Autor Thema: W.G. Sebald - Austerlitz  (Gelesen 5599 mal)

Offline dora

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W.G. Sebald - Austerlitz
« am: 14. Juli 2009, 22.35 Uhr »
Hallo!

Nun habe ich die ersten 40 Seiten des Buches gelesen und alsbald die Einsicht gewonnen, dass es sich bei "Austerlitz" weniger um einen Schlachtenort denn um eine Person handelt.

Sprachlich sehr schön habe ich dennoch einiges Unbehagen empfunden, da Sebald auf den ersten Seiten etwas macht, das ich ganz und gar nicht ausstehen kann: Bilder, Bauwerke beschreiben in aller ihrer Ausführlichkeit. Wann immer ich in einem Buch auf solche Stellen stoße (etwa in Wildes "Bildnis des Dorian Gray" oder Ecos "Name der Rose") verspüre ich Ungeduld und Langeweile (ganz ähnlich ergeht es mir auch mit allzu detaillierten Naturschilderungen, die Unzahl der beschriebenen Blümchen und Gräslein und Rindenstückchen bei Stifter ist das meine nicht). Mich interessieren eher Gedankenwelten, philosophische Konzepte oder auch genau beobachtete Menschenschilderungen (Ransmayrs "Weg nach Surabaya" als herausragendes Beispiel für eine solche Beobachtung).

Breendonk als Festung, Folterkammer, Sebalds eigene Erinnerungen an seine Kindheit (der Geruch der Schmierseife, das Wort "Wurzelbürste") haben mir wesentlich besser gefallen. Aber nach erst einem Zehntel des Buches vermag ich noch nicht wirklich zu urteilen ...

lg
Orzifar
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Hallo!

Leider bin ich gestern nicht weiter, als die schon erwähnten 17 Seiten gekommen.
Trotzdem wollte ich meinen allerersten Eindruck schildern.

Nun, ich mag Schilderungen dieser Art (wenn ein bestimmter Grad nicht überschritten und es kitschig oder überzogen wird) und gerade das hatte mich wiederum an diesen ersten Seiten fasziniert. Zumal Sebald beim erzählen einem regelrecht von einem Ort zum anderen "fließen" lässt.

Hoffentlich komme ich heute Abend noch zum lesen!

Liebe Grüße
wolves
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Hallo orzifar und nikki!

Ich habe noch kein Wort über meine Ausgabe verloren. Ts Ts, dass wird direkt geändert. Leider habe ich keine gebundene Ausgabe  , sondern habe zur Taschenbuchausgabe vom Fischer Verlag gegriffen, 421 Seiten.

Gestern bin ich zu meiner größten Freude noch zum ungestörten Lesen gekommen und bin jetzt auf Seite 44. Ich mag die Art wie Sebald schreibt, immer mehr, diese wunderbare fließende Übergänge. Fast bekommt man eine melancholische Stimmung beim lesen.

Leider ist mein Schulfranzösisch, bis auf ganz wenige Wörter, völlig vergessen. Vielleicht kann mir jemand folgende Passagen übersetzen? Übertragungsfehler, wegen Kampf um die Tastatur eingeschlossen 

"combien des ouvriers périrent, lors de la manufacture de tels miroirs, de malignes et funestes affectations à la suite de l´inhalation des vapeurs de mercure et de cyanide"

"la pendaison par les mains liées dans le dos jusqu´à évanouissement"

"filiform, gras, soudain plus épais ou plus grand, puis de nouveau mince, boiteaux"

Vielleicht mag ich jetzt zu viel interpretieren, aber habt ihr auch das Gefühl, dass die Beschreibungen über den Bahnhof, die Gedanken über die Unwirklichkeit der Zeit, die Beschreibungen der Festungen (Saarlouis war auch dabei, die Stadt ist gar nicht weit von mir entfernt. Ich sollte mir das mal anschauen gehen.), so ein klein wenig schon in eine Richtung weisen? Irgendwie beschleicht mich beim lesen das Gefühl, dass das ganze nicht ohne Absicht ist. Nur weiß ich noch nicht genau ob und was Sebald damit beabsichtigt.

Ich habe mir mal folgende Stichworte notiert:

Beim Bahnhof:
Qual des Abschieds, Angst vor der Fremde

Bei der Zeit: "(...), weshalb wie auch, jedesmal, wenn wir von auswärts zurückkehren, nie mit Sicherheit wissen, ob wir wirklich fortgewesen sind."
Zeit hätte etwas Illusionistisches und Illusionäres

Festung: Die größten Festungen würden naturgemäß auch die größte Feindesmacht anziehen. Je mehr man sich verschanzt, um so mehr Blöße; die Bewegung macht den Unterschied.

Ganz anders dann die Festung Breendonk. Und da habe ich eine sehr neugierige Nachfrage an dich orzifar. Du gehst davon aus, dass Sebald der Ich-Erzähler ist? Das ist doch richtig so, oder? Habe ich da etwas überlesen? Denn ich bin bis jetzt noch nicht über den Namen des Erzählers gestolpert. Aber da mein lesen zur Zeit nicht immer so ungestört ist, kann es mehr als wahrscheinlich sein, dass ich was überlesen hätte.

Liebe Grüße
wolves
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wolves>"combien des ouvriers périrent, lors de la manufacture de tels miroirs, de malignes et funestes affectations à la suite de l´inhalation des vapeurs de mercure et de cyanide"

wieviele Arbeiter kamen ums Leben während der Herstellung solcher Spiegel, bösartige und verhängnisvolle Berufung als Folge des Einatmens von Quecksilber- und Zyaniddämpfen.
(Zyanid ist nicht gleich cyanide – aber mein Wörterbuch ist nicht ausgerüstet für chemische Begriffe  )

wolves>"la pendaison par les mains liées dans le dos jusqu´à évanouissement"

das Aufhängen bis zur Ohnmacht an den im Rücken gebundenen Händen

wolves>"filiform, gras, soudain plus épais ou plus grand, puis de nouveau mince, boiteaux"

Dünn, fett, plötzlich dicker oder grösser, dann wieder von neuem dünner, wackelig/schwach (was die Ûbersetzung von boiteux wäre – boiteaux gibt es nicht  )

kenavo
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Kenavo! Dankeschön!

Liebe Grüße
wolves
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Guten Morgen zusammen!

Mittlerweile bin ich zu Austerlitz Lebenserzählung gedrungen (Seite 92).

Die Beschreibung des Justizpalastes, Austerlitz Herumirren und suchen, erinnerte mich etwas an Kafkas Schloss. Ich kenne das Buch allerdings nur vom Inhalt her (auch eine Leselücke die es noch zu stopfen gilt). Von daher kann ich auch ziemlich mit meiner Vermutung danebenlegen.
Gerade kam mir der Gedanke, ob das auch eine Metapher (richtige Wortwahl?) für Austerlitz Suche nach sich selbst ist. Er verirrt sich ja regelrecht in den Gängen dort und manche Szenen, wie eröffnen irgendeines Lädchens, wirkt eher sureal auf mich.

Rein zufällig, als wäre Raum und Zeit gesprengt, treffen der Erzähler und Austerlitz wieder zusammen. Bei jedem anderen Buch hätte ich das ganze als absurd abgetan, aber hier, passt es auf seine Art und wirkt auf mich fast schon auf seltsame Art "normal".

Und jetzt eine recht große Wissenslücke von mir. Ich kenne mich mit Philosophen überhaupt nicht aus. Austerlitz wird mit Wittgenstein verglichen. Mein eiliges herbeiziehen von meinem einzigen brauchbaren Werk in Richtung Informationen über Philosophen, "Die philosophische Hintertreppe", brachte mir nicht so wirklich den gewünschten Erfolg. Da werde ich noch etwas weiter recherchieren gehen.

Liebe Grüße
wolves
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Hallo!

Es will mit dem Lesen nicht recht vorwärts gehen (73), aber heute habe ich mir fest vorgenommen, mich länger dem Buch zu widmen.

wolves>Vielleicht mag ich jetzt zu viel interpretieren, aber habt ihr auch das Gefühl, dass die Beschreibungen über den Bahnhof, die Gedanken über die Unwirklichkeit der Zeit, die Beschreibungen der Festungen (Saarlouis war auch dabei, die Stadt ist gar nicht weit von mir entfernt. Ich sollte mir das mal anschauen gehen.), so ein klein wenig schon in eine Richtung weisen? Irgendwie beschleicht mich beim lesen das Gefühl, dass das ganze nicht ohne Absicht ist. Nur weiß ich noch nicht genau ob und was Sebald damit beabsichtigt.


Ich muss feststellen, dass ich mir oft gar nichts denke ;-). Ich lasse diese Stellen auf mich wirken, versuche keine Interpretationen - und sie kommen mir auch kaum in der Sinn. Wobei ich prinzipiell das Melancholische von Bahnhofsbeschreibungen nachvollziehen kann, die ja immer irgendwie den Gedanken an Abschied, vielleicht gar Sterben erwecken. Ich sehe dann automatisch selbst erlebte Szenen vor mir, Stehen vor Waggonfenstern, das Versichern eines Wiedersehens, Winken, der entschwindende Zug, das Wissen, dass trotz aller Versicherungen man sich wohl nie wieder sehen wird.

wolves>Ganz anders dann die Festung Breendonk. Und da habe ich eine sehr neugierige Nachfrage an dich orzifar. Du gehst davon aus, dass Sebald der Ich-Erzähler ist? Das ist doch richtig so, oder? Habe ich da etwas überlesen? Denn ich bin bis jetzt noch nicht über den Namen des Erzählers gestolpert. Aber da mein lesen zur Zeit nicht immer so ungestört ist, kann es mehr als wahrscheinlich sein, dass ich was überlesen hätte.

Das stimmt, das war eine implizite, nicht wirklich belegbare Annahme (die beigestellten Fotos erzeugen diese Form der Authentizität und tatsächlich dürfte der Roman(?) (man nimmt es mit Gattungsbezeichnungen und -definitionen längst nicht mehr so genau) eine Mischung aus Reisebericht, Autobiographie und Fiktion sein). Also: Du hast nichts überlesen, ich hingegen Annahmen getroffen, die nicht wirklich belegbar sind.

wolves>Die Beschreibung des Justizpalastes, Austerlitz Herumirren und suchen, erinnerte mich etwas an Kafkas Schloss. Ich kenne das Buch allerdings nur vom Inhalt her (auch eine Leselücke die es noch zu stopfen gilt). Von daher kann ich auch ziemlich mit meiner Vermutung danebenlegen.


Diese Leselücke aufzufüllen ist so schön wie notwendig. - Mir kam auch Kafka in den Sinn, aber weniger das Schloss, als die Gerichtsgebäude beim "Prozess".

wolves>Gerade kam mir der Gedanke, ob das auch eine Metapher (richtige Wortwahl?) für Austerlitz Suche nach sich selbst ist. Er verirrt sich ja regelrecht in den Gängen dort und manche Szenen, wie eröffnen irgendeines Lädchens, wirkt eher sureal auf mich.

Wir lesen offenbar unterschiedlich. Obwohl mir allenthalben "Kopflastigkeit" nachgesagt wird, scheine ich mir oft gar nichts zu denken - gerade beim Lesen belletristischer Werke, sie einfach nur wirken zu lassen und kann - irgendwann später - diese Wirkung mehr/weniger gut beschreiben. Weshalb mir solche Querverbindungen gar nicht in den Sinn gekommen wären, ich deine Interpretation nur mit Staunen zur Kenntnis genommen habe (ob Sebald Derartiges beabsichtigt hat? - ich weiß es einfach nicht ...).

wolves>Rein zufällig, als wäre Raum und Zeit gesprengt, treffen der Erzähler und Austerlitz wieder zusammen. Bei jedem anderen Buch hätte ich das ganze als absurd abgetan, aber hier, passt es auf seine Art und wirkt auf mich fast schon auf seltsame Art "normal".

Ein bisschen hat mich das gestört, für mich aber still gewünscht, dass es mit den Zufällen damit hoffentlich ein Ende habe.

wolves>Und jetzt eine recht große Wissenslücke von mir. Ich kenne mich mit Philosophen überhaupt nicht aus. Austerlitz wird mit Wittgenstein verglichen. Mein eiliges herbeiziehen von meinem einzigen brauchbaren Werk in Richtung Informationen über Philosophen, "Die philosophische Hintertreppe", brachte mir nicht so wirklich den gewünschten Erfolg. Da werde ich noch etwas weiter recherchieren gehen.

Weischedel taugt gar nichts, ein paar Anekdoten, dann wieder (trotz anderem Anspruchs) schwer verständlich, wie ich überhaupt von diesen "halblustigen" Philosophiegeschichten so gar nichts halte (was nicht ausschließt, dass es auch gute unter ihnen gibt, nur sind sie mir noch nicht begegnet). Ich würde das Metzler Lexikon empfehlen (zwei Bände, einmal Erklärung phil. Begriffe (30 Euro, damit sehr preiswert), ein zweites mit Kurzbiographien - 50 Euro), gut recherchiert und für den Preis ein wirklich gediegenes Nachschlagewerk. Und als Lesebuch für Philosophiegeschichte Russel, allerdings fehlt dort natürlich die zeitgenössische Philosophie.

Für mich war auch der Wittgensteinvergleich bisher ohne Belang, ich hab ihn schlicht zur Kenntnis genommen als eine Art Charakterisierung der Person (wie die Beschreibung des blonden Haarschopfes), aber keine anderweitigen, schicksalhaften Parallelen gezogen. Vielleicht wird sich das ja noch ändern ...

Selbst kann ich noch immer nicht wirklich viel zum Buch sagen - außer, dass es mir mit zunehmender Seitenzahl besser zu gefallen beginnt.

Liebe Grüße

orzifar
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Hallo,

Ich verfolge eure Berichte mit Intersse und würde mich freuen wenn Orzifar mit zunehmender Seitenzahl noch begeisterter wäre..
Davon abgesehen dass ich dieses Buch selber über alles liebe und den Auter gerne über alles lobe - es gibt doch solche Bücher von denen man sich sagt - das könnte dem und dem gefallen.. und ich muss sagen, ich war all die Jahre überzeugt, dass Austerlitz das Buch für dich sein könnte, Orzifar..
Für mein Gefühl spricht er nämlich Dinge an in denen du doch viel mehr belesen und bewandert bist als ich, was ja im Idealfall den Genuss der Lektüre noch erhöht ..
Aber wie dem auch sei.. ich wünsche euch weiter viel Freude

lg
Kenavo
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Hallo zusammen!

kenavo>Aber wie dem auch sei.. ich wünsche euch weiter viel Freude

Und die habe ich auch! Der Autor hat mich derartig begeistert, dass ich mir mittlerweile noch 2 weitere Bücher von ihm gekauft habe.

Ich bin bis Seite 156 gekommen. Die Lebensgeschichte von Austerlitz gefällt mir ausgesprochen gut. Faszinierend für mich dieser absolute Gegensatz von dem (buchstäblich) kalten "Predigerhaus" zu dem Haus seines Freundes Gerald. Gespannt habe ich auch die Abhandlungen über Motten und Austerlitz Gedanken über die Zeit verfolgt.

orzifar>Weischedel taugt gar nichts, ein paar Anekdoten, dann wieder (trotz anderem Anspruchs) schwer verständlich, wie ich überhaupt von diesen "halblustigen" Philosophiegeschichten so gar nichts halte (was nicht ausschließt, dass es auch gute unter ihnen gibt, nur sind sie mir noch nicht begegnet). Ich würde das Metzler Lexikon empfehlen (zwei Bände, einmal Erklärung phil. Begriffe (30 Euro, damit sehr preiswert), ein zweites mit Kurzbiographien - 50 Euro), gut recherchiert und für den Preis ein wirklich gediegenes Nachschlagewerk. Und als Lesebuch für Philosophiegeschichte Russel, allerdings fehlt dort natürlich die zeitgenössische Philosophie.

Deine Buchtipps habe ich mir notiert. Vielen Dank dafür!  Inzwischen (da kannte ich noch nicht deine Tipps) habe ich mir von Störig "Kleine Weltgeschichte der Philosophie" gekauft. Das war hoffentlich kein Fehlgriff von mir?

Liebe (und ziemlich müde) Grüße
wolves
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Hallo!

Müde, das kommt mir doch bekannt vor ... Ich bin schon ein bisschen weiter (hoffe, es werde heute voran gehen) und kenavo hat Recht behalten: Ich fühle mich zunehmend wohler mit dem Buch. Die erste Versöhnung hat mit dem Tode der Stiefmutter begonnen, diesem Verlöschen zwischen ungeöffneten Fensterläden und Talkumpuder. Und die hilflose Frage "what was it that so darkened our world?", die alle Verzweiflung eines bereits gelebten, abgeschlossenen Lebens demonstriert. "I don't know dear, i don't know". Das Schicksal des Predigers ebenso berührend: Kein spektakulärer Wahnsinn, sondern ein ebensolches Verlöschen, sich Abkehren von der Welt. Im Bett der Anstalt liegend, das Gesicht an die Wand gekehrt, sinnbildlich für seine Abkehr von der Welt, dem "Nichts-mehr-wissen-wollen".

Überhaupt scheint es mir ein Buch des Älter- und Altwerdens zu sein - und eines des Erinnerns. Ich bin jetzt an jene Stelle gelangt, in der Austerlitz seine Hilflosigkeit bezüglich seiner Schreib- und Denkarbeiten konstatiert, das Ganze (nicht nur hier) an Bernhard erinnernd (Sebald verwendet auch diese mehrfachen Referenzierungen - sagte Gerald, sagte Austerlitz), an jene an ihren Studien und Schreibversuchen verzweifelnden Protagonisten. Mit einem großen Unterschied: Sebald ist der sehr viel bessere Schriftsteller, sprachlich viel genauer, Abgründe nicht bloß plakativ darstellend, sondern genau auslotend, sodass auch noch feinste Konturen dieser Verzweiflung sichtbar werden.

Liebe Grüße

orzifar

Zum Störig kann ich nicht viel sagen (er hat einen recht guten Ruf), ob er als Nachschlagewerk brauchbar ist, entzieht sich meiner Kenntnis (bei Russel, ebenfalls einer Philosophie_geschichte_ ist dies nur mit Einschränkungen der Fall). Deshalb empfehle ich in solchen Fällen immer ein einschlägiges Lexikon, das außerdem den Vorteil bietet, auch rezente Strömungen zu berücksichtigen. Wir können auch noch philosophiegeschichtliche Leserunden einbauen (eine wahrscheinlich ausurfernd-exzessive Lektüre).
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Hallo,

spät aber doch geselle ich mich zu Euch, nachdem ich die gestrige schlaflose Nacht endlich zum Lesen nutzen konnte. Demensprechend bin ich noch nicht so weit (Seite 78, Fischer-Taschenbuch).


orzifar>Überhaupt scheint es mir ein Buch des Älter- und Altwerdens zu sein - und eines des Erinnerns.

Das war auch der Grund, warum ich das Buch lesen wollte, der Anfang stimmte mich aber nicht wirklich positiv. Mir waren die Beschreibungen der Bauwerke zu viel, da gehe ich mit orzifar konform, ich habe sie mit wachsender Ungeduld gelesen. Das hat sich aber inzwischen schon gelegt.

Auf den Seiten, auf denen ich mich gerade befinde, fängt Austerlitz über sein Leben zu sprechen; er ist ein Wanderer auf der Suche nach seinem Ich und seinen Erinnerungen. Wolves, an Deiner Metapher könnte was dran sein. Richtungsweisend waren hier vielleicht auch die Bemerkungen über Orte als Träger von Erinnerungen (Breendonk).

Zum Aufhorchen brachten mich die Beschreibungen des Predigers Elias, der sich zum großen Schrecken der Gemeinde in seinen Predigten auf "alttestamentarische Vergeltungsmythen" und Rachsüchtigkeit des Herrn stützt. Ich dachte eigentlich immer, dass solches Gedankengut in den Predigen bereits der Vergangenheit angehört, bis ich von der Bestellung des neuen Linzer Weihbischofs hörte (ein erzkonservativer und umstrittener Geistlicher, der den Tsunami vor vier Jahren oder den Hurrikan Katrina als eine Strafe Gottes bezeichnet).

Mich stören die zufälligen Begegnungen vom Ich-Erzähler und Austerlitz überhaupt nicht. Ich musste dabei an Borges denken, womit sich ein Hauch Surrealismus hineingeschlichen hat und damit gebe ich mich zufrieden.

Scheinbar geht es jetzt erst richtig los mit der Lebensgeschichte von Austerlitz - ich muß Euch einholen.

Schönen Abend noch!
nikki
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Hallo,

wolves>Der Autor hat mich derartig begeistert, dass ich mir mittlerweile noch 2 weitere Bücher von ihm gekauft habe.
 

orzifar>Mit einem großen Unterschied: Sebald ist der sehr viel bessere Schriftsteller, sprachlich viel genauer, Abgründe nicht bloß plakativ darstellend, sondern genau auslotend, sodass auch noch feinste Konturen dieser Verzweiflung sichtbar werden.

ahhhh.. dass ich das Lesen durfte 

und schön auch deine Eindrücke zu lesen, Nikki..

lg
Kenavo
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Hallo!

Nikki, schön das ein gemeinsames Lesen doch noch klappt, weniger schön dein Grund warum du zu lesen gekommen bist.

Leider wird mir hier der Kampf um die Tastatur zu viel bzw. konzentriertes Schreiben unmöglich. Vielleicht klappt es heute noch, spätestens morgen werde ich mich wieder melden.

Liebe Grüße
wolves
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Hallo!

Ich bin mittlerweile auf S. 290, womit - erneut - der Beweis erbracht ist, dass auch Schlaflosigkeit ein Mindestmaß an Sinn nach sich ziehen kann.

Das mit dem Erinnern war mehr als prophetisch, kaum niedergeschrieben versinkt Austerlitz in seiner Vergangenheit. Manchmal dachte ich an den letzten Band der Recherche, an das große Erinnern, Wiederauferstehen, auch die Beschreibungen haben diese proustsche Zerbrechlichkeit, das Zart-Pastelltonhafte, sind mit Schwermut hinterlegt. Die Bilder im Buch berühren, berühren mich deshalb, weil ich derzeit selbst über Schuhkartons voller Fotos sitze, Fotos betrachte von Vorfahren im Briefmarkenformat, von Toten, unzeitgemäß Gestorbenen oder uralt Gewordenen, der Friedhof erinnert an die Grabsteine, die ich hier im Wald entdeckt habe, die Inschriften kaum noch lesbar, die meisten Sterbedaten von Ende des 19. Jahrhunderts, das Erschrecken im Gehen über das Bewusstsein, dass unter mir unzählige Tote liegen, den Daten nach die meisten Kinder, wobei ich möglicherweise der letze bin, der je von diesen Menschen Kenntnis nimmt.

@kenavo: Sebald spielt in einer anderen Liga als Bernhard, da bin ich mir recht sicher. Auch hat der Verweis auf die Erzählebenen bei ihm einen anderen Zweck, kein bloßes Spiel mit der Form, sondern das stufenweise Zurückführen des Lesers, "sagte Vera, sagte Austerlitz" - und man sitzt wieder im Wohnzimmer des alten Mannes, nachdem man längere Zeit in der tschechischen Kindheit gefangen war.

Das Wiedersehen mit dem Kindermädchen seiner (Austerlitz' Jugend) barg eine große Gefahr der Verkitschung, der übertriebenen Sentimentalität - und ist Sebald sehr gut gelungen. Gerade solch "gefährliche" Stellen, die leicht zu Kitsch und platter Romantik verkommen können, bürgen für die Qualität eines Autors.

@nikki: Die Zufälle nehmen hier tatsächlich nicht überhand; ich bin aber solchen Konstruktionen gegenüber sehr skeptisch, zeugen sie doch fast immer von einer Unbeholfenheit, Hilflosigkeit des Schreibers. Zufälle sind unansehnliche, notdürftig zugekleisterte Bruchstellen; eine ähnliche Funktion erfüllen in interpretatorischer, symbolischer Hinsicht Träume (ich werde bei bloßer Ermüdung eines Protagonisten schon nervös, weil man dann alsbald einer sinnfälligen Allegorie gewärtig sein muss). Träume sind oft ein ebenso unansehnlicher Kleister wie Zufälle. (Sebald gelingt es auch die Wahrung einer Balance, ich nehme an, dass es sich bei Austerlitz' Schlafgespinsten nicht um Erfundenes handelt.)

Liebe Grüße

orzifar
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Hallo zusammen,

wolves>weniger schön dein Grund warum du zu lesen gekommen bist.

Das war gar nicht so schlimm, kommt bei mir alle paar Jahre einmal vor. Jetzt weiß ich aber, dass ich meinen Konsum vom türkischen Kaffee doch ein bisschen einschränken muss.

Aber wie orzifar sagt,
orzifar>Ich bin mittlerweile auf S. 290, womit - erneut - der Beweis erbracht ist, dass auch Schlaflosigkeit ein Mindestmaß an Sinn nach sich ziehen kann.


orzifar>@nikki: Die Zufälle nehmen hier tatsächlich nicht überhand; ich bin aber solchen Konstruktionen gegenüber sehr skeptisch, zeugen sie doch fast immer von einer Unbeholfenheit, Hilflosigkeit des Schreibers. Zufälle sind unansehnliche, notdürftig zugekleisterte Bruchstellen; eine ähnliche Funktion erfüllen in interpretatorischer, symbolischer Hinsicht Träume (ich werde bei bloßer Ermüdung eines Protagonisten schon nervös, weil man dann alsbald einer sinnfälligen Allegorie gewärtig sein muss). Träume sind oft ein ebenso unansehnlicher Kleister wie Zufälle. (Sebald gelingt es auch die Wahrung einer Balance, ich nehme an, dass es sich bei Austerlitz' Schlafgespinsten nicht um Erfundenes handelt.)

Das mit Deiner Skepsis gegenüber den Träumen habe ich schon an einer anderen Stelle mitbekommen, leider weiß ich nicht mehr wo. Ja, man kann schon das Gefühl bekommen, dass sich die Autoren ihrer bedienen, um Situationen an den Leser zu bringen (zu rechtfertigen?), für die sie keinen anderen Ausweg gefunden haben. Aber solange dies nicht überhand nimmt bzw. die Handlung überschattet und selbst in den Mittelpukt rückt, stört es mich nicht. Und das ist bei Sebald - wie Du selber auch schreibst - nicht der Fall. Mir fällt momentan leider kein Beispiel ein, wo mich das sehr gestört hat.

Zum Buch kann ich jetzt nichts sagen, denn ich bin kaum weitergekommen (eine weitere schlaflose Nacht muss her  )

Liebe Grüße
nikki
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Hallo!

Ich habe "Austerlitz" beendet, später noch mehr dazu. Warum mich die Fotos berührt haben, sei hier kurz mit eigenen Aufnahmen dokumentiert. Fotos sind nicht gerade meine Spezialität, ich renne oft blind durch die Gegend. Hingegen immer wieder Bilder von Decken in Kirchen und Bahnhöfen; die Gräber liegen - wie bereits erwähnt - ganz hier in der Nähe im Wald.

Liebe Grüße

orzifar
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Hallo!

"Die von blaßgrünen, grauweißen, ocker- und orangefarbenen Flechten überzogenen Sarkophage waren zerbrochen, die Gräber selbst teilweise aus dem Boden gehoben, teilweise in ihn versunken, so daß man glauben konnte, ein Erdbeben habe das Quartier der Toten erschüttert, oder diese seien, aufgerufen zum Letzten Gericht, ihren Behausungen entstiegen und hätten dabei in ihrer Panik die ihnen von uns aufgezwungene schöne Ordnung durcheinandergebracht." - Ein wunderbares Bild der flüchtenden, sich unruhig erhebenden Toten, dazu das Foto mit umgestürzten Grabsteinen, schiefen Einfassungen. Ein Winkler könnte sich an solchen Metaphern ein Beispiel nehmen, Sprache, die ohne dramatischen Schwulst auskommt und dadurch sehr viel mehr vermag.

Ich mochte das Buch bis zum Ende (und habe deshalb bereits mit den "Ringen des Saturn" begonnen, das mir bislang noch besser gefällt), die unaufgeregte, ruhige Schreibweise, die schon erwähnte Genauigkeit, Behutsamkeit. Auch das Ende des Buches, das kein Abschließendes, gar Moralisierendes ist, vielmehr ein langsames Versiegen der Erzählung, das etwas von einer ewigen Suche nach den Wurzeln vermuten lässt. Ein Buch des Erinnern - bzw. der Verweigerung, des Vergangenen zu gedenken, spät, im Alter von 60 Jahren erst begibt sich Austerlitz auf die Spuren seiner Herkunft, während er zuvor in einem Art Überlebensreflex all das ihn möglicherweise Berührende auszublenden verstand.

Austerlitz' Spurensuche, die ihn nach Prag, Theresienstadt führt, nach Paris ins Exil seines Vaters, wird ohne erklärendes Beiwerk beschrieben, beschränkt auf das Faktische, kein Hadern mit sich selbst ob "vertaner Chancen", nur irgendwann die Feststellung einer hermetischen Existenz, die auf Vermeidung bedacht war. Nichts aber lässt darauf schließen, dass eine frühere Auseinandersetzung mit seinem Leben ihn zufriedener, glücklicher gemacht hätte, nirgendwo vernimmt man dramatisch-anklagende Stimmen, weder von der (Kunstfigur?) Austerlitz, noch vom Autor selbst. Und diese so unaufdringliche Beschreibung macht die Qualität aus, sie zeigt einen verletztlichen, unsicheren, in der Vergangenheit suchenden Menschen, ohne all das explizit zu erwähnen. Der Verzicht auf Peripetien aller Art ist paradigmatisch für diese fast bescheiden anmutende Sprache, die eben - weil sie streicht, präzisiert, sich konzentriert so viel mehr ist.

@nikki: Da kann sich noch jemand erinnern, ich glaube es war der Traum Hans Castorps, den ich moniert hatte, als er am Wendepunkt seines Schiausfluges das halbe Personal des griechischen Olymp aufmarschieren lässt und er bedeutungsschwangere Allegorien zusammenphantasiert anstatt mannhaft zu erfrieren. Weniger nett habe ich mal solche Szenen als "Hirnwichsvorlagen für pensionierte Oberstudienräte" beschrieben, die ansonsten onanierend vorm Kindler sitzen. Man verzeihe mir untertänigst die Wortwahl

Liebe Grüße

orzifar
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Hallo zusammen,

als kleiner unqualifizierter Zwischenruf: heute stand ich doch tatsächlich in meiner Stammbuchhandlung, habe alle Klappentexte der Sebalds gelesen und schließlich "Austerlitz" gekauft. Zum lesen werde ich allerdnigs so schnell nicht kommen, aber wenn es dann so weit sein wird, schreibe ich hier auch noch.

@wolves, der Störig ist sicher kein Fehlkauf und als Nachschlagewerk für einen kurzen ersten Überblick bestens geeignet.

Herzlich, Bartlebooth.
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Hallo zusammen!

Bartlebooth>@wolves, der Störig ist sicher kein Fehlkauf und als Nachschlagewerk für einen kurzen ersten Überblick bestens geeignet.

Für einen ersten Überblick war er auch gedacht. Von daher bin ich froh, keinen Missgriff getan zu haben.

@orzifar: Metzlers Lexikon phil. Begriffe habe ich mittlerweile zu Hause. Allerdings den Band mit den Kurzbiographien lasse ich mir mal zu einem Geburtstag oder zu Weihnachten schenken. Der ist mir im Moment etwas zu teuer.

Leider komme ich immer weniger zum lesen und komme nur langsam vorwärts. Mittlerweile bin ich Austerlitz nach Marienbad gefolgt (S. 312). Mit den Zusammenhängen im Kopf wird mir seine innere Einsamkeit, seine Suche nach sich selbst und doch (was man ja immer wieder in Rückblicken erfährt) seine Angst vor Antworten, immer bewusster. Nun stellt ihn auch Marie diese Frage, warum er sich so enorm abkapselt. Auf seine entsprechenden Antworten bin ich gespannt. Zu diesem Zeitpunkt war es ihm wohl nicht bewusst gewesen, dass er als kleines Kind mit seinen Eltern schon in Marienbad war. Und trotzdem scheinen ihn die ersten Schatten der Erinnerung eingeholt zu haben.

@orzifar: So blind scheinst du doch nicht durch die Gegend zu rennen, wie du behauptest. Deine Bilder die du eingestellt hast, sagen (zumindest mir) mal was anderes.

Liebe Grüße und vorab euch schon mal ein schönes Wochenende wünschend
wolves
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Bartlebooth>als kleiner unqualifizierter Zwischenruf: heute stand ich doch tatsächlich in meiner Stammbuchhandlung, habe alle Klappentexte der Sebalds gelesen und schließlich "Austerlitz" gekauft. Zum lesen werde ich allerdnigs so schnell nicht kommen, aber wenn es dann so weit sein wird, schreibe ich hier auch noch.

Was für ein Charakter!
Ich konnte mich natürlich nicht entscheiden und nahm Austerlitz, Die Ausgewanderten und Die Ringe des Saturn mit...

liebe Grüße
dora
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Hallo!

Gestern abend habe ich das Buch (leider) beendet. Für mich war es purer Genuß zum lesen und ich beneide ja schon fast jeden, der es noch vor sich hat.

orzifar>Ein Buch des Erinnern - bzw. der Verweigerung, des Vergangenen zu gedenken, spät, im Alter von 60 Jahren erst begibt sich Austerlitz auf die Spuren seiner Herkunft, während er zuvor in einem Art Überlebensreflex all das ihn möglicherweise Berührende auszublenden verstand.
Für mich war es auch ein eindrückliches Beispiel dafür, wie wichtig es für das eigene Selbst ist, seine Wurzeln, seine Vergangenheit zu kennen. Sebald war ja buchstäblich ein Entwurzelter.


Was mir noch so besonders auffiel war diese Grundstimmung der Melancholie. Egal wie groß die Menschenmenge um Austerlitz wurde, man bekam die Assoziation von völliger Isolation und Einsamkeit, was ja seiner Empfindungsweise entsprach.

Die Tatsache, dass sich niemand im Haus des Predigers die Mühe gemacht hatte, ihn über seine Herkunft aufzuklären, war für mich wieder ein exemplarisches Beispiel dafür, wie wichtig die Fragen nach "Wer bin ich?", "Wo komme ich her?" für die eigene Entwicklung als Mensch ist. Plötzlich dazustehen und erfahren zu müssen, dass man nicht der Mensch ist, den man zu meinen glaubt, muss eines der einschneidensten Erlebnisse in der eigenen Entwicklung sein. Wen wundert es, dass Austerlitz erst mal aus Selbstschutz jede Erinnerung an seine früheste Kindheit verdrängte.
Um so beeindruckender, dass er sich noch so spät auf die Suche nach seiner Herkunft machte.

Liebe Grüße
wolves
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orzifar> Mir kam auch Kafka in den Sinn, aber weniger das Schloss, als die Gerichtsgebäude beim "Prozess".

Anscheinend beabsichtigte Orson Welles Kafkas Prozess im Brüssler Justizpalast zu drehen.

Und noch eine Verbindung zu Kafka: Besitzt jemand von euch Kafkas Tagebücher? Nachschauen unter 24. 12. 1911. Dort wird ein Austerlitz erwähnt.

Und verschiedene Artikel, Besprechungen und ein Gespräch mit Sebald sind nachzulesen auf der Seite vom Literaturkreis Bibliothek Garsten

liebe Grüße
dora
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wolves>Gestern Abend habe ich das Buch (leider) beendet. Für mich war es purer Genuss zum lesen und ich beneide ja schon fast jeden, der es noch vor sich hat.

Hallo,

ja, so ergeht es mir auch mit ganz besonders guten / beeindruckenden / außergewöhnlichen... Büchern - da beneidet man den Leser der die Lektüre noch vor sich hat...

*schwelg*ende Grüsse,
Kenavo
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Hallo!

wolves>Was mir noch so besonders auffiel war diese Grundstimmung der Melancholie. Egal wie groß die Menschenmenge um Austerlitz wurde, man bekam die Assoziation von völliger Isolation und Einsamkeit, was ja seiner Empfindungsweise entsprach.

Ja, das macht ihn (vielleicht den - guten - Schriftsteller an sich) aus, das Erzeugen von Stimmungen, die auf den Leser wirken, Vorstellungen hervorrufen, eine Art empathisches Empfinden mit den Figuren, dem Beschriebenen. Und genau das kann Sebald!

wolves>Die Tatsache, dass sich niemand im Haus des Predigers die Mühe gemacht hatte, ihn über seine Herkunft aufzuklären, war für mich wieder ein exemplarisches Beispiel dafür, wie wichtig die Fragen nach "Wer bin ich?", "Wo komme ich her?" für die eigene Entwicklung als Mensch ist. Plötzlich dazustehen und erfahren zu müssen, dass man nicht der Mensch ist, den man zu meinen glaubt, muss eines der einschneidensten Erlebnisse in der eigenen Entwicklung sein. Wen wundert es, dass Austerlitz erst mal aus Selbstschutz jede Erinnerung an seine früheste Kindheit verdrängte.

Das war für mich eine der Schwächen des Buches. Ich glaube diesem Austerlitz das Ausblenden der gesamten Geschichte des 20. Jahrhunderts einfach nicht, ein Kunsthistoriker, umfassend gebildeter Mensch, der von der Existenz der Gaskammern über Jahrzehnte keine Kenntnis erlangt bzw. es versteht, eine solche Kenntnis auszublenden. Das schaut nach einem Kunstgriff aus, der den Fortgang der Geschichte ermöglicht.

So, jetzt habe ich gerade vieles allzu Auschweifende, was ich über Wurzeln und Herkunft sagen wollte, wieder gestrichen. Nur soviel: Ich kann für meine Person diese Wichtigkeit nicht nachvollziehen, mir sind Familie, Herkunft Zufallsbeziehungen, die vielleicht auch bedeutend sein können, es aber nicht zwangsläufig sind. (Wirklich verbunden fühle ich mich Menschen, deren Haltung ich schätze, dieses Wertschätzen ist aber von verwandtschaftlichen Beziehungen vollkommen unabhängig.) Noch weniger verstehe ich die Verbundenheit mit einem Land (einer Nation), sehr wohl aber den unaufllösbaren Bezug zur Sprache (auch zum Dialekt).

Vielleicht rührt meine Indolenz gegenüber solchen Herkunftsfragen aus dem mit einer Ausnahme recht prekären Verhältnis zur eigenen Familie (die Ausnahme ist allerdings verstorben). Aber im Grunde glaube ich das nicht, ich fühle mich einfach keinen irgendwie zufälligen Gruppen verbunden. Nicht der Familie, schon gar nicht der Nation oder einer "Klassen- oder Studentengemeinschaft", keinem Sportverein (ich habe eine Zeitlang Vereinsfußball gespielt, aber warum ich mit den Mitgliedern der eigenen Mannschaft hätte solidarisch sein sollen, hat sich mir schon mit 15 nicht erschlossen, denn die meisten waren recht dumme Arschlöcher und auch ihre Anerkennung meiner Person beruhte schlicht auf der völlig belanglosen Tatsache, dass ich ein ganz passabler Fußballer war).

Mit Austerlitz' Suche nach der Herkunft ist das natürlich nur in Ansätzen zu vergleichen; was mich aber definitiv gestört hat, ist die für mich unglaubwürdige geschichtliche Ausblendung des Dritten Reiches eines hochgebildeten Menschen. Erst mit 60 wird sich Austerlitz der europäischen und damit der eigenen Vergangenheit bewusst - und das scheint mir einfach nur "literarisch", das ist kein Verdrängen unliebsamer Kindheitserinnerungen, sondern die Unmöglichkeit eines Lebens im 20. Jahrhunderts, ohne von Auschwitz zu erfahren.

@dora: Der kafkaeske Austerlitz wird von Sebald erwähnt.

Liebe Grüße

orzifar
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Hallo orzifar,

das dürfte jetzt verhältnismäßig schwer werden dir das zu erklären, was ich mit "Wurzeln" meinte, weil es teilweise auf "Gefühle" von mir beruht. Auf jeden Fall meinte ich nicht explizit die Zugehörigkeit zu einem Land oder der Sprache. Das gehört zwar meiner persönlichen Meinung nach auch zu einer Teil-Wurzel, macht aber nicht das "Ganze" aus.
Warum manche Menschen so ganz besonders ihren Vereinen anhängen, kann ich jetzt auch nicht so ganz verstehen, für mich gibt es da wichtigeres auf der Welt, aber ich gehe da nach dem Lebensmotto "Jedem Tierchen sein Pläsierchen." Wenn sich jemand einem Hasen-Zuchtverein zugehörig fühlen möchte und das Gemeinschaftserlebnis genießen will, warum nicht? Ich mag es nicht mehr so, einige Hundevereine haben mich da in meiner Vergangenheit einiges über Menschen und Verein gelernt auf das ich gut und gerne verzichten mag.

Was ich eher meinte, war etwas ganz simples. Zu wissen wer seine Eltern sind. Egal ob da jetzt die ersten Erfahrungen positiv oder negativer Natur sind, aber für mich ist es die wichtigste Wurzel überhaupt. Und die Prediger haben Austerlitz sehr wohl diese Wurzel gekappt. Der gute Mann war mal gerade 4 Jahre alt (habe ich das richtig in Erinnerung?), als er zu den Leuten kam und warum da nicht einem Kind erzählen, wer seine Eltern waren? Sogar sein kleiner Rucksack wurde von ihnen entfernt. Ich stelle mir in meiner Phantasie (ja, ich weiß, soweit sollte man nicht gerade gehen) gerade vor, dass da vielleicht sogar Bilder von seiner Mama und Papa drin waren?

orzifar>Mit Austerlitz' Suche nach der Herkunft ist das natürlich nur in Ansätzen zu vergleichen; was mich aber definitiv gestört hat, ist die für mich unglaubwürdige geschichtliche Ausblendung des Dritten Reiches eines hochgebildeten Menschen. Erst mit 60 wird sich Austerlitz der europäischen und damit der eigenen Vergangenheit bewusst - und das scheint mir einfach nur "literarisch", das ist kein Verdrängen unliebsamer Kindheitserinnerungen, sondern die Unmöglichkeit eines Lebens im 20. Jahrhunderts, ohne von Auschwitz zu erfahren.
Wobei ich dieses Verdrängen und Verleugnen einer geschichtlichen Tatsache leider schon oft gehört habe. Jetzt nur von einer bestimmten Gruppe und das auch nur im Fernsehen, aber immerhin, das scheint es wirklich noch zu geben. Ohne das jetzt hier ausweiten zu wollen, das würde jetzt die Möglichkeiten eines Threads platzen lassen.


Ich hatte Austerlitz eher so verstanden, dass er einen Zusammenhang zwischen sich und dem Dritten Reich mit all seinen Greultaten erst gezogen hat, als er es zugelassen hatte an seine früheste Kindheit zu denken. Ihm war wohl bewusst, dass es das Dritte Reich und KZ´s gab, aber wie tief er mit seiner Familie darin verstrickt war wohl weniger.

orzifar>Wirklich verbunden fühle ich mich Menschen, deren Haltung ich schätze, dieses Wertschätzen ist aber von verwandtschaftlichen Beziehungen vollkommen unabhängig.

Da geht es mir überhaupt nicht anders! Freunde kann man sich noch aussuchen, mit der Familie "darf" man auskommen... Ich habe jetzt ein ausgezeichnet gutes Verhältnis zu meinen Eltern, aber der Rest meiner Familie ist eher....hüstel....seltsam. Leider sind die, mit denen man gut ausgekommen war, verstorben.

Liebe Grüße
wolves
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Hallo wolves,

wolves>Warum manche Menschen so ganz besonders ihren Vereinen anhängen, kann ich jetzt auch nicht so ganz verstehen, für mich gibt es da wichtigeres auf der Welt, aber ich gehe da nach dem Lebensmotto "Jedem Tierchen sein Pläsierchen." Wenn sich jemand einem Hasen-Zuchtverein zugehörig fühlen möchte und das Gemeinschaftserlebnis genießen will, warum nicht? Ich mag es nicht mehr so, einige Hundevereine haben mich da in meiner Vergangenheit einiges über Menschen und Verein gelernt auf das ich gut und gerne verzichten mag.

Dieses Zugehörigkeitsgehabe mag beim Kleintierzüchterverein tatsächlich harmlos sein, aber es verweist immer auf eine größere, elementare Dummheit, die dann weniger angenehme Auswüchse zeitigt. Und - ich "toleriere" das auch, aber im ursprünglichen Wortsinne, ich ertrage es, weil mir gar nichts anderes übrig bleibt. Das ist wie bei der Religion, tolero1, ertragen, aushalten, erdulden, ähnlich wie bei Migräne, Schweißfüßen oder Hämorrhoiden, mit dem Respekt ist's aber nicht weit her bei mir vor Leuten die an den Osterhasen glauben oder in der vereinsfarbenen Bettwäsche schlafen. Wehret den Anfängen, wehret der Hasenzüchtervereinigung

Das Forschen nach seinen Eltern ... Ich stelle mir vor zu erfahren, dass ich selbst ein Kuckuckskind wäre - und würde wissen wollen, wer den meine wirklichen Erzeuger waren. Aber wär's wichtig? Was würde es für mich als Person bedeuten? Eigentlich gar nichts, es bliebe alles gleich ...

Natürlich ist diese Situation bei Austerlitz eine andere und ich störe mich nicht an der Spurensuche an sich, als an der mir konstruiert erscheinenden Ausblendung, diesem Initialerlebnis auf dem Bahnhof, wo ihn plötzlich die Kindheitserinnerungen überfallen und das zum Ausgangspunkt seines Nachforschens wird. Vielleicht bin ich da aber auch einfach übersensibel, was solche - vermuteten - literarischen Konstruktionen anlangt.

lg

orzifar
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Hallo,

ich bin noch nicht fertig, bin auf Seite 340.


Ich habe auch ein bisschen ein Problem mit "Wurzeln" und der Verwendung dieser botanischen Metaphern für Menschen. Zum Teil betrachte ich sie fast problematisch, was sicher auch mit meiner Biographie zu tun hat. Ein Großteil meiner Famile mütterlicherseits ist während des Krieges in Bosnien nach Dänemark geflüchtet und dort treffe ich regelmäßig auf dieses "man muss seine Wurzeln kennen um in der Fremde bestehen zu können", was bei manchen dazu führt, dass sie binationale Beziehungen nicht gutheißen und Solidarität aufgrund nationaler Zugehörigkeit verlangen. Absolut verständnislos und engstirnig für mich. Durch mein Studium bin/war ich oft mit dem Thema konfrontiert und bin einige Male auf Theorien gestoßen, die "entwurzelte" Menschen als kultur- und identitätslos und zu Kriminalität neigend (da morallos und psychisch instabil) definieren. Man pathologisierte ihren Zustand per se, weil man eine natürliche Verbindung zwischen einem Ort und dem Menschen annahm und jede Dislokation als eine Anomalie darstellte.

Das hat jetzt zwar vielleicht zu weit geführt, aber ich bemühe mich seit Jahren zu verstehen, warum es wichtig ist, seine Wurzeln zu kennen, bin aber noch nicht auf eine befriedigende Antwort gestoßen. Ich weiß woher ich komme, klar, aber ich finde das macht mich als Person nicht aus und verpflichtet mich zu nichts.

Ich weiß nicht, wie das Buch endet, aber auch Austerlitz hat gerade erkannt, dass die Entdeckung der Quellen seiner Verstörung ihm wenig gebracht hat, sondern in ihm vielmehr ein weiteres Gefühl hervorgebracht hat, jenes des Verstoßen- und Ausgelöschtseins. Vielleicht erklärt das seinen Hang zu Isolation und Einsamkeit?
Damit kein falscher Eindruck ensteht, mir gefallen diese Schilderungen, die Suche in der Vergangenheit und die Macht der Erinnerungen. Ich tue mir nur schwer damit, Austerlitzs Charakter auf die "Wurzellosigkeit" zu reduzieren. Vielleicht interpretiere ich da was falsch.

Was mich erstaunt hat, war das von @orzifar angesprochene fehlende Wissen über die Vorgänge im Dritten Reich. Ich weiß nicht welche Schutzmechanismen man aktivieren kann, um dies erfolgreich auszublenden?



orzifar> Weniger nett habe ich mal solche Szenen als "Hirnwichsvorlagen für pensionierte Oberstudienräte" beschrieben, die ansonsten onanierend vorm Kindler sitzen. Man verzeihe mir untertänigst die Wortwahl

Es sei Dir verziehen

Und genau, es war Hans Castorps Traum!

Liebe Grüße
nikki
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Hallo!

Danke für eure Gedanken, wegen der "Wurzeln". Soweit habe ich gar nicht mehr weitergedacht. Ich bin wohl eher bei der Vater-Mutter-Kind Konstellation hängengeblieben.

nikki>Das hat jetzt zwar vielleicht zu weit geführt, aber ich bemühe mich seit Jahren zu verstehen, warum es wichtig ist, seine Wurzeln zu kennen, bin aber noch nicht auf eine befriedigende Antwort gestoßen. Ich weiß woher ich komme, klar, aber ich finde das macht mich als Person nicht aus und verpflichtet mich zu nichts.

Nein, das war nicht zu weit geführt, ganz im Gegenteil, das war jetzt für mich hochinteressant. Damit habe ich mich zugegebenermaßen noch nie vorher beschäftigt.

nikki>Durch mein Studium bin/war ich oft mit dem Thema konfrontiert und bin einige Male auf Theorien gestoßen, die "entwurzelte" Menschen als kultur- und identitätslos und zu Kriminalität neigend (da morallos und psychisch instabil) definieren. Man pathologisierte ihren Zustand per se, weil man eine natürliche Verbindung zwischen einem Ort und dem Menschen annahm und jede Dislokation als eine Anomalie darstellte.

Es gibt Theorien, die lassen einen fast schon sprachlos zurück. Demnach hätte mein Papa ja auch ein zu Kriminalität neigender Mensch sein müssen. *kopfschüttel* und *an-die-Stirn-klatsch*

Liebe Grüße
wolves
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Hallo!

Ich kann nikki nur zustimmen, auch wenn es um meine eigenen "Wurzeln" sehr viel einfacher bestellt ist. Und grade was Nationalität, Patriotismus und ähnlichen Quark anbetrifft könnte ich Seiten füllen mit Invektiven (heute ist mir allerdings eher danach, über die ÖBB herzuziehen, bin ich nach einem Gleisbruch und Irrfahrten mit dem Taxi doch gerade erst heimgekommen).

Im Buch verliert sich diese Suche bzw. ihr Sinn, Austerlitz bleibt Außenseiter, fremd in der Welt, er hat eine Art Lebensaufgabe gefunden, mit der er sich die Zeit vertreibt, aber sein Verhältnis zur Umwelt bleibt gleich. Mich hätten Reflexionen Austerlitz' zum Ergebnis seiner Suche interessiert, zu seinen Hoffnungen, Vorstellungen, was denn sich geändert hätte, wenn er sehr viel früher diese Spurensuche unternommen hätte bzw. wenn er bereits von der walisischen Familie in diese seine Herkunft eingeweiht worden wäre. Wäre er, wie er einmal beklagt, vertrauter mit seiner Umgebung geworden? Das Buch endet mit dem Aufbruch nach Südfrankreich, wo Austerlitz hofft, Spuren seines Vaters zu finden. Aber eigentlich weiß man nicht recht, was ihn noch treibt, ob das nicht bloß noch Beschäftigungstherapie im Alter ist. Das Buch lässt die Frage nach dem "warum" weitgehend unbeantwortet, wenn man einmal von einer Art "natürlichen Neugier" absieht.

lg

orzifar
La chair est triste, hélas! et j'ai lu tous les livres - Stéphane Mallarmé

Offline mombour

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Re:W.G. Sebald - Austerlitz
« Antwort #1 am: 27. Dezember 2009, 18.35 Uhr »
Hallo,

da habt ihr vor langer Zeit "Austerlitz" gelesen, und jetzt lag das Buch unterm Weihnachtsbaum. Meine Mutter liest gerade "Die Ausgewanderten".
Vielleicht komme ich noch ins Sebaldfieber. ;D

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline wolves

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Re:W.G. Sebald - Austerlitz
« Antwort #2 am: 28. Dezember 2009, 13.36 Uhr »
Vielleicht komme ich noch ins Sebaldfieber. ;D
Das wäre ein Fieber, von dem man sich gerne anstecken lässt ;) Viel Freude bei deiner Lektüre, mombour :)

Liebe Grüße
wolves