren lernt sie auf der Überfahrt zum Internat den reichen Chinesen kennen, und geht mit ihm eine Affäre ein. Er ist doppelt so alt, schüchtern und zerbrechlich, und ihre gesellschaftliche Herkunft wird durch diese Liaison untermauert.

Sie ist die französische Weiße, eine Schönheit mit ihrem abgetragen weiß-durchsichtigen Seidenkleid, dem Männerhut und den goldenen Schuhen. Und sie flüchtet in diese einseitige Liebesbeziehung, weg von ihren Brüdern, ihrer Mutter und am Ende aus dem Land. Sie will Schriftstellerin werden und keine Mathematikerin!

Großartig transportiert Duras diese Gefühlswelt. Eine Atmosphäre, die so hoffnungslos, niederschmetternd und trostlos ist, so dass dem Leser nichts anderes bleibt als diese Stimmung in sich aufzusaugen. Perfekt!

Marguerite Duras wurde 1914 in Giadinh/Indochina geboren, lebte seit 1932 in Frankreich und etablierte sich zu einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen Frankreichs. Sie verstarb 1996 in Paris.
Gespeichert

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"
Seiten: [1]   Nach oben
  Drucken  
 
Gehe zu:  

Powered by MySQL Powered by PHP Powered by SMF 1.1.11 | SMF © 2006-2009, Simple Machines LLC Prüfe XHTML 1.0 Prüfe CSS