Autor Thema: Sten Nadolny: Netzkarte  (Gelesen 3454 mal)

Offline orzifar

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Sten Nadolny: Netzkarte
« am: 26. Oktober 2015, 04.12 Uhr »
Hallo!

Dies ist das erste Buch Nadolnys, der anschließend mit der "Entdeckung der Langsamkeit" weit über die Grenzen hinaus (zu Recht) bekannt wurde. - Der aus Bayern stammende Ole Reuter (man würde ihn aufgrund des Namens eher im Norden verorten) steht vor seinem Lehrerexamen - und damit auch vor einer Lebensentscheidung: Er befindet sich auf dem Weg zu einem soliden Leben, einem ebensolchen Beruf - und sieht sich bereits als alternder Studienrat dahinvegetieren. Daher kauft er sich eine Netzkarte - gültig für 4 Wochen im gesamten Gebiet der damaligen Bundesrepublik und versucht auf diese Weise eine Art Selbstfindung. Das Finden beschränkt sich aber eher auf wechselnde Geschlechtspartner (und jetzt frage ich mich angesichts des offenbar heterosexuellen Reuter: Muss ich hier Geschlechtspartnerinnen schreiben, um Verwirrungen vorzubeugen - aber vor dem Wort graut mir nun doch) und auf kleine, oft witzige Beobachtungen. Aber die Libido holt ihn schließlich in Gestalt der erst 17jährigen Judith ein, das ist kein Onenightstand wie so oft zu vor, sondern mehr ...

Vier Jahre später, nachdem sich Ole zwischendurch beim Film verdingt hat, ist er wieder im Besitz einer Netzkarte: Die nun 50 DM teurer ist und ihn vor jener Judith fliehen lässt, die für das Ende seiner ersten Reise mitverantwortlich war. Zwischen Eifersucht (den Judith hatte sich jemand gefunden, mit dem sie sich - natürlich nur platonisch - besser unterhalten kann) und der immer noch latenten Unsicherheit ob seiner Zukunft begibt er sich auf Besuchsreise - zu ehemaligen Kommilitonen, väterlichen Freunden und verflossenen Freundinnen, um schließlich wieder in Begleitung der holden Weiblichkeit (anderen Namens) recht zufrieden Richtung Berlin zu fahren. (Nadolny gibt vor, das Ganze nur anhand des Reisetagebuchs von Reuter zu erzählen - und er weiß in dieser Rahmenhandlung zu berichten, dass dieser sich nun doch vorläufig für den Lehrberuf entschieden hat.)

Es ist ein bisschen typischer Erstlings- und Jugendroman, aber die Fähigkeit Nadolnys, einfach nur zu erzählen und wie selbstverständlich Charaktere und Begebenheiten vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen, ist auch hier schon spürbar. Nicht, dass man den Roman unbedingt gelesen haben sollte: Aber ein sehr angenehmes, unprätentiöses Buch mit einigen gelungen, mit viel Witz gezeichneten Dialogen.

lg

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Offline sandhofer

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Re: Sten Nadolny: Netzkarte
« Antwort #1 am: 26. Oktober 2015, 20.48 Uhr »
Nicht, dass man den Roman unbedingt gelesen haben sollte: [...]

Da bin ich aber froh - mir fehlt die Zeit für Neues...
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Offline orzifar

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Re: Sten Nadolny: Netzkarte
« Antwort #2 am: 27. Oktober 2015, 19.07 Uhr »
Hallo!

Nicht, dass man den Roman unbedingt gelesen haben sollte: [...]

Da bin ich aber froh - mir fehlt die Zeit für Neues...

"Die Entdeckung der Langsamkeit" fand ich sehr lesbar, "Selim oder Die Gabe der Rede"wurde mir vor kurzem empfohlen. Ich werde berichten. In jedem Fall könnte ich mir vorstellen, dass die Bücher Vischers "Ästhetiken" an Interesse Paroli bieten können (das durchzuhalten verlangt mir einiges an Bewunderung ab).

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Offline sandhofer

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Re: Sten Nadolny: Netzkarte
« Antwort #3 am: 27. Oktober 2015, 19.21 Uhr »
In jedem Fall könnte ich mir vorstellen, dass die Bücher Vischers "Ästhetiken" an Interesse Paroli bieten können (das durchzuhalten verlangt mir einiges an Bewunderung ab).

Das mag sehr wohl sein. Allerdings habe ich bei 'theoretischen' Büchern mehr Geduld als bei Romanen. Und in die Ästhetik habe ich mich gerade verbissen: Ich plane nach Vischer noch Baumgartner und Weisse zu lesen, dann Lessing, Winckelmann, Mendelssohn und Jean Paul.  :angel:
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Offline orzifar

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Re: Sten Nadolny: Netzkarte
« Antwort #4 am: 27. Oktober 2015, 19.45 Uhr »
Das mag sehr wohl sein. Allerdings habe ich bei 'theoretischen' Büchern mehr Geduld als bei Romanen. Und in die Ästhetik habe ich mich gerade verbissen: Ich plane nach Vischer noch Baumgartner und Weisse zu lesen, dann Lessing, Winckelmann, Mendelssohn und Jean Paul.  :angel:

Krawuzi-kapuzi - um's mit Pezi-Bär (kennt man den in der Schweiz oder in Deutschland überhaupt?) zu sagen. Dabei wollte ich dich zur Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte bekehren (der derzeit bei mir in der Leseliste befindliche Andersson ist nämlich ein ganz besonders empfehlenswertes Exemplar). Aber das eine schließt ja das andere nicht aus, obwohl du mit deinen Plänen doch einigermaßen ausgelastet sein dürftest.

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Offline sandhofer

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Re: Sten Nadolny: Netzkarte
« Antwort #5 am: 27. Oktober 2015, 21.00 Uhr »
(der derzeit bei mir in der Leseliste befindliche Andersson ist nämlich ein ganz besonders empfehlenswertes Exemplar)

Ich habe ihn mir mal bestellt.  ;)

Und Pezi-Bär kenne ich - weil ORF auch in der Schweiz zu empfangen ist. Allerdings wusste ich erst wieder, wer das ist, als ich die Bilder auf Google gefunden habe.
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Offline orzifar

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Re: Sten Nadolny: Netzkarte
« Antwort #6 am: 04. November 2015, 04.34 Uhr »
(der derzeit bei mir in der Leseliste befindliche Andersson ist nämlich ein ganz besonders empfehlenswertes Exemplar)
Ich habe ihn mir mal bestellt.  ;)

Na, da bin ich gespannt. Ich werde wahrscheinlich noch eine Zeitlang an diesem Buch lesen (auch wenn es nicht so besonders umfangreich ist).

lg

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Offline sandhofer

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Re: Sten Nadolny: Netzkarte
« Antwort #7 am: 04. November 2015, 07.06 Uhr »
Ich weiss nicht, ob ich dieses Jahr noch dazu komme, es zu lesen...  :-\
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