Ich gehe davon aus, dass orzifar aber Spiritualität nicht durchgehen lässt mombour, weil das wäre ja den Weihnachtsmann integrieren.
Mit dieser Vermutung liegt Anita richtig

, ich weiß gar nicht recht, was denn Transzendenz, Spiritualität sein sollen.
Ich glaube nicht daran, dass alles nur chemische Reaktionen sind, wo bleibt dann der Mensch?
Der Mensch ist nichts anderes denn chemische Reaktion, eine Art Durchlauferhitzer, ein Materiehaufen, der der Entropie eine Zeitlang trotzt. Allerdings ist für mich diese pragmatische Betrachtungsweise ganz und gar nicht desillusionierend - im Gegenteil: Es ist faszinierend, dass eine bestimmte Anordnung von Teilchen so etwas wie Bewusstsein hervorzubringen vermag, Selbstreflexion, dass dieser Haufen sich doch tatsächlich Gedanken darüber zu machen imstande ist, wie denn dieser Haufen zustande kam. Das ist doch viel packender als irgend so eine müde "Seelenvorstellung" märchenhafter Art, die dann, wenn die Entropie ihren Sieg davongetragen hat, noch irgendwo immateriell west und sich umtreibt.
Ich habe mich eurer Leserunde wegen ein wenig über Wilber informiert und halte ihn für einen moderenen Guru. Schon die Dichotomie von "Wissen und Weisheit" impliziert eine Art von Idealismus, den ich für ein völlig verfehltes Konzept halte. Was ich in meinem Posting mit "Nichtverstehen" v. a. meinte, war, dass ich solche spirituelle, transzendente Konzepte für eben ungeheuer flach und langweilig halte und dass ich ganz im Gegensatz zu Anitas Satz oben die wissenschaftliche Weltsicht für ungeheuer viel reicher, faszinierender halte als diese Esoterikentwürfe, die ständig ein "darüber hinaus" (eben ein Transzendieren - auch - im Hesseschen Sinne) propagieren. Diese Entwürfe sind im Vergleich zur wissenschaftlichen Weltsicht sehr viel einfacher, simpler, sie sind zumeist vollkommen phantasielos und trivial und sie langweilen mich schon deshalb, weil sie zufällig, beliebig sind. Wieviel schöner und reicher sind doch die rationalen Erklärungen von Phänomenen, und wie viel mehr an noch zu Erforschendem bietet die Wissenschaft als dieses triviale Modifizieren von mythischen Varianten.
Den Satz "Die spirituelle Erfahrung ist die Grundlage von Religion und Grundlage für ein erfülltes Leben überhaupt" halt ich für fundamental falsch. Von solchen Sätzen gab es im Wilber-Thread unzählige - und um eine m. E. fruchtlose Diskussion zu vermeiden (weil man sich ständig mit Begriffen auseinandersetzen muss, der Inhalte unklar und beliebig sind), habe ich mich damals heraus- und zurückgehalten. Den Begriff "spirituelle Erfahrung" halte ich für Quark - ich weiß nicht, was das sein soll - und wenn ich es zu definieren versuche, dann gelange ich zu einem Ergebnis, das genau das Gegenteil davon ist, was ich unter einem "erfüllten Leben" mir vorstellen kann.
Der Buddhismus ist für mich überhaupt ein grauenhaftes Konzept, eine Ideologie, die im Leben immer nur Negatives sieht (während wir nichts anderes als dieses eine müde Leben haben), die sogar die Freude verurteilt (da man sich ja aller Emotionen entledigen muss um endlich das Nichts zu erreichen), die lebensfeindlicher nicht sein kann. Und was Zazen betrifft: Ich brauche keine Sitzanleitung von Meister Zazengi, damit ich mich nur dem Sitzen hingebe - und wenn ein solches "Leerwerden" irgendein Sinn haben sollte, dann auch nur wieder in Hinsicht auf das Leben. (Was sind das doch für perverse Vorstellungen: Da hat man nur dieses eine Leben und soll darauf hinarbeiten, es so wenig wie möglich wahrzunehmen.) Ich fühle mich im übrigen beim Denken durchaus wohl, es entspannt mich, macht mir Freude, und gerade diese Freude werde ich mir von seltsamen Nirvana-Konzepten keineswegs vermiesen lassen.
Aber ich fürchte, dass diese Diskussion rasch eine Form annehmen könnte, die zu einiger Polemik führt (wenigstens von meiner Seite, eben weil ich solchen Diskussionen bestenfalls eine ironisch-sarkastische Note abgewinnen kann).
Feynmans Begeisterung über Erklärungen, die (wissenschaftliche) Vielfalt der Welt, die Faszination über das Verstehbare kann ich nachvollziehen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass spirituelle, religiöse Menschen diesen Reichtum einer Welt ohne alles übersinnliche, metaphysische Brimborium überhaupt nicht zu schätzen wissen (so wie es meinem Menschsein ja überhaupt nichts nimmt, dass ich eben das Ergebnis bloß chemischer Vorgänge bin - im Gegenteil: Umso faszinierender, was mit so wenig Grundbausteinen möglich ist). Aber ich versuche wohl die Quadratur des Kreises: Indem ich die Irrationalität zu verstehen versuche.
lg
orzifar