Autor Thema: Reiselust und Fontane  (Gelesen 4316 mal)

Offline orzifar

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Reiselust und Fontane
« am: 15. Juli 2009, 17.32 Uhr »
Hallo allerseits!

Tja, wohin damit? mit dem Geschreibsel über Fontane, halb als Antwort auf die "Irrungen, Wirrungen" gedacht? Weil's denn so ins allgemeine geht, setz ich mich damit ins Bistro und bitte die p. t. Administratorin um einen Kaffee.

Fontane hat einen "Plot" nicht nötig. Hat man schon bei Doderer gescherzt, dass er einen neuen Roman plane des Titels "Ein Mann geht über die Straße" - die ersten 1000 Seiten seien schon fertig, so trifft das auf Fontane in vielleicht noch stärkerem Maße zu. Einer der großartigsten und handlungsärmsten Romane der Weltliteratur ist der "Stechlin", ein sprachliches Kunstwerk sondergleichen, humor- und liebevoll, mit herrlich konzipierten Dialogen, in denen ein Fräulein Schmargendorf mit ihrem eingeworfenen "Hihi" beim Leser mehr Zwerchfellerschütterndes auslöst als andere Autoren mit bemühtem Humor über viele Seiten zuwege bringen. Witz und Geist wird bei ihm frei Haus geliefert, augenzwinkernd und unaufdringlich, ohne Brimborium, auf eine bescheiden-stille Weise, die fast jedes Werk zu einem Leckerbissen macht. Und auch seine Glossen und Skizzen sind ein Genuss, weitblickend, witzig, wenn auch nachfolgendes Beispiel ein wenig unaufrichtig ist (da Fontane durchaus zu den Vielreisenden zählte):

"Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen. Sonst reisten bevorzugte Individuen, jetzt reist jeder und jede. Kanzlistenfrauen besuchen einen klimatischen Kurort am Fuße des Kyffhäuser, behäbige Budiker werden in einem Lehnstuhl die Koppe hinaufgetragen, und Mitglieder einer kleinstädtischen Schützengilde lesen bewundernd im Schlosse zu Reinhardsbrunn, daß Herzog Ernst in 25 Jahren 50157 Stück Wild getötet habe. Sie notieren sich die imposante Zahl ins Taschenbuch und freuen sich auf den Tag, wo sie in Muße werden ausrechnen können, wieviel Stück auf den Tag kommen.

Alle Welt reist. So gewiß in alten Tagen eine Wetterunterhaltung war, so gewiß ist jetzt eine Reiseunterhaltung. "Wo waren sie in diesem Sommer," heißt es von Oktober bis Weiohnachten; "wohin werden Sie sich im nächsten Sommer wenden?" heißt es von Weihnachten bis Ostern: Viele Menschen betrachten elf Monate ds jahres nur als eine Vorbereitung auf den zwölften, nur als die Leiter, die auf die Höhe des Daseins führt. [...]"

Im übrigen hat auch Doderer die Tatsache moniert, dass er in einem Zeitalter lebe, in dem schon jede Mehlspeisköchin ständig durch die Gegend reise. Ich als ein Verfechter der stabilitas loci höre solches immer gern.

Liebe Grüße

orzifar
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Offline Bartlebooth

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #1 am: 15. Juli 2009, 17.40 Uhr »
Fontane hat einen "Plot" nicht nötig. Hat man schon bei Doderer gescherzt, dass er einen neuen Roman plane des Titels "Ein Mann geht über die Straße" - die ersten 1000 Seiten seien schon fertig, so trifft das auf Fontane in vielleicht noch stärkerem Maße zu. Einer der großartigsten und handlungsärmsten Romane der Weltliteratur ist der "Stechlin", (...)

Da kann ich dir nicht wirklich zustimmen, aber wahrscheinlich liegt es nur wieder daran, dass wir unter "Handlung" was anderes verstehen. Der "Ulysses" ist handlungsarm, oder Thomas Bernhards Prosa oder "Herr Palomar" - solche Sachen. Aber beim "Stechlin" passiert schon einiges - es ist nur sehr alltäglich und hat keine künstlich aufgebrezelte Pointe nötig, keinen Überraschungseffekt oder dergleichen. Hier ist einer, der mit einfacher Abschilderung ganz viel an Einsicht gewähren kann.

Im übrigen hat auch Doderer die Tatsache moniert, dass er in einem Zeitalter lebe, in dem schon jede Mehlspeisköchin ständig durch die Gegend reise. Ich als ein Verfechter der stabilitas loci höre solches immer gern.

Da bildungsbürgert der gute Heimito wieder so vor sich hin. Ich finde die zitierten Abschnitte auch witzig - aber wirklich nur, weil sie so heillos überkommen sind und sich selbst ironisieren. Ich bin ja kein Verfecher der stabilitas loci... ;-)

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Offline orzifar

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #2 am: 15. Juli 2009, 17.41 Uhr »
Hallo!

Nunja, reich an äußerer Handlung ist der Stechlin nun wahrlich nicht. Wie schreibt er selbst, natürlich verkürzend-karikierend: "Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; - das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts. - Einerseits auf einem altmodischen, märkischen Gut, andrerseits in einem neumodischen gräflichen Hause (Berlin) treffen sich verschiedene Personen und sprechen da Gott und die Welt durch. Alles Plauderei, Dialog, in dem sich die Charaktere geben, mit und in ihnen die Geschichte. Natürlich halte ich das nicht nur für die richtige, sondern sogar die gebotene Art einen Zeitroman zu schreiben ...". Soweit der Chef selbst.

Und der übertreibt, aber doch nicht allzu sehr. Ein bißchen Politik wird noch getrieben - aber viel mehr ist wirklich nicht. An Äußerlichkeiten. Dafür steckt's in jedem Satz, in jeder kleinen Beschreibung - und vor allem: In der wundervollen Sprache.

Bernhards Prosa (die ich nicht - mehr - besonders mag) handlungsärmer: Ich weiß nicht, natürlich sind die sich wiederholenden Satzkaskaden nicht prall mit Handlung gefüllt, aber selbst kurze Werke wie Amras, Watten, Die Billigesser oder Gehen (das mag ich ;-)) sind keine handlungsarmen Romane. Aber ich bin mir sicher: Wir verstehen unter Handlung wohl nicht das Gleiche.

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Offline Bartlebooth

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #3 am: 15. Juli 2009, 17.43 Uhr »
Nunja, reich an äußerer Handlung ist der Stechlin nun wahrlich nicht. Wie schreibt er selbst, natürlich verkürzend-karikierend: "Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; - das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts. - Einerseits auf einem altmodischen, märkischen Gut, andrerseits in einem neumodischen gräflichen Hause (Berlin) treffen sich verschiedene Personen und sprechen da Gott und die Welt durch. Alles Plauderei, Dialog, in dem sich die Charaktere geben, mit und in ihnen die Geschichte. Natürlich halte ich das nicht nur für die richtige, sondern sogar die gebotene Art einen Zeitroman zu schreiben ...". Soweit der Chef selbst.

Ein wunderbares Beispiel dafür, dass der "Chef" besser den Mund gehalten hätte. Selbstverständlich geschieht mehr und auch Spannendes, die ganze Frage des "Wen heiratet Woldemar am Ende?" etwa oder die gesamte Geschichte rund um Dubslavs politische Ambitionen oder Nicht-Ambitionen. Mir ist egal, was Fontane behauptet, aber das ist Handlung!

Bernhards Prosa (die ich nicht - mehr - besonders mag) handlungsärmer: Ich weiß nicht, natürlich sind die sich wiederholenden Satzkaskaden nicht prall mit Handlung gefüllt, aber selbst kurze Werke wie Amras, Watten, Die Billigesser oder Gehen (das mag ich ;-)) sind keine handlungsarmen Romane. Aber ich bin mir sicher: Wir verstehen unter Handlung wohl nicht das Gleiche .

Soweit ich mich erinnere, passiert in "Watten" nicht viel mehr als ewiges Gelaber und das Herumgehen zur "faulen Fichte" und zurück. Hier würde die Fontane-Sentenz viel besser passen. "Amras" habe ich als sehr untypisch und psychologisch in Erinnerung, aber bei zwei eingesperrten Jugendlichen kann eigentlich auch nicht viel passieren. Als extrem handlungsarm habe ich allerdings die Romane in Erinnerung. In "Frost" passiert außer Gerede und misanthropischen Tiraden doch z.B. überhaupt nichts.

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Offline orzifar

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #4 am: 15. Juli 2009, 17.47 Uhr »
Hallo!

Ein wunderbares Beispiel dafür, dass der "Chef" besser den Mund gehalten hätte. Selbstverständlich geschieht mehr und auch Spannendes, die ganze Frage des "Wen heiratet Woldemar am Ende?" etwa oder die gesamte Geschichte rund um Dubslavs politische Ambitionen oder Nicht-Ambitionen. Mir ist egal, was Fontane behauptet, aber das ist Handlung!

Tja, Definitionsfrage. Dass ich das Innenleben von Personen interessant finde, spannender als "äußere" Handlung, sei unumwunden zugegeben und auch bei Fontane mag ein Gran Ironie bei dieser seiner Beschreibung mitschwingen. Er meint ja auch, dass dies die "richtige" Art und Weise des Be-Schreibens sei. Trotzdem hat er natürlich Recht, wenn er darauf hinweist, dass es in seinem Roman an äußerlicher Handlung nicht allzu viel zu bewundern gibt, Heirat (und immer ist klar, wer wen kriegt und es ist auch so wichtig nicht, einmal Tod - folgerichtig am Ende des Lebens ;-), und das politische Engagement: Und ich meine nicht fehl in der Annahme zu gehen, dass der Durchschnittsleser von 500 Seiten Romanen ein wenig mehr erwartet). Das hat nichts mit meiner pers. Definition eines "spannenden" Romanes zu tun, welche aber erfahrungsgemäß nicht repräsentiv zu sein pflegt. (Reich an "äußerer" Handlung wäre etwa Auster - als Negativbeispiel, oder G. G. Marquez' 100 Jahre Einsamkeit - als Positivmuster.)


Soweit ich mich erinnere, passiert in "Watten" nicht viel mehr als ewiges Gelaber und das Herumgehen zur "faulen Fichte" und zurück. Hier würde die Fontane-Sentenz viel besser passen. "Amras" habe ich als sehr untypisch und psychologisch in Erinnerung, aber bei zwei eingesperrten Jugendlichen kann eigentlich auch nicht viel passieren. Als extrem handlungsarm habe ich allerdings die Romane in Erinnerung. In "Frost" passiert außer Gerede und misanthropischen Tiraden doch z.B. überhaupt nichts.

Nunja, natürlich geht der Gute bloß spazieren, aber er erzählt auch einiges dabei, selbst an äußerer Handlung (von Mord und - selbstredend bei Bernhard - Selbstmord ...). An der erzählenden Figur allein darf man das nicht festmachen, sonst wär auch der Dr. Faustus handlungsarm, denn der Serenus Zeitblom sitzt auch bloß pensionierterweise in seiner Vorortvilla und schreibt so vor sich hin. Beim Amras passiert recht viel (wobei ich diesen Roman für ziemlich schlecht und sehr flach halte), den Frost müsste ich mir wieder zu Gemüte führen (ich habe eine dumpfe, alkoholgeschwängerte Bergbauernatmosphäre in Erinnerung behalten).

Zum Reisen einen Horaz, aber der ist ohnehin universal und zu allen denkbaren Behufen einsetzbar: Coelum non animum mutant qui trans mare currunt. Und so verzichte ich während des Urlauberschichtwechsels sehr gerne darauf, vor dem Tauerntunnel mit den teutonischen Staukameraden ein Fußballspielchen zu machen.

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Offline Bartlebooth

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #5 am: 15. Juli 2009, 17.53 Uhr »
Tja, Definitionsfrage. Dass ich das Innenleben von Personen interessant finde, spannender als "äußere" Handlung, sei unumwunden zugegeben und auch bei Fontane mag ein Gran Ironie bei dieser seiner Beschreibung mitschwingen. Er meint ja auch, dass dies die "richtige" Art und Weise des Be-Schreibens sei. Trotzdem hat er natürlich Recht, wenn er darauf hinweist, dass es in seinem Roman an äußerlicher Handlung nicht allzu viel zu bewundern gibt (...)

Ich habe ein Problem mit der Unterteilung in "äußere" und "innere Handlung" (ist mir als Begrifflichkeit so nicht geläufig). Wenn ich allerdings "innere Handlung" als Innenschau in die Beweggründe eines Charakters betrachte, dann finde ich davon herzlich wenig im "Stechlin". Ich weiß am Ende eben gerade nicht, warum Woldemar sich für Armgard entscheidet usw. Insofern bin ich gerade sehr erstaunt über dein "natürlich" und muss mich wieder einmal Fragen, warum meine natürliche Wahrnehmung zu versagen scheint ;-).

Nunja, natürlich geht der Gute bloß spazieren, aber er erzählt auch einiges dabei, selbst an äußerer Handlung (von Mord und - selbstredend bei Bernhard - Selbstmord ...).

Deine Logik bleibt mir rätselhaft. Wenn eine Figur von etwas erzählt (und ich habe bei Bernhard ganz entschieden den Eindruck, dass hier sehr viel mehr über Gemütsregungen als von "äußeren Ereignissen" erzählt wird), dann ist das äußere Handlung? Wenn wir eine Figur nur bei zweifellos äußeren Handlungen beobachten (wie im "Stechlin"), dann ist das allenfalls "innere Handlung"? Das will sich mir nicht erschließen.

Coelum non animum mutant qui trans mare currunt.

Das kommt nun wirklich auf den/die einzelnen/n Reisende/n an. Ich würde für mich diesem Satz klar widersprechen wollen. Aber ich stehe auch nicht im Stau am Tauerntunnel, wenn ich verreise... :-)

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Offline orzifar

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #6 am: 15. Juli 2009, 17.54 Uhr »
Hallo!

*schmunzel* - also: Beim Stechlin wird geplaudert, es werden Ansichten ausgetauscht und zurückgenommen, nebenher wird Spazieren gegangen, die Landschaft betrachtet und ein paar historische Unterhaltungen werden geführt. Das ist ähnlich wie bei Frau Jenny Treibel, zwischen den Zeilen wird die Stimmung des Bürgertums im 19. Jahrhundert spürbar. Das alles würde ich als einen (nicht bedauernswerten!) Mangel an äußerer Handlung bezeichnen. Zur Illustration hab ich ohnehin den Auster angeführt: Mord und Totschlag, Selbstmorde, Feuersbrünste, Banküberfälle, halb und ganz erschossene schwangere Frauen, Suche nach Verschollenen etc. Das nun im Vergleich zum Sterben des alten Dubslav, seiner halbherzigen polit. Bestrebungen und der Hochzeit betrachtet macht das Manko an "äußerer" Handlung deutlich (hoffte ich zumindest, wobei, der Hinweis auf Marquez belegte es, dies per se noch kein neg. Kriterium sein muss). Frau Jenny Treibel ist ganz ähnlich konzipiert: "Denn auch hier passiert - nichts; ein junges Mädchen will den einen - und kriegt glücklicherweise den anderen, Standesdünkel und Beschränktheit verhindern ihr (Un-)Glück." Der Rest sind Unterhaltungen über Gott, die Welt und was halt sonst noch in Abendunterhaltungen vor die geistigen Flinte gelangt.

Nochmal zum Bernhard: Auf den paar Seiten von Amras passiert mehr (mit dem ganzen Selbstmordgetöns, im Trum Eingeschlossensein, der halb und ganz dramatischen Entscheidungen), wobei ich Bernhard natürlich nicht als einen Autor bezeichnen würde, dessen Bücher reich an äußerer Handlung sind - im Gegenteil (wie sind wir überhaupt auf den gekommen?? *nachles*). Vielleicht verstehst du durch den Vergleich zwischen Auster und dem Stechlin (oder Frau Treibel) das, was ich mit "reich" oder "arm" an äußerer Handlung gemeint habe.

Liebe Grüße

orzifar

Zum Reisen: Ich bin ja auch manchmal über dieses 300 Seelen Dorf hinausgekommen, aber meist irgendwo zwischen Mücken- und Lärmplage gelandet. Ergriffen habe ich etwa gestaunt vor allerlei antiken Bauten auf den Kykladeninseln und so mancher kulturbeflissene Mitteleuropäer mit mir. Skeptisch bezüglich deren Begeisterung hab ich mich dann mit einem kleinen Vortrag über die architektonischen Besonderheiten eines aufgelassenen, neugriechischen Ziegenstalles an deren geistiger Entwicklung beteiligt - und siehe da: Des Staunens war kein Ende, man hing an meinen vor Gelehrsamkeit - und Blödsinn - triefenden Lippen. Deshalb - habt Acht, werte Reisende, wenn mein Frau mich wieder mal verschleppt und ich ihrer Obhut entfliehe, kurzzeitig: Der braungebrannte Gelehrte, der allerlei Bemerkenswertes über Tierbehausungen zum Besten gibt, könnte ein österreichischer Scharlatan sein. - Im übrigen habe ich keine Sekunde geglaubt, dass du, Bartlebooth, drei Wochen den Algenteppich in Jesolo oder Lignano Sabbiadoro bewunderst ;-) - und meine auch nicht immer alles so ernst, wie es erscheinen mag - oder gar noch ernster.
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Offline sandhofer

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #7 am: 15. Juli 2009, 17.56 Uhr »
Dabei war Fontane ein grosser Reisender vor dem Herrn. Und seine Berichte darüber, ob von Jenseits des Tweed oder seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg m.M.n. gehören zum Besseren, was er geschrieben hat. Und das will was heissen ...

(Ich habe übrigens diese Abteilung des Forums umbenannt; der alte Name erinnerte an ein verstorbenes Forum, vom dem ich nicht unbedingt alle Gäste anzuziehen wünschte. Nix für Ungut!)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Bartlebooth

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #8 am: 15. Juli 2009, 17.59 Uhr »
*schmunzel* - also: Beim Stechlin wird geplaudert, es werden Ansichten ausgetauscht und zurückgenommen, nebenher wird Spazieren gegangen, die Landschaft betrachtet und ein paar historische Unterhaltungen werden geführt. Das ist ähnlich wie bei Frau Jenny Treibel, zwischen den Zeilen wird die Stimmung des Bürgertums im 19. Jahrhundert spürbar. Das alles würde ich als einen (nicht bedauernswerten!) Mangel an äußerer Handlung bezeichnen.

Gottchen, aber da könnte man auch sagen, beim Herrn der Ringe unterhält man sich, wandert ein bisschen umher, wird hie und da in einen kleinen Kampf verwickelt, isst, trinkt, singt, kaum der Rede wert.

Zur Illustration hab ich ohnehin den Auster angeführt: Mord und Totschlag, Selbstmorde, Feuersbrünste, Banküberfälle, halb und ganz erschossene schwangere Frauen, Suche nach Verschollenen etc. Das nun im Vergleich zum Sterben des alten Dubslav, seiner halbherzigen polit. Bestrebungen und der Hochzeit betrachtet macht das Manko an "äußerer" Handlung deutlich (...).

Tut mir leid, nein . Das Verhältnis von Reflexion und Action ist bei Auster und Fontane zugegeben ein etwas anderes. Aber nehmen wir mal nicht den Auster, sondern Zola. Ich meine im Totschläger wird gearbeitet, geheiratet, gearbeitet und am Ende ein bisschen getrunken. Ich kann alles so darstellen, als wäre es keine "äußere Handlung", das Umherwerfen von Beispielen hilft da nicht weiter, auch nicht das Berufen auf die Autor-ität . Ich kann auch behaupten. Im Auster wird ein bisschen gelesen, Film geguckt und viel gelabert (das Erzählen der Lebensgeschichte von Hector Mann ist ja ein nachträglicher Bericht!).
Man bräuchte einen konzisen Begriff, etwa den, dass ich sage, Reflexion, auch wenn sie im Gespräch und nicht in der Innenschau stattfindet, sei keine "äußere Handlung". Das finde ich allerdings höchst problematisch. Man kann diegetische und dialogische Anteile gegeneinander abwiegen, man kann vielleicht noch reflexive Passagen von beschreibenden unterscheiden, aber weiter würde ich freihändig ungern gehen.

Nochmal zum Bernhard: Auf den paar Seiten von Amras passiert mehr (mit dem ganzen Selbstmordgetöns, im Trum Eingeschlossensein, der halb und ganz dramatischen Entscheidungen), wobei ich Bernhard natürlich nicht als einen Autor bezeichnen würde, dessen Bücher reich an äußerer Handlung sind (...)

Was denn nun?  Das veranschaulicht ganz gut das Problem. In "Amras" ist mir durch die extreme Innenperspektive überhaupt nicht klar geworden, was da eigentlich im einzelnen passiert, ob es überhaupt passiert oder ob es sich nur in der Phantasie der Zwillinge abspielt. Hier sagst du nun: "Selbstmord - super äußere Handlung" - im Gegensatz zu Dubslavs langsamem Dahinscheiden... Ich sehe hier auf den ersten Blick in Bezug darauf, ob hier etwas geschieht (nämlich dass jemand stirbt), keinen Unterschied - natürlich ab von den unterschiedlichen Gestaltungsprinzipien -, aber in puncto Handlung?

Im übrigen habe ich keine Sekunde geglaubt, dass du, Bartlebooth, drei Wochen den Algenteppich in Jesolo oder Lignano Sabbiadoro bewunderst ;-) - und meine auch nicht immer alles so ernst, wie es erscheinen mag - oder gar noch ernster.

Weiß ich doch, auch ich meine nicht immer alles so todernst.

Herzlich: Bartlebooth.
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Offline orzifar

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #9 am: 15. Juli 2009, 18.02 Uhr »
Lieber Bartlebooth,

während schlaflosen Starrens an die Decke bei retardierten Denkfähigkeiten konnte ich mir das Schmunzeln nicht verkneifen. Irgendwie endet jede unserer Diskussionen im Garten Eden und wir erklären dem nackichten Paar die Welt. Warum auch immer .

"Vom Plot her vielleicht etwas unspektakulär ..." - das war für mich der Ausgangspunkt, im Grunde für mich die vorsichtige Formulierung dafür, dass bei Fontane nicht wirklich viel an "äußerer Handlung" geschieht. Und meine weiteren Ausführungen nicht viel mehr als eine Paraphrasierung dieser Aussage.

"Ich kann alles so darstellen, als wäre es keine "äußere Handlung"" - - natürlich kann man das - naja, fast immer, beim erwähnten Marquez geht's nur mit sanfter Gewalt - nur ob man's soll? Während mir bei Fontane erscheinen will, dass man das nicht nur kann, sondern einem auch nicht viel anderes übrig bleibt, muss man einem Zola oder Auster bei derartiger Verkürzung schon einige Gewalt antun.

Auf den unglückseligen Bernhard (der ja wahrlich nicht beispielhaft für einen "spektakulären Plot" ist - du siehst, behutsam und vorsichtig mache ich mir deine Diktion zueigen) bin ich leider angesprungen (zum Glück habe ich den bei mir unbeliebten I. Calvino wenigstens außen vor gelassen ;-)): Mea culpa.

Das Räsonnieren am Mittagstisch, die altersweise, teils sarkastische, teils nachsichtige Weltbetrachtung des Stechlin hätte ich ebenso beschrieben wie die Autor-ität, losgelöst von der Frage, ob denn der Meinung des Romanproduzenten mehr Raum gegeben werden müsse als anderen Interpreten, will mir "plotunspektakulärer" erscheinen als etwa Zola (den ich kaum lese und wenig mag) oder aber, weil er in diese Zeit passt und als Gegenstück zu Fontanes Lehnstuhlplaudereien gelten kann, Dickens. Ich hoffe nun bloß, durch die Erwähnung des Engländers nicht wieder die Büchse der Pandora geöffnet zu haben.

Liebe Grüße

orzifar

"Gottchen, aber da könnte man auch sagen, beim Herrn der Ringe unterhält man sich, wandert ein bisschen umher, wird hie und da in einen kleinen Kampf verwickelt, isst, trinkt, singt, kaum der Rede wert." - das hat mir fast wörtlich jemand gesagt: Langweilig bis zum Erbrechen, die rennen mugelauf, mugelab durch die grüne Natur, ein elendslanger Wald- und Wiesenspaziergang, ab und an fällt mal einer in den Bach und das ist schon alles. Hat tatsächlich was (v. a. im ersten Teil) und trifft den Inhalt des Buches viel eher denn die reißerischen Verfilmungen.
Derzeitige Lektüre:

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Offline Bartlebooth

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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #10 am: 15. Juli 2009, 18.07 Uhr »
während schlaflosen Starrens an die Decke bei retardierten Denkfähigkeiten konnte ich mir das Schmunzeln nicht verkneifen. Irgendwie endet jede unserer Diskussionen im Garten Eden und wir erklären dem nackichten Paar die Welt. Warum auch immer .
Och, aber doch schon immer an anderen Stellen des Garten Eden, wenn sich auch gewisse Grundmotive häufig wiederfinden lassen. Aber das ist doch alles in allem nicht uninteressant, wenigstens für mich...

"Vom Plot her vielleicht etwas unspektakulär ..."[/i] - das war für mich der Ausgangspunkt, im Grunde für mich die vorsichtige Formulierung dafür, dass bei Fontane nicht wirklich viel an "äußerer Handlung" geschieht. Und meine weiteren Ausführungen nicht viel mehr als eine Paraphrasierung dieser Aussage.
Das ist für mich aber doch ein ziemlich entscheidender Unterschied - vielleicht auch nur deshalb, weil ich mich immer noch mit einer behelfsmäßigen Definition von "äußerer Handlung" herumschlagen muss. Vielleicht versuche ich es noch einmal mit einer anderen Terminologie: Sicher kann ich zwischen dem Aufbau der meisten Geschichten Fontanes (insbesondere der späteren, ganz insbesondere des "Stechlin") einen Unterschied zu den großen Realisten wie Storm oder Keller feststellen. Die Geschichten sind reflexiver, mehr aus dem Gang des Lebens gegriffen als um ein zentrales Ereignis herum gegliedert zu sein. Man hat vielmehr mehrere Brennpunkte, mehrere Schauplätze und Handlungsstränge, die aufeinander bezogen sind (ich möchte sagen beim Stechlin stehen die beiden zentralen Stränge um Dubslav bzw. Woldemar sogar in einer recht engen Beziehung - in Bezug auf ihren reflexiven Gehalt nämlich). Fontane ist noch kein Naturalist, der einfach nur abschildert und das Nebensächliche literaturfähig macht; er ist gleichwohl auch nicht mehr so von einem überraschenden "berichtenswerten", besonderen zentralen Ereignis abhängig wie eigentlich das gesamte 19. Jahrhundert vor ihm. Er ist Wegbereiter der Moderne, steht aber noch ganz eindeutig in einer anderen Erzähltradition, so wenigstens ist mein Eindruck aus der - zugegebenermaßen schmalen, aber stets wachsenden - Fontanelektüre, die mir als Anschauungsmaterial zu Gebote steht.

Das Räsonnieren am Mittagstisch, die altersweise, teils sarkastische, teils nachsichtige Weltbetrachtung des Stechlin hätte ich ebenso beschrieben wie die Autor-ität, losgelöst von der Frage, ob denn der Meinung des Romanproduzenten mehr Raum gegeben werden müsse als anderen Interpreten, will mir "plotunspektakulärer" erscheinen als etwa Zola (den ich kaum lese und wenig mag) oder aber, weil er in diese Zeit passt und als Gegenstück zu Fontanes Lehnstuhlplaudereien gelten kann, Dickens. Ich hoffe nun bloß, durch die Erwähnung des Engländers nicht wieder die Büchse der Pandora geöffnet zu haben.
Nein, denn ich habe immer noch beklagenswerte Lücken in der englischen Literatur, die ich im Moment nur sehr, sehr langsam schließen kann. Ich finde allerdings die Beschreibung des Werdegangs einer Wäscherin vom Aufstieg durch Fleiß zum Tod durch Alkohol ebenso unspektakulär wie die Beschreibung des Lebensabends eines verarmten Landadligen wie Dubslav. Ganz ehrlich, deine Wahrnehmung erschließt sich mir da nur, wenn ich annehme, du würdest eben das eine von tausenden unterprivilegierten Leben als "spektakulärer" empfinden als das eine unter hunderten semiprivilegierten. Diese Meinung teile ich dann aber nicht, bzw. bräuchte eine Erläuterung dessen, was in diesem Zusammenhang "spektakulär" bedeutet.

"Gottchen, aber da könnte man auch sagen, beim Herrn der Ringe unterhält man sich, wandert ein bisschen umher, wird hie und da in einen kleinen Kampf verwickelt, isst, trinkt, singt, kaum der Rede wert."  - das hat mir fast wörtlich jemand gesagt: Langweilig bis zum Erbrechen, die rennen mugelauf, mugelab durch die grüne Natur, ein elendslanger Wald- und Wiesenspaziergang, ab und an fällt mal einer in den Bach und das ist schon alles. Hat tatsächlich was (v. a. im ersten Teil) und trifft den Inhalt des Buches viel eher denn die reißerischen Verfilmungen.
;D

Herzlich: Bartlebooth.
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Re:Reiselust und Fontane
« Antwort #11 am: 15. Juli 2009, 18.11 Uhr »
Hallo Bartlebooth - und alle anderen, die sich diesen Thread noch antun ;)

Zitat von: Bartlebooth
Das ist für mich aber doch ein ziemlich entscheidender Unterschied - vielleicht auch nur deshalb, weil ich mich immer noch mit einer behelfsmäßigen Definition von "äußerer Handlung" herumschlagen muss.

Ich fürchte, dass ich mit einer umfassenden Definition nicht dienen kann, einzig mit Beispielen (wie bereits getan). Der Stechlin besteht im Grunde aus Maximen und Reflexionen eines älteren Herrn, sie werden einer Handlung unterlegt, die fast beliebig ist (ob er nun am Schluss stirbt oder der Sohnemann die eine, andere oder keine kriegt ist für den Fortgang des Buches nicht entscheidend). Beim Hotel Savoy habe ich (ohne den Bezug zu diesem Thread zu sehen) darauf hingewiesen, dass es nach meinem Dafürhalten für diesen Roman keines tatsächlichen "Abschlusses" bedurft hätte (er hat auch nicht geschadet).

Nun gibt es durchaus Romane, die von einem solchen Abschluss leben (etwa Kriminalromane) bzw. von Peripetien, dem Erzeugen von Spannungsmomenten durch das Wechseln zwischen den einzelnen Handlungssträngen etc., Simmel, Konsalik - überhaupt leicht verfilmbare Bücher (wiewohl es auch hier natürlich Ausnahmen gibt) leben von solchen "äußeren" Geschehnissen. Ein zusätzliches Erkennungsmerkmal ist für jene Art der Handlung (wie sie mir in diesem ganzen Thread vorschwebt) die Nacherzählbarkeit in der Form "a und b begeben sich auf eine Reise, werden überfallen, entführt, befreien sich mit Hilfe der hübschen Tochter der Entführer, geraten aufgrund beiderseitiger Verliebtheit miteinander in Konflikt etc. etc.". Beim Stechlin ist man in dieser Hinsicht alsbald am Ende, Dubslav spricht mit dem Lehrer, seinem Diener, seinem Sohn, an der Tafel seiner Schwester, er bewirbt sich um ein politisches Amt (das er nicht bekommt) und räsoniert über Politik, die soziale Frage usf.

Dich Bartlebooth als Leser vorstehender Zeilen gedacht muss ich mir fast Gewalt antun, um den Beitrag nicht mit einer Unzahl Prokatalepsen zu spicken. Mir ist klar, dass eine Menge Einwände gegen diese Art der Definition erhoben werden kann, vor allem weil eine exakte Definition des zu definierenden Gegenstandes wegen (der Literatur, die sich aufgrund ihrer Mannigfaltigkeit einer solchen konzisen Beschreibung entzieht) nicht gegeben werden kann.

Zitat von: Bartlebooth
Vielleicht versuche ich es noch einmal mit einer anderen Terminologie: Sicher kann ich zwischen dem Aufbau der meisten Geschichten Fontanes (insbesondere der späteren, ganz insbesondere des "Stechlin") einen Unterschied zu den großen Realisten wie Storm oder Keller feststellen. Die Geschichten sind reflexiver, mehr aus dem Gang des Lebens gegriffen als um ein zentrales Ereignis herum gegliedert zu sein. Man hat vielmehr mehrere Brennpunkte, mehrere Schauplätze und Handlungsstränge, die aufeinander bezogen sind (ich möchte sagen beim Stechlin stehen die beiden zentralen Stränge um Dubslav bzw. Woldemar sogar in einer recht engen Beziehung - in Bezug auf ihren reflexiven Gehalt nämlich).

Genau dieser Unterschied scheint mir evident. Vergleicht man etwa Storms "Schimmelreiter" mit dem "Stechlin", so fällt - vielleicht - ins Auge, was ich unter Mangel (in keinesfalls negativem Sinne) an äußerer Handlung bei Fontane (vergeblich) verständlich zu machen suchte.

Zitat von: Bartlebooth
Fontane ist noch kein Naturalist, der einfach nur abschildert und das Nebensächliche literaturfähig macht; er ist gleichwohl auch nicht mehr so von einem überraschenden "berichtenswerten", besonderen zentralen Ereignis abhängig wie eigentlich das gesamte 19. Jahrhundert vor ihm. Er ist Wegbereiter der Moderne, steht aber noch ganz eindeutig in einer anderen Erzähltradition, so wenigstens ist mein Eindruck aus der - zugegebenermaßen schmalen, aber stets wachsenden - Fontanelektüre, die mir als Anschauungsmaterial zu Gebote steht.

Um diese "Unabhängigkeit von einem zentralen Ereignis", einem Ereignis überhaupt war mir zu tun. Von Fontane führt der Weg tatsächlich ins 20. Jahrhundert (etwa zu Th. Mann, der sich selbst in einer Art Nachfolge sah, berechtigt, wie mir scheint), aber er ist als Realist (wenn man denn der literaturgeschichtlichen Definition folgt) kein Wegbereiter des Naturalismus (das wären wohl eher Balzac oder Freytag). Wobei sich im 20. Jahrhundert dann fast alle Stilrichtungen nebeneinander oder sich überschneidend finden und auch die "Moderne" für mich ein derart inhomogenes Konglomerat ist, dass eigentlich jeder ein Wegbereiter für alles sein kann. (Edit: Jetzt hab ich diesen letzten Absatz zusammengestrichen und reduziert, aber er will mir immer noch missverständlich, in jedem Fall sehr kontrovers erscheinen. Denn - Prolepsis! ;) - natürlich kann ich mir unzählige Argumente vorstellen, die Fontane sehr wohl als einen zum Naturalismus führenden Schriftsteller beschreiben. Für mich ist er allein aufgrund der Sprache ("poetischer Realismus") jemand, der ohne Umwege zum bürgerlichen Realismus des 20. Jahrhunderts führt, der aber kaum als Wegbereiter für Joyce angesehen werden kann, hingegen vielleicht für Proust, wobei das Problem entsteht, dass beide Vertreter der Moderne sind. Jetzt drängt sich wirklich Fontanes "weites Feld" auf.)

Liebe Grüße

orzifar
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