Autor Thema: Albert Camus: Der Fremde  (Gelesen 1759 mal)

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Albert Camus: Der Fremde
« am: 16. November 2016, 16.53 Uhr »

Büchners Woyzeck und Camus‘ Fremder folgen merkwürdigerweise einem ähnlichen Schema und ihre nachhaltige Rätselhaftigkeit ist vielleicht rätselhafter ist als die in ihnen abgehandelten Morde selbst. Im Fremden erschießt die Hauptfigur Meursault einen ihm unbekannten Algerier in der Nachmittagshitze eines nordafrikanischen Mittelmeerstrandes, während Büchners Woyzeck eine Geliebte mit dem Messer massakriert, die sich nicht mehr hat zuschulden kommen lassen als einen Seitensprung, wobei ihre Beziehung zum Täter noch nicht einmal klar definiert ist und Büchners Moralvorstellungen ansonsten alles andere als zimperlich sind.

Beide Morde werfen also gravierende ethische Fragen auf, die bis heute ungeklärt sind, so dass sich die Interpretation damit äußerst schwer tut. Da andererseits die Verweigerung von Sinn gewissermaßen zum Wesen der Moderne gehört, hat sich der Kulturbetrieb mit der scheinbaren Unlösbarkeit beider Fälle arrangiert und im einen Fall das Absurde, im anderen einen nachvollziehbaren, wenn nicht berechtigten Ausraster aus sozialer Deprivation dafür verantwortlich gemacht. Und man hat sich in diesen Erklärungsansätzen behaglich eingerichtet, allerdings mit problematischen Konsequenzen, die denjenigen, die sich Institutionen auf einem nachgewiesenen Holzweg gegenübersehen, nicht unähnlich sind: Man sträubt sich mit Händen und Füßen gegen jede auch noch so begründete Richtungsänderung, weil selbige jahre- bzw. jahrzehntelange Irrtümer zwangsläufig und peinlichst offensichtlich machen würde.

Vor fast 10 Jahren habe ich spaßeshalber einen Detektiv auf Camus' Fall Meursault angesetzt, der sehr schnell das Motiv für die Schüsse auf den armen, unschuldigen Algerier herausfand. Der Essay wurde in der in Graz erscheinenden Literaturzeitschrift Lichtungen (110) publiziert, freilich ohne nennenswerte Aufmerksamkeit hervorzurufen. Interessanterweise war die Voraussetzung für diesen  Ermittlungserfolg eine brisante Hypothese in Bezug auf das Mordmotiv im Fall Woyzeck.

Warum weder die Literaturwissenschaft noch der Kulturbetrieb mit Theatern, Literaturkritikern usw. eine fast simpel zu nennende detektivische Untersuchung einer fiktiven Mordgeschichte nicht hinbekommt, gehört zu den Fragen, die zu stellen wohl kaum zu vermeiden sein wird.

Wir sind im Handumdrehen bei dem springenden Punkt. Die Geschichte teilt sich ganz ausdrücklich in zwei Abschnitte. Erstens: die Tat mit ihrer Vorgeschichte. Zweitens: Verhaftung, Untersuchung und Prozess. Dabei scheint merkwürdig, dass der Prozess sich überaus intensiv mit der Beerdigung der kurz vor dem Mord im Altersheim verstorbenen Mutter des Täters und seiner Beziehung zu ihr befasst. Als Zeugen werden unter anderem der Direktor und Pförtner des Altersheims sowie ein alter Mann aufgerufen, der mit der Mutter im Heim war. Der Angeklagte wird gefragt, warum er seine Mutter ins Heim gab. Lang und breit werden die Beerdigung und das Verhalten des Täters danach erörtert. Offensichtlich will die Anklage den Charakter des Täters anschwärzen und das Verfahren scheint so üblich und plausibel, dass es uns auf eine falsche Fährte lockt. Meursault habe nicht nur bei der Beerdigung seiner Mutter mehr oder weniger unbeteiligt, ja gefühllos gewirkt (und er tut das übrigens auch beim Erzählen), sondern sich auch kurz danach mit einer Freundin am Strand vergnügt. Meursault habe den Algerier umgebracht, heißt es, weil er seine moralische Schuld der Mutter gegenüber kaschieren wolle. Denn der Mord ereignet sich so offensichtlich zufällig und grundlos, dass das Gericht nicht daran vorbeikommt, sozusagen im Wasser Linien zu ziehen und Haare zu spalten. Irgendwie tut einem der Franzose direkt leid. Diesen Prozess hat er nicht verdient. Dabei vergisst man leicht, dass er den Algerier auf dem Gewissen hat. Wir haben Mitgefühl mit dem Mörder.

Während das Publikum, einschließlich der Profis, sich über die Implikationen der Geschichte, das Existenzielle, Absurde usw., den Kopf zerbricht, nimmt mein Detektiv die Details unter die Lupe: Meursault gibt fünf Schüsse auf sein Opfer ab. Anscheinend ist dieses bereits nach dem ersten Schuss tot. Trotzdem schießt Meursault noch vier Mal. Warum diese vier Schüsse, fragt der Untersuchungsrichter? Mit dieser Frage trifft er den Nagel auf den Kopf, und der Text lässt keinen Zweifel an ihrer Bedeutung. Freilich kommt der Richter anschließend auf Gott und die Sinnfrage zu sprechen und lenkt damit vom Thema ab. Nur den Detektiv führt er nicht an der Nase herum. Die Pause nach dem ersten Schuss elektrisiert ihn, sein Instinkt sagt ihm: Hier liegt der Schlüssel.

Kurz darauf hat er die Lösung. Ihm fällt auf, dass der Täter offenbar registriert, dass sein Opfer nach dem ersten Schuss leblos ist. Meursault stellt das aus der Distanz fest. Damit haben wir das entscheidende Indiz, das der Detektiv nun unter die Lupe nimmt. Denn normalerweise würden wir nach dem ersten Schuss zwei Reaktionen erwarten, nur nicht die von Meursault. Entweder nämlich handelt der Täter im Affekt, warum auch immer, dann würden die weiteren Schüsse unmittelbar folgen. Oder aber er zögert: Dann schaut er sich das wehrlose Opfer aus der Nähe an, um dessen Zustand genau beurteilen zu können. Meursault registriert den Tod des Opfers, zögert und gibt dann vier weitere Schüsse ab. Diese Handlungsweise ist so ungewöhnlich und auffallend, dass der Untersuchungsrichter geradezu über sie stolpert. Anders ausgedrückt, legt Camus hier eine Spur. Meursaults vier Schüsse gelten genau genommen der Leiche. Genauer gesagt, einer Leiche. Das ist weniger absurd, als es auf den ersten Blick aussieht. Denn als der Detektiv das Rätsel der vier Schüsse nach dem Zögern gelöst hat, wird ihm auch klar, warum der erste Schuss fallen muss: Ganz einfach, um für diese Leiche zu sorgen, auf die Meursault dann vier Mal schießen kann. „Vier kurze Schläge an das Tor des Unheils“, heißt es in dem Text. Vier! Der erste spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle! Das Motiv liegt in dem Wunsch, auf eine Leiche zu ballern.

Von einer Leiche war aber schon im ersten Teil der Geschichte die Rede: Meursaults Mutter, er nennt sie durchgehend „Mama“. Ist der Leser erst einmal so weit gekommen, bestätigt der Text diese Hypothese umgehend. Hitze, Sand usw., die laut Meursault entscheidenden Tatumstände, werden mit der Beerdigung in einen direkten Zusammenhang gestellt. Meursault schießt auf seine Mutter. Tat, Prozess und der scheinbar absurde implizite Vorwurf (Muttermord) hängen logisch zusammen.

Nun bleibt nur noch die – allerdings entscheidende – Frage: Warum dieser partiell symbolische Muttermord, der immerhin ein unschuldiges Opfer erfordert? In der Zelle findet der Täter einen Zeitungsausschnitt (ein geradezu klassisches Indiz!), der den Plot eines anderen Camus-Dramas (Das Missverständnis) enthält: Eine Mutter bringt (unwissentlich) ihren Sohn um. Das heißt, sie bringt aus Habgier jemanden um, der sich dann als ihr Sohn herausstellt. 

Solch eine Binnengeschichte wird nicht zufällig, nicht ohne Grund erzählt. Vor allem nicht, wenn sie so konstruiert daherkommt. Sie ist vielmehr ein Schritt in Richtung Erkenntnis. In der Abgeschiedenheit und Stille der Zelle meldet sich sozusagen Meursaults Erinnerung. Da gibt es eine Mutter, die ihren Sohn vernichtet, weil sie ihn nicht als solchen erkennt und als Fremden behandelt. Vor Gericht sagt Meursault: „Alle gesunden Menschen wünschen mehr oder weniger den Tod derer, die sie liebten.“
Er wünscht also tatsächlich den Tod seiner Mutter. Freilich klingt diese Aussage auf den ersten Blick etwas merkwürdig. Was meint Meursault damit?

Jetzt muss der Detektiv kombinieren. Meursault redet in diesem Punkt etwas um den heißen Brei herum, was freilich verständlich ist. Aber er hat ein Thema, das sich wie besessen durch die ganze Geschichte zieht. Er liebt Sonne und Meer, aber er fühlt sich von der Sonne bzw. ihrer Hitze vergewaltigt. Meer heißt auf Französisch la mer . Mutter la mère. Beide klingen absolut identisch. Der Mord findet am Meer statt und die Geschichte beginnt mit dem Tod der mère, bei dem auch eine infernalische Hitze eine Rolle spielt. Typisch für die Geschichte ist, dass Meursault in der Verhandlung einen Knaller loslässt, den aber keiner zur Kenntnis nimmt, weder das Gericht noch das Publikum. Meursault sagt: „Schuld an allem hätte die Sonne.“ Er wird sogar noch deutlicher: "

„Die Hitze legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf mich und stemmte sich mir entgegen. Und jedes Mal, wenn ich ihren heißen Atem auf dem Gesicht fühlte, biss ich die Zähne aufeinander, ballte die Fäuste (…) und spannte mich, um über die Sonne und den dunklen Rausch, den sie über mich ergoss, zu triumphieren.“

Meursaults Aussage klingt tatsächlich wie das Erlebnis einer Vergewaltigung. Durch die Sonne. Warum schießt Meursault dann aber auf die Mutter und wünscht sich ihren Tod? Wenn sie ihn geliebt hat, wie die Sonne, und wenn Meursault sie so zurückgeliebt hat, dann müsste die Aussage so verstanden werden:

„Mutter legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf mich und stemmte sich mir entgegen. Und jedes Mal, wenn ich ihren heißen Atem auf dem Gesicht fühlte, biss ich die Zähne aufeinander, ballte die Fäuste (…) und spannte mich, um über die Mutter und den dunklen Rausch, den sie über mich ergoss, zu triumphieren.“

Der dunkle Rausch ist der Beweis, dass man hier tatsächlich Mutter oder, wie Meursault sagt, Mama lesen sollte, denn auf sie ist er gemünzt. In Nordafrika ist die meteorologische Hitze eine Trivialität, das weiß auch Camus. Seine Erzählung beschreibt nicht nur einen psychischen Ausnahmezustand präzise, sondern bringt auch das Kunststück fertig, die Sprachlosigkeit zu gestalten, die mit dem Syndrom des sexuellen Missbrauchs durch einen Elternteil unausweichlich verbunden ist.

Diese detektivische Untersuchung ist noch keine Interpretation, sondern nur deren Voraussetzung. Hat diese Geschichte eine autobiografische Ursache? Was erzählt sie denjenigen, die unter keinem ausgeprägten Mutterkomplex leiden? Eignet Sonne, Hitze, Meer, diesen Motoren eines merkwürdig unterkühlten wie unkontrollierbaren Affektes, eine umfassende symbolische Bedeutung? Dafür sprechen nicht zuletzt die glasklare Sprache dieser Erzählung und ihre durchschlagende Wirkung.
« Letzte Änderung: 28. November 2016, 22.16 Uhr von Hermeneutiker »
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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #1 am: 13. Dezember 2016, 12.29 Uhr »
Professorin Sändig (Potsdam) bemerkt zu meiner Analyse:

"Ich habe Ihre Arbeit mit Interesse gelesen und möchte dazu Folgendes sagen: Das Rätselhafte und Interessante des Etranger liegt eben der Vieldeutigkeit dieser knappen, klaren Erzählung; viele Deutungsmöglichkeiten bieten sich an und sind durchexerziert worden. Dabei wurde auch das Motiv der Sonne (wie könnte es anders sein) schon angeführt, auch das Inzesthafte. Ich meinerseits habe mich an eine – unvollständige wie jede andere auch – Erklärung aus dem kolonialen Kontext heraus gehalten: das Leben eines „arabe“ ist halt so wenig wert, dass dieses Opfer in der Verhandlung fast keine Rolle spielt. Die eindeutige, alles erklärende Deutung gibt es meiner Meinung nach nicht. Das eben macht den Reiz dieses Camus-Werkes aus. Schön, dass es auch Sie dazu angeregt hat."

Meine Antwort:

Schön, dass schon "durchexerziert" worden ist, nur hat sich das wohl noch nicht überall herumgesprochen und Prof. Sändig verrät auch nicht, von wem. Selbstverständlich ist jedes bedeutsamere Werk irgendwie vieldeutig, tatsächlich stellen die von mir markierten Motive (vier Schläge an das Tor des Unheils, nicht fünf usw.) aber so etwas wie einen roten Faden dar, an dem man nicht vorbeikommt. Letztendlich wirkt diese akademische Reaktion auf mich wie ein Abwiegeln, ist scheinbar eh beliebig, was in einem Text genau drinsteht. Nur "Wissenschaft" sollte man das nicht nennen.
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Offline orzifar

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #2 am: 16. Dezember 2016, 17.57 Uhr »
Hallo!

Deine Antwort auf den Professor scheint darauf hinauszulaufen, dass Wissenschaft nur genannt werden könne, was deine Interpretation des Textes stützt. Und es scheint mir eine Unterstellung zu sein, dass der Inhalt eines Textes egal sei; die Interpretation aber muss zumindest auf ein Mindestmaß an Plausibilität verweisen können (ich lasse hier völlig offen, ob dieses Maß durch deine Sichtweise der Dinge erreicht ist).

Dieses erwähnte "Maß an Plausibilität" ist selbstredend ein dehnbarer Begriff: Er wird u. a. vom literaturwissenschaftlichen Diskurs bestimmt, eine generelle Ablehnung einer Interpretation kann deshalb nicht als "falsch" gelten, sondern eher als "beschränkt plausibel", wobei darüber mittels rationaler Diskussion gestritten werden darf. Darin liegt nun eines der Hauptprobleme der Literatur"wissenschaft": Sie kann keine allgemein verbindlichen Methodologien/Kriterien vorweisen und damit auch nicht auf die Begriffe "wahr" oder "falsch" rekurrieren, die in den Naturwissenschaften - wenn auch dort umstritten - zumeist dennoch konsensfähig sind (für die Literaturwissenschaft fällt mir etwa der Streit um Homers Illias ein, den Raoul Schrott losgetreten hat, wobei dieser verstärkt mit philologischen Mitteln geführt wurde). Daher ist eine Interpretation immer fragwürdig - besser: Sie kann in Ermangelung eines auch nur weitgehend anerkannten Beurteilungskriterium stets in Frage gestellt werden.

Denn es gibt keine Deutungshoheit für die Auslegung: Selbst wenn man in Camus' Nachlass einen Text finden würde, der die Intention des Autors genau erklärte, wäre damit - etwa nach Ansicht von Postmodernisten (eine Ansicht, die ich nicht teile, die aber das Problem sehr gut illustriert) nichts gewonnen. Denn ein Text führt entsprechend dieser Meinung nach seiner Publikation ein Eigenleben und der Autor ist nur noch ein - mehr oder weniger - unmaßgeblicher Teil des Ganzen.

Wenn du nun glaubst feststellen zu können, dass man an deiner Sicht der Dinge "nicht vorbeikomme", so ist das (unter Berücksichtigung deiner Interpretation) eine Meinung, die man teilen kann oder auch nicht. Es hat aber nichts mit Wissenschaftlichkeit zu tun, auf dieser Feststellung zu beharren; anderen bleibt es unbenommen, diese Sichtweise nicht zu teilen. Dir bleibt einzig die Möglichkeit, die anderen von dieser Auslegung zu überzeugen; sollte dir das so gar nicht gelingen, ist vielleicht auch ein gewisses Maß an Selbstkritik angebracht und du solltest dich fragen, warum denn deine Gedanken wenig einsichtig erscheinen. Ginge es um eine Realwissenschaft, so wäre deine Position besser: Du könntest dich auf Experimente berufen, auf die Empirie (obschon man auch hier mit Argumenten der Theoriebesetztheit - sogar von Alltagserfahrungen - die Ergebnisse relativieren kann). Ganz ohne nomologische Beweisführung geht es aber selbst in der für deinen Nick namengebenden Hermeneutik nicht ab (sofern man den Altmeister Schleiermacher bemüht und nicht dogmatisierende Strömungen wie bei Heidegger oder Gadamer): Denn diese Hermeneutik verstand sich ja als eine Kunstlehre der Auslegung von Texten, und dieser Lehre sollten allgemeine Einsichten in die Struktur der menschlichen Verständigung zugrunde liegen. (Und menschliche Handlungen folgen grosso modo bestimmten Regelmäßigkeiten.) Hier versteckt sich wieder der Hinweis auf den (dehnbaren) Begriff der Plausibilität: Eine Auslegung, die allgemeinen menschlichen Erfahrungen widerspricht, wird auf wenig Anerkennung stoßen.

Und noch ein Hinweis auf die Problematik der "Wissenschaft": Du scheinst dich in deinen Ausführung auf die Freudschen Psychoanalyse zu beziehen ("Syndrom des sexuellen Missbrauchs durch einen Elternteil"). Popper hat zurecht darauf hingewiesen, dass die gesamte Psychoanalyse aufgrund der Tatsache, dass sie nicht falsifizierbar ist, der Wissenschaftlichkeit entbehren würde (Wissenschaftlichkeit in einem sehr viel strengeren Sinn als in der Literaturwissenschaft angewandt). Genau das aber ist auch das grundsätzliche Problem mit Interpretationen: Es lassen sich immer Möglichkeiten finden, die entsprechenden Auslegungen zu verteidigen.

Ich selbst will zur konkreten Auslegung nicht Stellung beziehen: Das hieße "mit gezücktem Schwert in den Sumpf zu springen", in dem dann die gesamte Streitmacht mit Ross und Reiter verschwindet.

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Offline sandhofer

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #3 am: 16. Dezember 2016, 18.58 Uhr »
Selbst wenn man in Camus' Nachlass einen Text finden würde, der die Intention des Autors genau erklärte, wäre damit - etwa nach Ansicht von Postmodernisten (eine Ansicht, die ich nicht teile, die aber das Problem sehr gut illustriert) nichts gewonnen. Denn ein Text führt entsprechend dieser Meinung nach seiner Publikation ein Eigenleben und der Autor ist nur noch ein - mehr oder weniger - unmaßgeblicher Teil des Ganzen.

Hm ... dann war ich postmodern avant la lettre. Denn ich war schon der Meinung, dass die (Eigen-)Interpretation des Autors nur eine der möglichen und nicht einmal die massgebende ist, bevor Lyotard oder Derrida von unseren Literaturwissenschaftern entdeckt worden waren. (Die wiederum seltsamerweise - bzw. eben nicht seltsamerweise - nur bei den Literaturwissenschaftern Götterstatus inne hatten. Die Philosophen ignorierten sie gepflegt.)

Schleiermachers Hermeneutik und Kritik wollte ich schon lange mal wieder lesen...
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Offline orzifar

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #4 am: 16. Dezember 2016, 19.49 Uhr »
Hallo!

Hm ... dann war ich postmodern avant la lettre. Denn ich war schon der Meinung, dass die (Eigen-)Interpretation des Autors nur eine der möglichen und nicht einmal die massgebende ist, bevor Lyotard oder Derrida von unseren Literaturwissenschaftern entdeckt worden waren. (Die wiederum seltsamerweise - bzw. eben nicht seltsamerweise - nur bei den Literaturwissenschaftern Götterstatus inne hatten. Die Philosophen ignorierten sie gepflegt.)

Halte ich zumindest für teilweise sehr problematisch. Ich jedenfalls mag mir nicht sagen lassen, was ich "eigentlich" mit einem Text gemeint habe, was ich "unbewusst" auszudrücken versucht habe. Ich für meinen Fall halte viel davon, zumindest über alles von mir Produzierte die Deutungshoheit zu behalten. (Das bezieht sich vor allem auf psychoanalytische Auslegungsversuche.) Hingegen ist selbstredend jeder Kind seiner Zeit und sich dieser Umstände nur ansatzweise bewusst. Sodass diese Umstände in Texten - ohne Absicht des Autors - durchaus gespiegelt werden können.

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orzifar

Eine Schleiermacherlektüre? Hmmm ...
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Offline sandhofer

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #5 am: 16. Dezember 2016, 20.43 Uhr »
Ich jedenfalls mag mir nicht sagen lassen, was ich "eigentlich" mit einem Text gemeint habe, was ich "unbewusst" auszudrücken versucht habe. Ich für meinen Fall halte viel davon, zumindest über alles von mir Produzierte die Deutungshoheit zu behalten. (Das bezieht sich vor allem auf psychoanalytische Auslegungsversuche.)

Ja und nein. Die psychoanalytische Interpretation halte ich - als eine Art pseudowissenschaftlich verbrämtes argumentum ad hominem - für (gelinde gesagt) unredlich. Und uninteressant. Ich bin - im weitesten Sinn - am ehesten wohl Strukturalist und kann mit argumenta ad hominem oder ad populum so wenig anfangen wie mit Geschichtsdeutung, ob marxistisch, psychoanalytisch, autobiografisch oder wie auch immer. (Weswegen ich seinerzeit ein Mediävistikstudium abgebrochen habe, weil meine Dozenten allesamt historisch ausgerichtet waren.)
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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #6 am: 16. Dezember 2016, 21.38 Uhr »
Merci vielmals für die Rückmeldungen, meiner Meinung nach gehen sie allerdings weit am Thema vorbei.

Meine Intention ist nicht Interpretation, nicht zu diesem Zeitpunkt und in diesem Rahmen ( was natürlich nicht bedeutet, dass das hier nicht erwünscht wäre). Mir geht es zunächst einmal nur um ein möglichst präzises Erfassen des Textes und seiner zwingenden Zusammenhänge. Der Zusammenhang von Meursaults Erleben und Handeln und dem Tod seiner "Mama" ist offener Inhalt des Fremden. Die Erschießung des Algeriers wirkt darin vordergründig wie ein Fremdkörper, d.h. absurd, desgleichen der Prozess mit dem Fokus auf die  Beziehung Merusaults zu seiner Mutter usw. Meine detektivische Analyse hat nun aufgedeckt, dass die "vier Schläge an das Tor des Unheils" und die Tatsache, dass der tödliche Schuss offensichtlich nicht als Schlag an selbiges zählt, dass diese vier Schläge vom inneren Standpunkt Meursaults (aber weder psychoanalytisch noch sonstwie interpretiert, sondern objektiv und tatsächlich) dem Tod der Mutter gelten. Darüber kann man selbstverständlich diskutieren und hier wäre ich auf Gegenargumente gespannt, die freilich nicht einmal von der Professorin kamen). Zu diesem Teil eines roten Fadens gehören dann weiter die Beschreibung der Beerdigung und die Analogien zu den fatalen Schüssen (Hitze, rote Erde usw.), der Zeitungsausschnitt von der furchtbaren Mutter in der Zelle und die Aussage Meursaults, Schuld an allem hätte die Sonne sowie der "dunkle Rausch" am Ende der meteorologischen Vergewaltigungsallegorie. Diese Zusammenhänge, d.h. die innere Form der Erzählung und den Zusammenhang der Motive zu erkennen ist Vorraussetzung für eine Interpretation, bevor das geklärt ist brauch man sich m.E. nicht über Interpretation zu streiten. Es sei denn, mann will mehr oder weniger beliebig über einen Text bzw. über entsprechende Metaaspekte plaudern.

Das mit der Überzeugungsarbeit ist natürlich richtig, eine ausführliche Analyse habe ich auf Französisch bei BoD veröffentlicht, wie wird tatsächlich nachgefragt, wenn gewünscht, kann ich das auch auf Deutsch auf meine Homepage stellen.  Und dann: so etwas braucht Zeit, das ist selbst in den sogenannten exakten Wissenschaften der Fall.

Allen noch einen schönen Abend.
« Letzte Änderung: 16. Dezember 2016, 22.07 Uhr von Hermeneutiker »
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Offline orzifar

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #7 am: 17. Dezember 2016, 08.32 Uhr »

Hallo!

Das, was du als zwingend betrachtest, ist für einen anderen nebensächlich. Du erhebst den Anspruch, im "Recht" zu sein mit deinen "Voraussetzungen" und verstehst nicht, dass du in Bezug auf Begründungen keineswegs auf mehr und plausiblere Argumente zurückgreifen kannst als jemand, der all das von dir Geäußerte für blanken Unsinn hält. Um diese völlig unhaltbare Position aufzuzeigen war es mir zu tun. Es fällt mir nur ein wenig schwer zu glauben, dass dir das Willkürliche in deiner Sichtweise nicht einleuchtet (das, was du für "zwingende Voraussetzungen" hältst, kann nicht im mindesten den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, wie du durch dein Schreiben suggerierst): Der von dir erwähnte Professor scheint auch darauf abgezielt zu haben.

Ich habe mich deshalb auf die Methodologie bezogen, um die Fragwürdigkeit deiner grundsätzlichen Herangehensweise aufzuzeigen: Aber das war wohl vergebliche Liebesmüh. Ich fürchte, dass du noch einige Male wirst feststellen müssen, dass es - wo auch immer - keine unhintergehbaren Voraussetzungen gibt - und schon gar nicht im literarischen Bereich. Und du kannst deine Position nicht einfach dadurch immunisieren, dass du deine Äußerungen durch als Fundament bezeichnest, auf dem jeder schon stehen muss: Das ist einfach eine bloße Behauptung, der man keinesfalls zustimmen muss. D. h. du kannst das natürlich machen: Aber mit dem Ergebnis, dass du damit auf wenig Gegenliebe stoßen wirst bei prospektiven Diskutanten. Dogmen sind nicht diskursfähig.

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #8 am: 17. Dezember 2016, 12.13 Uhr »
Lieber orzifar, das ist doch leeres Gerede. Wo bleiben die Argumente? Allerdings ist deine Reaktion in gewisser Weise aufschlussreich. Immerhin kann ich zu meinen Gunsten anführen, dass im Falle meiner ähnlich funktionierenden Woyzeck-Analyse eine Rezension in Germanistik 54, S. 530 von "akribischer, sehr genauer Mikroanalyse" spricht. Freilich ist das nicht jedermanns Sache, muss es auch nicht. Die Präzision deiner Lektüre ergibt sich indes bereits aus dem Ignorieren der Zustimmung von Prof. Sändig, die meinen "roten Faden" ja keineswegs abgestritten, sondern ihn quasi nur entfärbt, marginalisiert hat. Was ich ihr allerdings nicht abkaufe. Übrigens wurde eine längere Fassung meiner Untersuchung des Fremden 2007 in Lichtungen 110 (Graz) veröffentlicht. Dafür gab es sogar 200 Mäuse. Ganz so schlecht, wie du meinst, stehen meine Aktien also gar nicht.
Ein schönes Wochenende noch.
« Letzte Änderung: 17. Dezember 2016, 12.28 Uhr von Hermeneutiker »
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Offline sandhofer

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #9 am: 17. Dezember 2016, 15.20 Uhr »
Lieber Hermeneutiker

orzifar hat in seiner ersten Antwort durchaus Argumente geliefert.

Du bist nicht auf sie eingetreten. Vielleicht, weil er Deinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zurückgewiesen hat mit dem Hinweis darauf, dass "wahr" oder "falsch" in der Literaturwissenschaft nicht existieren, weil in der Literaturwissenschaft keine einheitliche Methode existiert. orzifar bewegt sich damit zwar nicht auf der Ebene Deiner Interpretation (denn eine Interpretation ist es, keine Grundlage zu jedweder möglichen Interpretation, wie Du fälschlich meinst), sondern auf einer - wie man so schön sagt - Metaebene.

Dein Beharren auf grundlegender Allgemeingültigkeit Deiner vermeintlich neuen Erkenntnis scheitert im Übrigen nicht nur an der mangelnden Allgemeingültigkeit, sondern auch an dem vermeintlich Neuen: Ich kann mich erinnern, dass wir schon vor nun bald 50 Jahren im Gymnasium Ähnliches diskutiert hatten.

Nebenbei gesagt erinnert mich Folgendes:

Allerdings ist deine Reaktion in gewisser Weise aufschlussreich.

sehr an die Art und Weise, wie die psychoanalytischen Interpreten die Gegner ihrer Methode abzuspeisen dachten: Wer die Resultate der Psychoanlyse nicht akzeptiert tut das, weil er selber Widerstände in sich hat, die erst - natürlich psychoanalytisch - behandelt werden müssten. Letzen Endes ist das auch nur eine andere Form des argumentum ad hominem - ein in der Rhethorik beliebtes und erlaubtes Mittel, in Wissenschaft und Philosophie aber verpönt. Denn damit erspart man sich immer und in jedem Fall ein Eintreten auf die Meinung der Gegenseite.

PS. Wenn ich daran denke, für welche Veröffentlichungen ich Geld erhalten habe (und für welche nicht), wird mir heute noch übel...
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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #10 am: 18. Dezember 2016, 08.30 Uhr »
Interessant, interessant ...

Da werden von mir Daten genannt und in Beziehung gesetzt (noch einmal: vier Schläge an das "Tor des Unheils" anstatt fünf, was also ist mit dem ersten tödlichen, das Thema "Mama" zu Beginn, im Prozess die meteorologische Vergewaltigungsallegorie, der Zeitungsausschnitt über eine mörderische Mutter usw., es sind nämlich noch viel mehr, beispielsweise die Erwähnung eines pervers eingefärbten Sexualaktes ...), Daten die nach Ansicht meiner Kritiker eine bestimmte Theorie implizieren, von der ich kein Wort gesagt habe, die diese Kritiker aber offenbar vehement ablehnen und daraufhin werden meine Ausführungen pauschal zurückgewiesen, ohne dass man ein Wort über die Daten verliert. Tatsächlich hat der von mir geschätzte Panajotis Kondylis (Die Aufklärung ...) dieses Muster (ihr seid da in guter Gesellschaft) in der gesamten Wissenschaftsgeschichte identifiziert. Wenn jetzt wieder einer mit der Tautolologie aufgrund einer bestimmten Einstellung meinerseits ankommt, zum letzten Mal: Ihr macht um die Daten einen Bogen wie die Katze um den heißen Brei. Was ihr natürlich wiederum abstreiten könnt, ohne über den ursprünglichen Text zu reden ...

 
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Offline orzifar

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #11 am: 20. Dezember 2016, 03.50 Uhr »
Hallo!

Noch einmal - aber nun auch das letzte Mal: Zwischen den Tatsachen (dem was, in einem Buch steht etc.) und deren Auslegung bzw. der Gewichtung dieser Tatsachen ist ein fundamentaler Unterschied. Im konkreten Fall: Deine "vier Schläge" oder die "Sonne" (etc.) kommen im Buch vor (das sind Tatsachen); welche Bedeutung man diesen Sätzen zugesteht (bzw. ob sie überhaupt eine "tiefere" Bedeutung haben oder bloß kontingentes Beiwerk sind), ist vom Betrachter abhängig. Heißt: Nur weil du es für bedeutend hältst, muss das für einen anderen noch lange nicht so sein (und wessen Argumente die "besseren" sind ist gerade in solchen Fällen stark vom subjektiven Standpunkt des Betreffenden abhängig).

Du aber behauptest einfach diese Wichtigkeit und siehst nicht, dass ein anderer mit ebenso guten Gründen das Gegenteil behaupten kann (etwa, dass das von dir Angeführte für den Roman unerheblich ist). Man muss eben deine Ansicht nicht teilen (man kann alles von dir Erwähnte mit Fug und Recht für absolut belanglos halten) und diese deine Ansicht ist keinesfalls Ausgangspunkt für eine Diskussion. Diesen Unterschied zwischen den "Daten" und deiner Betrachtung der Daten scheinst du nicht zu verstehen (zu wollen): Offensichtlich war dein Professor ebenfalls darum bemüht, dir dies mehr oder weniger freundlich mitzuteilen. Und dabei ähnlich erfolglos wie ich ;).

lg

orzifar
« Letzte Änderung: 20. Dezember 2016, 06.12 Uhr von orzifar »
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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #12 am: 20. Dezember 2016, 04.24 Uhr »
Nachsatz:

Ich hielt im übrigen deinen Beitrag bei der ersten Lektüre für eine - mehr-weniger gelungene - Satire und habe das einfach als Kuriosum ad notam genommen. Erst durch deinen zweiten Beitrag wurde mir klar, dass du das ernst meinst. Tatsächlich glaube ich, dass du den Roman überhaupt nicht verstanden hast (zumindest aus meiner - subjektiven - Sicht). So halte ich etwa deine Auslegung der "Sonne" für vollkommen überspannt, ich glaube vielmehr, dass diese "seltsame" Schuldzuweisung nur für jemanden unverständlich ist, der sich so gar nicht in die Figur des Protagonisten einfühlen kann. Die Situation am Strand hat ungeheuer viel Kontingentes, Meursault befindet sich in einem Ausnahmezustand - zwischen erregt und dissoziativ. Und ist mit der Situation überfordert, die Hitze, seine Verwirrung - alles lässt ihn in einer Weise reagieren, die ihm sonst fern gelegen wäre. Die "Sonne" ist sozusagen jener "heiße" Tropfen, der alles zum Überlaufen bringt, er ist der zufällige Anlass für ein folgenreiches Tun. (Das deckt sich auch mit dem, was Camus zum Zufall über den Selbstmord bzw. über die Ignoranz gegenüber einem Selbstmörder im "Mythos von Sisyphos" schreibt: Schuld hat möglicherweise derjenige, der sich nur eine allerkleinste Unaufmerksamkeit gegenüber dem Betroffenen erlaubt hat. Hier nun ist es die "Sonne" (als eine Art paradigmatische Zufälligkeit), das Gleißen, Flimmern, die Hitze, die den Protagonisten zu seiner Tat sich hinreißen lässt.)

Wie gesagt - ich glaube, dass du mit deiner Auslegung völlig falsch liegst (aber beweisen werde ich das nicht können). Ich habe meine Interpretation dieser einzelnen Szene hier nur skizziert, damit du eine Vorstellung gewinnst, wie man den Roman auch lesen kann. Zum anderen glaube ich, dass deine Herangehensweise an die Lektüre (wenigstens für mich und mein Verständnis von Lektüre) kontraproduktiv ist: Für mich steht zuerst immer der Genuss des Lesens im Vordergrund, ich frage mich anfangs gar nicht, warum mir ein Buch gefällt und der Sinn muss sich mir ohne allzu viel rationalistische Feinarbeit erschließen. Ist das nicht der Fall, kann ich auf Interpretationen zurückgreifen (vor allem dann, wenn ich offenkundig einen von vielen geschätzten Roman einfach nur schlecht finde: Dann fühle ich mich dazu veranlasst, alternative Sichtweisen kennenzulernen). Insgesamt aber glaube ich, dass Literatur sich dem Lesenden im Lesen erschließt, dass für ihr Verständnis keine "Mikroanalyse"* notwendig ist (oder auch nur sein soll). Ich bin auch von der Notwendigkeit (seit ich nicht mehr an der Uni bin) befreit, eingehende Textinterpretationen zu liefern - und dies ist sogar mit ein Grund gewesen, weshalb ich auf akademische "Ehren" verzichtet habe. Denn gerade solche Diskussionen, wie du sie zu führen beabsichtigst (und die ich deshalb auf eine Metaebene zu heben versuchte) finde ich extrem langweilig und völlig sinnlos. In der Philosophie oder in der Soziologie gibt es derlei auch: Es sind meist jene, die an möglichst dunklen Satzwolken (etwa Hegelscher Provenienz) ihr zweifelhaftes Interpretationsgeschick erproben. M. E. eine Form von höchst unfruchtbarer, geistiger Onanie.



lg

orzifar

*) Diese Art der Betrachtung hat etwas Kabbalistisches an sich: Da beugt sich der Literaturkritiker wie weiland der Rabbi über einen Text und stellt dann zum Erstaunen aller fest, dass sich hinter harmlos anmutenden Sätzen das Tier der Apokalypse verbirgt (bewiesen anhand von Zahlenwerten aus dem hebräischen Alphabet). - Im übrigen sind auch diese Zahlenwerte "Fakten".
« Letzte Änderung: 20. Dezember 2016, 06.01 Uhr von orzifar »
Derzeitige Lektüre:

Douglas R. Hofstadter: Die FARGonauten
Albrecht Beutelspacher: "In Mathe war ich immer schlecht..."
Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift
David J. Hand: Die Macht des Unwahrscheinlichen
Paul Veyne: Glaubten die Griechen an ihre Mythen?
Walter Burkert: Kulte des Altertums. Biologische Grundlagen der Religion
Hans Albert: Plädoyer für kritischen Rationalismus

Offline Hermeneutiker

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #13 am: 20. Dezember 2016, 09.01 Uhr »
Jetzt kommen wir der Sache schon näher.

Die Langfassung meines Textes (auf Französisch bei BoD und in Lichtungen 110, Graz) war ursprünglich wirklich als Satire angelegt. Dort spricht der Detektiv, den Camus sozusagen ausgelassen hat. Der Fremde kann ja tatsächlich als Kriminalfall gelesen werden: Wir haben einen Mord, die Mordwaffe und den Täter, nur eben kein Motiv.

In einem Krimi kann an dem Unterschied zwischen vier oder fünf Schüssen u.U. ein ganzer Fall festgemacht werden. In diesem Genre regiert die kriminalistische Logik, der Held der intellektuellen Arbeit ist der Detektiv, die höhere Instanz ist die Gerechtigkeit bzw. die innere Logik eines Falles.

Ich habe mir also vorgestellt, ein fiktiver Detektiv liest vor seinem Kamin bei einer Tasse Tee Camus Etranger. Als es um die Tatumstände geht, den tödlichen ersten Schuss, das Zögern und die vier weiteren, anscheinend völlig überflüssigen Schüsse stutzt er. Er wittert ein Geheimnis. Auch Camus fiktiver Untersuchungsrichter reagiert entsprechend.  Er spielt diesen - wörtlich - "dunklen Punkt" (und zwar den einzigen seiner Meinung nach!) so hoch, wie es überhaupt nur geht, bis zur absoluten Sinnfrage. Nur ... der Leser weiß mehr, vor allem dass der Täter kurz nach der Tat von den "viere kurzen Schlägen an das Tor des Unheils" spricht. Vier oder fünf Schüsse: das könnte vielleicht nebensächlich sein, obwohl das bei einem Text dieser Qualität nicht sehr wahrscheinlich ist. Aber es geht eben nicht nur um vier oder fünf Schüsse, sondern um schicksalhafte Schläge an ein schicksalhaftes Tor. Und zwar vier, nicht fünf. In dem Unterschied liegt das ganze Drama. Es sind die letzten Worte des ersten Abschnitts, die Metapher vom "Tor des Unheils" hat eine (zunächst unterschwellige) Reichweite, die die ganze Klasse dieses durchdringenden Textes veranschaulicht.

Je länger der Detektiv liest, umso mehr verdichtet sich das Bild. Insbesondere auch durch solche Aussagen Meursaults wie: "Alle gesunden Menschen wünschen sich mehr oder weniger den Tod derer, die sie lieben." Selbstverständlich stellt sich hier die dringende Frage, was der Täter mit "gesund" und "lieben" meint. Unter welcher Voraussetzung könnte vergleichsweise "gesund" sein, jemanden, der einen liebt, lieber zu töten, als diese Liebe zuzulassen? Wie sähe solch eine fatale Liebe wohl aus? Letztendlich läuft das alles in besagter Metapher vom "Tor des Unheils" zusammen. Zu ergänzen ist der - wörtlich - "dunkle Rausch".

Mein Detektiv ist wie gesagt nicht der Ansicht, dass das Auslegungssache ist, sondern, sozusagen, berufsspezifische Logik. Freilich sollen damit weitere Bedeutungsebenen nicht ausgeschlossen werden. Um Gottes Willen, nein. Unter er verlangt auch nicht, dass man ihm zuhört. Er will auch keine Analysen von Harmonielehre, Kompositionstechniken, Kontrapunkt und Sonatenhauptsatzform vorgesetzt bekommen, wenn er Musik genießt. Trotzdem hält er sie nicht für Blödsinn.
« Letzte Änderung: 21. Dezember 2016, 16.15 Uhr von Hermeneutiker »
Don't shoot me, I'm only the piano player.

Offline sandhofer

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Re: Albert Camus: Der Fremde
« Antwort #14 am: 20. Dezember 2016, 21.11 Uhr »
Hallo Hermeneutiker

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Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus