Autor Thema: Hans Albert: In Kontroversen verstrickt (Autobiographie)  (Gelesen 3374 mal)

Offline orzifar

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Hallo!

Nach dem "Elend der Theologie" (worüber ich mir noch ein paar abschließende Bemerkungen zu schreiben vorgenommen habe) nun die vor kurzem (2007) erschienene Autobiographie Hans Alberts. Schon nach wenigen Seiten weiß man, dass an dem guten Mann kein Schriftsteller verloren gegangen ist, Sprache und Herangehensweise erinnern an einen pensionierten Oberstudienrat, das ist so altbacken und brav geschrieben, dass es schon wieder zum Lachen reizt.

Bislang ist mir der Sinn dieses Schreibens noch nicht aufgegangen: Er erzählt (völlig wertfrei) von den zahllosen Panzerschlachten und Garnisonsaufenthalten, eine Aneinanderreihung von Fakten, die von beachtlicher Belanglosigkeit ist (und noch dazu langweilig erzählt). Von der geistigen Entwicklung, die zu seinem Denken führte, von der Auseinandersetzung mit Literatur oder Philosophie kein Wort (außer dass er seine jugendliche Begeisterung für Spengler erwähnt, aber auch dies in einer Form, als ob er seine Schuhgröße mitteilen würde).

Ich erwarte nun sehnlichst das Ende des 2. Weltkrieges, um dieser seltsamen Aufzählerei zu entkommen, hoffe, dass ich dann mit den für eine Lebensgeschichte eines Philosophen wichtigeren Teilen konfrontiert werde. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung dürfte das Buch aber nicht werden.

lg

orzifar

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orzifar>Schon nach wenigen Seiten weiß man, dass an dem guten Mann kein Schriftsteller verloren gegangen ist, Sprache und Herangehensweise erinnern an einen pensionierten Oberstudienrat, das ist so altbacken und brav geschrieben, dass es schon wieder zum Lachen reizt.

orzifar>Bislang ist mir der Sinn dieses Schreibens noch nicht aufgegangen: Er erzählt (völlig wertfrei) von den zahllosen Panzerschlachten und Garnisonsaufenthalten, eine Aneinanderreihung von Fakten, die von beachtlicher Belanglosigkeit ist (und noch dazu langweilig erzählt).

Irgendwie bewundere ich Dich. Die Hartnäckigkeit, mir der Du dir solche Lektüre antust, verdient schon fast einen Orden ...

Grüsse

sandhofer

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sandhofer>Irgendwie bewundere ich Dich. Die Hartnäckigkeit, mir der Du dir solche Lektüre antust, verdient schon fast einen Orden ...

Ich will ja nur bewundert werden ;-). - Es ist halt wie so oft: Für einiges Interessante muss man allerhand in Kauf nehmen. Wenn Hans Albert auch nur das geringste literarische Talent hätte, wäre das Vergnügen wesentlich größer; das, was man in seiner Philosophie auf der Habenseite verbuchen kann, klare Terminologie, Problembezogenheit, Begriffsabgrenzungen - wird in diesem Buch zu einem Schulaufsätzchen. Ein einziger stilistischer Tiefschlag.

Ich habe mir Aufschlüsse etwa über den Positivismusstreit erhofft, seine Freundschaft zu Ernst Topitsch (bei dem ein guter Freund von mir studierte), über Studentenunruhen, die 68iger aus Sicht eines mit dieser Bewegung wenig sympathiesierenden Dozenten. Bisher allerdings vergebens; zwar habe ich alle Schlachten des zweiten Weltkrieges unbeschadet überstanden, werde aber immer noch mit (mich langweilenden) Details der Verwandtschaft seiner Frau gequält oder aber er schreibt über seine Dissertation und Habilitation in einer Weise, als ob man dieselben gelesen haben müsste (was bei mir mitnichten der Fall ist). Gerade dieser Positivismusstreit hätte mich sehr interessiert (habe ich doch mit erwähntem Freund gerade dazu häufig debattiert), allerdings hat er bislang dazu nur wenig Substantielles verlauten lassen.

Im übrigen bin ich - was mein Durchhaltevermögen bei zweifelhaften Büchern anlangt - längst zu einer altersbedingten Intoleranz gediehen und keineswegs mehr der Meinung, dass ich (wie Wagner im Schlafrock) alles wissen müsse. Im Gegenteil - mir scheint dieser Versuch sogar direkt zu völliger Beliebigkeit im Wissen zu führen. So breche ich oft (immer öfter) ab, während ich mich in jugendlichem Eifer durch alles und jedes gelesen habe (manchmal ohne auch nur ein Wort zu verstehen). Bzw. - vielleicht deshalb. Gerade weil ich in minimalem Maße zu verstehen beginne, leiste ich mir den Luxus des Abbrechens mit guten Gewissen.

lg

orzifar

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Hallo!

Nun gab es doch einiges über den Positivismusstreit, allerdings nicht viel mehr als man auch über Wikipedia hätte erfahren können. Albert findet einfach nicht den rechten Weg zwischen einem Zuviel an Voraussetzungen (wer kennt schon alle seine Bücher) und einem allzu kursorischen Erledigen von Dingen.

Er nimmt (im Anschluss an die Positivismusdebatte) auch kurz zum Historikerstreit Stellung, kritisiert Habermas (m. E. zu Recht), setzt sich allerdings durch die Art seiner Darstellung dem - wohl unberechtigten - Vorwurf aus, selbst zu den Revisionisten zu zählen. So mag es zwar stimmen, dass bei den Nürnberger Prozessen selbst Verbrecher am Tisch saßen (womit vor allem die russische Seite gemeint ist), allerdings klingen solche Hinweise häufig nach einer seltsamen Rechtfertigung anderer Verbrechen (als ob der Tod der Kulaken auf irgendeine Weise den Mord an den Juden rechtfertigen könnte). Diese Sandkistenspiele des Aufrechnens (aber bitte, er hat doch auch ...) gehören zum Dümmsten und Schädlichsten, sind sie doch dazu geeignet, Taten zu relativieren (oder gar zu rechtfertigen), die eben nicht zu rechtfertigen sind. Und sie geben der anderen (ebenso dummen) Seite die (ebenso dummen) Argumente in die Hand, ihre Taten in einem beschönigenden Licht erscheinen zu lassen. Ein unendlicher Regress - und gerade von solchen Einfältigkeiten sollte Albert Abstand nehmen, wirft er sie - in anderem Zusammenhang - mit Recht seinen Gegnern in den philosophishen Debatten vor.

Überhaupt kommt mir die Kritik, die Reflexion seiner eigenen Zeit während des Zweiten Weltkrieges zu kurz (bislang meinte ich, dass eine solche Reflexion noch erfolgen würde, nun, nach der Hälfte des Buches, vermute ich, dass ich darauf vergebens warten werde). Diese Zurückhaltung (eigentlich das völlige Aussparen) mutet wie eine Entschuldigung an, wirkt auch als eine Art Selbstverständlichkeit, als ob man damals gar nicht hätte anders handeln können. Aber nicht jeder Junge wollte Offizier werden, nicht jeder hat "tapfer" seine Pflicht erfüllt - und man sollte sich zumindest fragen, warum es anderen gelungen ist, einen kritischen Abstand zum Regime zu haben, während man selbst bis zum Schluss an diesen Staat zu glauben bereit war.

(Daneben auch die für mich fast immer unglaubwürdige Feststellung, von so vielem "nichts gewusst" zu haben. In meiner Familie, irgendwo in einem abgelegenen Bergdorf in den Ostalpen beheimatet und damit weit ab von Informationsmöglichkeiten, hat man glaubwürdig versichert, dass von den Judenvernichtungen ab 1942 die Rede war - wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Immer wieder sei von "Judenseife", von "Lampenschirmen aus Judenhaut" gemunkelt worden, auch unter Kindern/Jugendlichen (mein Vater bzw. meine Tanten und Onkeln waren zwischen 10 und 17 zu jener Zeit) sei darüber gesprochen worden. Dass etwa Speer (mit dem Albert übrigens einige Male zusammentraf) davon nichts gewusst habe (Albert selbst war jahrelang im Osten im Einsatz und es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass man dort zumindest wissen _konnte_) erschien mir immer hochgradig lächerlich. Und auch alle jene, die ihm das bereitwillig glaubten; sie verwenden Speer häufig als Argument pro domo. In jedem Fall aber muss man sich nach der Rechtfertigung eines 6 Jahre dauernden Krieges fragen - oder, wenn man dasselbe nicht tut, sich nach dieser Zeit damit auseinandersetzen, warum man so unreflektiert gehandelt hat, ein so problemloses Werkzeug der Diktatur wurde. Ich fordere dabei nicht Widerstand (das wäre aus der Sicht des Zuspätgeborenen ein wenig billig und könnte nur dann erfolgen, wenn man einigermaßen glaubwürdig nachweisen könnte, dass man selbst anders gehandelt hätte), sondern bloß eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Funktionieren. Dies fehlt bei Albert vollkommen.)

Auch in anderer Hinsicht will mir sein Verhalten ein wenig schizophren, in jedem Fall - für mich - schwer nachvollziehbar erscheinen. So betont er zwar seine Distanz zur Kirche, christlichen Religion von früh auf, findet aber nichts dabei, der Forderung der Familie seiner Frau nach einer kirchlichen (katholischen) Trauung nachzugeben. Nun ist das so tragisch nicht und hat keineswegs Auswirkungen wie das Gehorchen und Funktionieren unter den Nationalsozialisten, zeugt aber andererseits von einer bemerkenswerten Inkonsequenz. Reale Welt und die Welt der Erkenntnis können offenbar nebeneinander existieren, ohne großen Einfluss aufeinander zu haben.

Die Person Albert (deren Philosophie ich eigentlich schätze) erscheint mir in dieser Lebensbeschreibung höchst zweifelhaft, ich vermisse Konsequenz, Selbstkritik und beginne die Motivation linker Kritiker an den Philosophen wie Albert und Topitsch zu verstehen (auch wenn ich deren Kritik an den philosophischen Positionen der Genannten falsch finde). Der kritische Rationalismus kann nichts für die persönlichen Unzulänglichkeiten deren Vertreter, dass man aber dieselben als Personen angreift, ist verständlich (Topitsch hat dann mit seinem Buch "Stalins Krieg", in dem er obskure Thesen über einen Präventivkrieg Hitlers aufstellte, ein Zeichen für beginnenden Altersschwachsinn gesetzt. Inwieweit er sich in diese Position von verzweifelt die Sowjetherrschaft verteidigenden Linken drängen ließ, ist im Grunde bedeutungslos und keineswegs eine Rechtfertigung für die eigenen Blödheit.)

lg

orzifar

p. s.: Ich hoffe der sandhoferschen Bewunderung nun endgültig teilhaftig geworden zu sein.

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Hallo!

orzifar>p. s.: Ich hoffe der sandhoferschen Bewunderung nun endgültig teilhaftig geworden zu sein.

Bist Du. Uneingeschränkt. Immerhin hat Deine Lektüre und Deine genaue Berichterstattung für mich auch den Vorteil, dass ich mir einerseits eine offenbar nicht allzu interessante Lektüre erspare, andererseits doch genug von deren Inhalt mitbekomme, um zu wissen, warum ich mir sie nicht antun werde.

Grüsse

sandhofer

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Hallo!

Um Stil und Sprache dieses Buches wirklich würdigen zu können, muss ich den Autor selbst zu Worte kommen lassen:

"Dann nahm ich an einer Sitzung des Watkins-Seminars in der London School of Economics teil, auf der Musgrave über das Thema "There are no numbers" sprach, ein Thema, das jedem, der sich an den Schulunterricht in Mathematik erinnert, merkwürdig vorkommen wird, aber dennoch ein interessantes ontologisches Problem enthält. Ich sah dort auch meine Nichte Regina v. Pacher, die in London im Bankgeschäft tätig war. Die nächste Sitzung fand im Oktober 1987 in London statt. Bei dieser Gelegenheit sprach Adolf Grünbaum ..."

Nichte Reginas einziger Auftritt im Buch, nur ist die gute Dame leider repräsentativ für das zwanglose Erscheinen von Personen, die da völlig sinnfrei eingefügt werden. (Ohne der guten Nichte nahe treten zu wollen: Die ontologischen Implikationen der Zahllosigkeit hätten mich denn doch mehr interessiert.) Stilistisch erinnert das Ganz an Schulaufsätze - "Mein schönstes Ferienerlebnis". Etwa:

"Die nächste Urlaubsreise führte mich 1954 nach Italien, und zwar nach Catolica an der Adria. Dann fuhr ich nach meinem ersten Besuch derAlspbacher Hochschulwochen im Sommer 1955 von Innsbruck aus nach Alassio an der italienischen Riviera. Später besuchten meine Frau und ich ..."

Also: Das Buch ist schon richtiger Mist, man könnte gar den Verdacht haben, dass das zuständige Lektorat von einem Habermasanhänger oder Theologen besetzt gewesen sei, der dem alten Mann nicht wohl gesonnen war.

Ärgerlicher als diese inhaltlichen Abstrusitäten aber die Haltung Alberts in politischen Fragen (bzw. das, was von dieser Haltung durchscheint und zum Ausdruck kommt): So druckt er im Anhang eine Stellungnahme zum "Fall Fritze" ab, der eine (mir unbekannte) Arbeit über den Hitlerattentäter Georg Elser geschrieben hat, eine Arbeit, die offenbar als rechtslastig interpretiert werden konnte (ob nun zu Recht oder Unrecht)). Albert nimmt sich des Falles an und beschwert sich über die Berichterstattung bezüglich des Artikels, er moniert die "Freiheit der Wissenschaft" etc. Das alles m. E. mit Recht, denn es gibt kein Thema, das nicht einer wissenschaftlichen Untersuchung zugängig ist. Eine solche Weigerung, sich der Kritik zu stellen, ist dann meist Wasser auf den Mühlen derer, die ihr braunes Süppchen damit kochen wollen: So war es für mich höchst ärgerlich, dass man sich bei den Organisatoren der Wehrmachtsausstellung lange gegen eine Untersuchung des Bildmaterials gewehrt hat. Weil nicht falsch sein kann, was nicht falsch sein darf. Als sich schließlich in einigen (ganz wenigen Fällen) herausgestellt hat, dass einige Bilder tatsächlich "falsch" waren, haben die rechten Szenen frohlockt, sahen sie damit doch das ganze Unternehmen desavouiert.

Bei Albert hinterlassen solche Stellungnahmen aber einen seltsamen Geschmack: Sie scheinen nicht ganz uneigennützig und die "Freiheit der Wissenschaft" soll v. a. die eigene Gesinnung stützen. Glaubwürdiger wäre so etwas dann, wenn eine solche Forderung nicht nur dann erhoben würde, wenn es eben um diese eigene Gesinnung geht. (Es dürfte kein Zufall sein, dass gerade der "Fall Fritze" und der "Historikerstreit" von ihm erwähnt wurden. Warum nicht auch eine Kritik seines Freundes Ernst Topitsch und dessen Nachweis, dass Hitler nur einen Verteidigungskrieg führte? Solches aber bleibt bei ihm außen vor, ebenso wie eine irgendwie kritische Haltung gegenüber seiner eigenen Vergangenheit. Und genau _das_, nicht der Einsatz für Fritze, Nolte oder Hillgruber sind das Entscheidende und Ärgerliche.)

lg

orzifar
« Letzte Änderung: 14. Juli 2009, 23.44 Uhr von orzifar »
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Hans Albert: Plädoyer für kritischen Rationalismus

Offline sandhofer

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Re:Hans Albert: In Kontroversen verstrickt (Autobiographie)
« Antwort #1 am: 28. Juli 2009, 07.35 Uhr »
Das Buch ist schon richtiger Mist, man könnte gar den Verdacht haben, dass das zuständige Lektorat von einem Habermasanhänger oder Theologen besetzt gewesen sei, der dem alten Mann nicht wohl gesonnen war.

Oder Albers' Versuch, im Regress auf rein Faktisches halt doch einen absoluten Wahrheitsanspruch setzen zu können?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re:Hans Albert: In Kontroversen verstrickt (Autobiographie)
« Antwort #2 am: 28. Juli 2009, 15.58 Uhr »
Das Buch ist schon richtiger Mist, man könnte gar den Verdacht haben, dass das zuständige Lektorat von einem Habermasanhänger oder Theologen besetzt gewesen sei, der dem alten Mann nicht wohl gesonnen war.

Oder Albers' Versuch, im Regress auf rein Faktisches halt doch einen absoluten Wahrheitsanspruch setzen zu können?

Ich befürchte, dass du damit dem guten Albert zuviel an Ehre und Nachdenken über dieses sein autobiographisches Geschreibsel erweist ;). Er sollte einfach nur bei seinem Leisten bleiben und Ausflüge in nichtphilosophische Gebiete meiden wie die Pest.

lg

orzifar
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