Autor Thema: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften  (Gelesen 7547 mal)

Offline Anna

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Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
« Antwort #15 am: 01. August 2009, 16.05 Uhr »
Salve Bartlebooth,

Ich finde auch den zweiten Teil des ersten Buchs nicht immer so straff

Warte ab, bis Du zum zweiten Buch kommst, dann wirst Du erkennen, wie straff auch noch der zweite Teil des ersten Buchs ist. :)

dann wird es diffus und repetitiv[...]ich kann dahinter kein Konzept erkennen, was eventuell dann wieder am Fragmentarischen liegen kann

Ich kann Dir da vollkommen zustimmen. Musil fällt es zunehmend schwerer, von seinem jeweiligen Gegenstand abzulassen. Er umkreist ihn, nimmt ihn immer wieder auf, will noch eine Schicht und noch eine freilegen, was zur Folge hat, dass er nicht klarer, sondern immer verschwommener wird, und man das Gefühl hat, dass sich alles wiederholt. Die Moosbrugger-Geschichte ist dafür ein gutes Beispiel.
MRR sieht Musils Roman als gescheitert an, weil er unvollendet geblieben ist. Das Unabgeschlossene des MoE stört mich weniger, meinetwegen hätte Musil an seinem Roman immer weiter schreiben können. Im Grunde schreiben doch die meisten Romanciers in ihren Romanen an denselben Themen fort, nur dass die Personen, Konstellationen und Orte wechseln (die Orte noch am wenigsten). Gescheitert ist Musil mit seinem Roman, weil ihm der Stoff über den Kopf gewachsen ist. Es gehört zu den Aufgaben eines Schriftstellers, seinen Stoff zu „bändigen“, auszuwählen, zu straffen und sich zu beschränken, auch wenn man noch so viel zu sagen hätte. Für mich ist Musil allerdings grandios gescheitert. Der MoE steht zwar nicht auf der Liste meiner zehn Lieblingsromane, aber wenn ich auf eine einsame Insel verschlagen würde, hätte ich ihn gern dabei, weil man ihn – wie Kundera sagt – immer wieder zur Hand nehmen und eine überraschende Weisheit darin finden kann.

Kunderas Artikel finde ich (überraschenderweise) interessant und klug (ich kann mit diesem Autor ansonsten nicht wirklich viel anfangen und habe ihn nun schon eine Zeitlang vollkommen ignoriert, vielleicht sollte ich ihn nochmals zur Hand nehmen), das Bild, dass "alles wesentlich sei und nicht Kulisse" beschreibt die Aufbereitung des Stoffes bei Musil sehr gut.

orzifar, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ hat mich vor einer weiteren Beschäftigung mit dem Autor zurückschrecken lassen, aber das Insistieren von Freunden und nicht zuletzt dieser Artikel haben mich dann doch bewogen, mir seinen Roman „Die Unsterblichkeit“ anzuschaffen, den ich dieses Jahr noch lesen will.

Gruß
Anna





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Offline Bartlebooth

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Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
« Antwort #16 am: 10. August 2009, 17.22 Uhr »
Salve Bartlebooth,

Warte ab, bis Du zum zweiten Buch kommst, dann wirst Du erkennen, wie straff auch noch der zweite Teil des ersten Buchs ist. :)

Bin ich doch schon, und an Wochenende tatsächlich fertig geworden. Ich finde nicht, dass sich die Griffigkeit der Reflexionen in den beiden Büchern so ganz grundlegend unterscheidet. Auch im zweiten buch habe ich noch viele wirklich zugespitzte und gut komponierte Kapitel gefunden (so etwa Clarissens Besuch in der Psychiatrie oder Bonadeas Gespräch mit Ulrich, das im Beischlaf endet).
Gestört hat mich, das nur am Rande, in diesem zweiten Buch vor allem das vorgetragene Frauenbild, irgendwie hatte ich von den 20ern da mehr erwartet.

Meine abschließende Besprechung:

„Der Mann ohne Eigenschaften“ ist das Hauptwerk des österreichischen Schriftstellers Robert Musil und ein unvollendeter Roman, dessen von Musil zu Lebzeiten autorisierte Teile allein mehr als 1000 Druckseiten umfassen. Er ist von 1921 bis zu Musils Tod im Jahr 1942 entstanden.

Im Zentrum des Romans steht Ulrich, der von seinem Freund Walter relativ zu Anfang als „Mann ohne Eigenschaften“ bezeichnet wird, das ist jemand – um einen weiteren Begriff aus dem Buch heranzuziehen –, der Möglichkeitssinn hat, das heißt eine Fülle von Fähigkeiten, die er versucht in unterschiedlichster Weise einzusetzen (beim Militär, als Ingenieur, als Mathematiker). Alles gelingt ihm bis zu einem gewissen Grad, nichts erfüllt ihn, mit nichts stimmt er voll und ganz überein. Und das ist nicht zuletzt ein Zug der Zeit, in der alle möglichen auch gegensätzlichen Ansichten nebeneinander bestehen, keine einen Vorrang besitzt, keine über die andere den Sieg davonträgt. Und so beginnt alles langsam aber sicher zu verschwimmen, die Moral ist nichts mehr, das inhaltlich bestimmt werden könnte, sondern etwas, das Verhalten in einer Gesellschaft regelt, also eine rein funktionale Größe.

So lässt es sich auch nicht sagen, inwieweit Ulrich moralisch oder amoralisch handelt, wenn er sich etwa in die Verästelungen der Parallelaktion hineinziehen lässt, einer auf oberster staatlicher Ebene angesiedelten Festaktion zum 70jährigen Thronjubiläum des österreichischen Kaisers. In vielen Sitzungen und Gesprächen wird auf den über 1000 Seiten nach einer großen vaterländischen Idee gesucht, die als Klammer um alle Einzelbemühungen, die das Jubeldatum hervorbringt, dienen könnte. Im Laufe der Handlung gerät das immer mehr aus dem Ruder und als sich die Waagschale zugunsten einer militärischen Aufrüstungsaktion zu senken scheint, wird eine Resolution verabschiedet (oder auch nicht, das hätte der Fortgang des Buches zeigen müssen), die das Töten, das nicht aus tiefer innerer Überzeugung geschieht, zum eigentlichen Straftatbestand des Mordes erklärt.

Daneben ist Ulrich auch in amouröser Sicht nicht eben moralisch einwandfrei – oder vielleicht eben doch? Er hat einige Geschichten am Laufen, die er aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Gründen aufnimmt oder beendet, am Ende bahnt sich gar eine Liebesverstrickung mit der eigenen Schwester an, wenn ausdrücklich bis zum Ende des freigegebenen Teils auch nichts geschieht.

Auch die Interventionen Ulrichs bei seiner Schwester, die nach dem Tode des Vaters das Testament fälscht, um ihren ungeliebten Ehemann von seinem Erbteil auszuschließen, sind alles andere als eindeutig. Wenn er auch viel gegen ihr Vorhaben redet, so tut er doch nichts, um es zu stoppen.

Und das ist vielleicht eine Sache, die den Roman insgesamt durchzieht. Das Reden steht im Vordergrund, das Handeln wird zwar immer wieder mit Worten ausgerufen (etwa von Graf Leinsdorf in der Parallelaktion), aber es kommt nie dazu. Am sinnfälligsten wird diese Idee vielleicht an Ulrichs Freundin Clarisse, die mit dem Musiker Walter, einem alten Freund Ulrichs, verheiratet ist, von dem sie große Taten erwartet, die ihn in nietzscheanischer Manier (Clarisse führt Nietzsche beständig im Mund) über die Masse der Menschen hinausheben sollen. Doch Walter stagniert und möchte sich in einen einfachen Brotberuf schicken. Clarisse treibt diese Erkenntnis langsam aber beständig in den Wahnsinn. Sie sieht keinen Ausweg unter den Bedingungen der Welt, also schert sie aus ihnen aus. Doch auch dieser Strang wird nicht beendet.

Als Gegenfigur zu Ulrich fungiert nicht nur Walter, sondern auch Paul Arnheim, eine Art Medienintellektueller avant la lettre („Großschriftsteller“ sagt Musil), der zu allem etwas Kluges zu sagen hat und damit in einer immer weiter zerfasernden Welt enorme Erfolge feiert. Arnheim wird als Autor eingeführt, der zu allen Problemen der Zeit und in allen Wissenschaften Beachtliches, wenn auch nicht Herausragendes geleistet hat. Hauptberuflich ist er jedoch Rüstungsindustrieller, der sich dem Kreis um Graf Leinsdorf und den Parallelaktivisten nähert, um Zugriff auf die galizischen Ölfelder zu erlangen, dabei aber der unglücklich verheirateten Cousine Ulrichs Hermine „Ermelinda“ Tuzzi, genannt Diotima, verfällt, einer hochmoralischen Dame, die sich sowohl dem Gedanken an eine Scheidung, wie auch dem Gedanken an eine Affäre entzieht, was seinerseits wieder zu interessanten Gesprächen über Moral führt. Am Ende versucht Diotima ihr Problem zu rationalisieren, indem sie sich in das Studium der Sexualwissenschaften stürzt.

Ein gewaltiger Roman, ein Zeitpanorama, eine detaillierte Bestandsaufnahme nicht nur der österreichisch-ungarischen Gesellschaft kurz vor ihrem Zusammenbruch, sondern vor allem der klassischen Moderne und ihrer Unübersichtlichkeit, die gleichzeitig von dem Bestreben begleitet ist, alles zu erfassen und logisch aufzulösen. Die Unmöglichkeit dieser Bestrebung wird durch den Bibliotheksbesuch des Generals Stumm verdeutlicht, der nur eine Person findet, die den Überblick über die Wissensbestände der zeit behält: den Bibliotheksdiener, der sich um die Kataloge kümmert. Der Preis für den Überblick ist hoch. Der Bibliotheksdiener liest niemals ein Buch und beherrscht das Wissen nicht etwa inhaltlich, sondern nur strukturell.

Das ist mehr als das, was man am Ende von Musil behaupten kann. Ihm entgleitet sein Roman, verliert sich in endlosen Vorträgen und Gesprächen, die nicht selten eine etwas repetitive Note haben. Natürlich ist das im „Mann ohne Eigenschaften“ Programm, denn es geht ja gerade um die moderne unüberbrückbare Fülle von Gegensätzlichem. Und doch bricht der Roman an manchen Stellen einfach unter der Last der nirgends hinführenden Philosophie zusammen, immer wieder tauchen neue Ideen auf, die irgendwie aus den alten hervorgegangen sein mögen, so ganz letztgültig ist das wohl nicht zu klären.

Das macht aus dem Text immer weniger einen Roman als einen Essay mit verteilten Rollen. Mit einem zeitgenössischen „show, don’t tell“ kann man an diesen Roman wohl nicht herangehen, aber es wird schon ein bisschen viel referiert und ein bisschen wenig gezeigt. Ob Musil bei längerem Leben diese Problematik noch einmal in den Griff bekommen hätte – ich denke nicht, denn im Grunde ist der Roman von Anfang an so, dass sehr viel referiert und sehr wenig gehandelt wird. Und noch einmal fällt auf – es wiederholt sich auf der Erzählebene, was auf der Handlungsebene angelegt ist. Die Idee des Romans scheint also eine weniger statische Ausführung gar nicht zuzulassen. Und es ist und bleibt eine Leistung, dass man das Buch dennoch gut lesen kann, viel besser als vergleichbare Werke mit großem „W“, wie etwa den „Ulysses“. Der „Mann ohne Eigenschaften“ – und das ist ihm sehr positiv anzurechnen – hat nichts Esoterisches oder übermäßig Gelehrtes. Er liefert die nötigen Informationen zu seinem Verständnis, manchmal gar in mehrfacher Ausführung. Ein Buch, das, wenn man sich auf es einlässt, viel veranschaulichen kann, viel über das 20. Jahrhundert und seine ideologischen Grabenkämpfe, viel über das, was geistesgeschichtlich seit der Jahrhundertwende passiert ist.


« Letzte Änderung: 10. August 2009, 17.41 Uhr von Bartlebooth »
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arbor

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Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
« Antwort #17 am: 10. August 2009, 19.05 Uhr »
Ein gewaltiger Roman, ein Zeitpanorama, eine detaillierte Bestandsaufnahme nicht nur der österreichisch-ungarischen Gesellschaft kurz vor ihrem Zusammenbruch, sondern vor allem der klassischen Moderne und ihrer Unübersichtlichkeit, die gleichzeitig von dem Bestreben begleitet ist, alles zu erfassen und logisch aufzulösen. ...
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Das macht aus dem Text immer weniger einen Roman als einen Essay mit verteilten Rollen. Mit einem zeitgenössischen „show, don’t tell“ kann man an diesen Roman wohl nicht herangehen, aber es wird schon ein bisschen viel referiert und ein bisschen wenig gezeigt. Ob Musil bei längerem Leben diese Problematik noch einmal in den Griff bekommen hätte – ich denke nicht, denn im Grunde ist der Roman von Anfang an so, dass sehr viel referiert und sehr wenig gehandelt wird. Und noch einmal fällt auf – es wiederholt sich auf der Erzählebene, was auf der Handlungsebene angelegt ist. Die Idee des Romans scheint also eine weniger statische Ausführung gar nicht zuzulassen. Und es ist und bleibt eine Leistung, dass man das Buch dennoch gut lesen kann, viel besser als vergleichbare Werke mit großem „W“, wie etwa den „Ulysses“. Der „Mann ohne Eigenschaften“ – und das ist ihm sehr positiv anzurechnen – hat nichts Esoterisches oder übermäßig Gelehrtes. Er liefert die nötigen Informationen zu seinem Verständnis, manchmal gar in mehrfacher Ausführung. Ein Buch, das, wenn man sich auf es einlässt, viel veranschaulichen kann, viel über das 20. Jahrhundert und seine ideologischen Grabenkämpfe, viel über das, was geistesgeschichtlich seit der Jahrhundertwende passiert ist.




Genau das habe ich immer am "Mann ohne Eigenschaften" geschätzt - ein Roman/Essay voller wahrer Sätze, die zudem zeitlos geblieben sind...

Offline sandhofer

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Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
« Antwort #18 am: 10. August 2009, 20.59 Uhr »
Das macht aus dem Text immer weniger einen Roman als einen Essay mit verteilten Rollen. [...] aber es wird schon ein bisschen viel referiert und ein bisschen wenig gezeigt. Ob Musil bei längerem Leben diese Problematik noch einmal in den Griff bekommen hätte – ich denke nicht, [...]

Ich auch nicht. Denn das ist ja konstituierend für die  Welt, wie sie Musil beschreibt: Viel reden, wenig handeln.

Ich müsste das Buch wieder mal lesen ...  ::)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Bartlebooth

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Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
« Antwort #19 am: 10. August 2009, 22.33 Uhr »
Ein gewaltiger Roman, ein Zeitpanorama, eine detaillierte Bestandsaufnahme nicht nur der österreichisch-ungarischen Gesellschaft kurz vor ihrem Zusammenbruch, sondern vor allem der klassischen Moderne und ihrer Unübersichtlichkeit, die gleichzeitig von dem Bestreben begleitet ist, alles zu erfassen und logisch aufzulösen. ...
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Das macht aus dem Text immer weniger einen Roman als einen Essay mit verteilten Rollen. Mit einem zeitgenössischen „show, don’t tell“ kann man an diesen Roman wohl nicht herangehen, aber es wird schon ein bisschen viel referiert und ein bisschen wenig gezeigt. Ob Musil bei längerem Leben diese Problematik noch einmal in den Griff bekommen hätte – ich denke nicht, denn im Grunde ist der Roman von Anfang an so, dass sehr viel referiert und sehr wenig gehandelt wird. Und noch einmal fällt auf – es wiederholt sich auf der Erzählebene, was auf der Handlungsebene angelegt ist. Die Idee des Romans scheint also eine weniger statische Ausführung gar nicht zuzulassen. Und es ist und bleibt eine Leistung, dass man das Buch dennoch gut lesen kann, viel besser als vergleichbare Werke mit großem „W“, wie etwa den „Ulysses“. Der „Mann ohne Eigenschaften“ – und das ist ihm sehr positiv anzurechnen – hat nichts Esoterisches oder übermäßig Gelehrtes. Er liefert die nötigen Informationen zu seinem Verständnis, manchmal gar in mehrfacher Ausführung. Ein Buch, das, wenn man sich auf es einlässt, viel veranschaulichen kann, viel über das 20. Jahrhundert und seine ideologischen Grabenkämpfe, viel über das, was geistesgeschichtlich seit der Jahrhundertwende passiert ist.




Genau das habe ich immer am "Mann ohne Eigenschaften" geschätzt - ein Roman/Essay voller wahrer Sätze, die zudem zeitlos geblieben sind...

Hmm, ich bin verwirrt, denn ich sehe eigentlich keinen Zusammenhang zwischen dem, was du aus meinem Beitrag zitierst, und dem, was du schreibst. Wenn der MoE meiner Ansicht nach eins ganz gewiss nicht ist, dann zeitlos. Und mit der Wahrheit hab ichs immer noch nicht so.
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arbor

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Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
« Antwort #20 am: 11. August 2009, 09.33 Uhr »
Das Zitat hätte ich vielleicht noch kürzen können, es ging mir um das Essayistische, das ich an Werken dieser Zeit sehr schätze - und auch also an Musil. Die Schriftsteller dieser Epoche waren meist noch rundum gebildete Leute - und das scheint in ihren Werken auf.

Andererseits bin ich nicht so vermessen, zu glauben, dass es DIE eine, alle seligmachende Wahrheit gibt; es gibt viele Wahrheiten - und der Reiz der Sprache besteht in ihrer Mehrdeutigkeit, der auch mehrere Wahrheiten zulässt, weil jeder Leser andere Assoziationen beim Lesen eines Textes einbringt.

Beispiele für in meinen Augen “wahre Sätze” bei Musil sind (das sind also Sätze, denen ich zustimmen kann - andere werden andere Sätze finden...) :

“...die ganze große Gemeinheit entsteht heutzutage nicht dadurch, dass man sie tut, sondern dadurch, dass man sie gewähren lässt. Sie wächst ins Leere. ... Gewährenlassen ist zehnmal gefährlicher als Tun!”

356

“Reiche Leute versichern denn auch mit Vorliebe bei jeder Gelegenheit, dass das Geld am Werte eines Menschen nichts ändere; sie wollen damit sagen, dass sie auch ohne Geld soviel wert wären wie jetzt, und sind immer gekränkt, wenn ein anderer sie missversteht. Leider widerfährt ihnen das gerade im Verkehr mit geistvollen Menschen nicht selten. Solche besitzen merkwürdig oft kein Geld, sondern nur Pläne und Begabung, aber sie fühlen sich dadurch in ihrem Wert nicht gemindert, und nichts scheint ihnen näher zu liegen, als einen reichen Freund, für den das Geld keine Rolle spielt, zu bitten, dass er sie aus seinem Überfluss zu irgendeinem guten Zwecke unterstütze.”

420

“Nein,” fiel Ulrich ein, “ganz so ist es nicht; im Gegenteil wäre es so eins der ältesten Missverständnisse! Denn ein guter Mensch macht die Welt nicht im geringsten gut, er bewirkt überhaupt nichts an ihr, er sondert sich nur von ihr ab!”

763

Offline Bartlebooth

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Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
« Antwort #21 am: 11. August 2009, 10.05 Uhr »
Ok, das habe ich verstanden. Aber viel mehr interessiert mich, warum du einen Roman, der so unglaublich in der Moderne verankert ist, für zeitlos hältst, bzw. in welchem Sinn du das meinst. Ist das eher ein "zeitlos" im Sinne von "wird immer noch gelesen" oder eben im Sinne von "wahr"? Oder verbindest du damit Spezifischeres?
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arbor

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Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
« Antwort #22 am: 11. August 2009, 10.57 Uhr »
Das Zeitlose daran sind die immer gültigen menschlichen Wahrheiten, die er ausspricht.

Offline sandhofer

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Re: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
« Antwort #23 am: 12. November 2017, 06.26 Uhr »
Den Thread hier hatte ich ganz vergessen. Ich bin ihn nämlich gerade am Lesen, den Mann ohne Eigenschaften. Sukzessive, Band um Band, wie eben die kritische Werkausgabe hereintröpfelt. Jetzt gerade habe ich Band 4 gelesen - den ersten von drei Bänden, die zu Lebzeiten Musils nicht mehr veröffentlichte Teile enthalten. Hier die Versuche Musils, den Roman doch noch fortzusetzen.
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