Autor Thema: Haruki Murakami - Kafka am Strand  (Gelesen 532 mal)

Offline Anna

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Haruki Murakami - Kafka am Strand
« am: 21. Mai 2017, 18.27 Uhr »
Hallo!

Bislang kannte ich von Murakami nur das Buch „Naokos Lächeln“, in dem die Liebe des Protagonisten zu der rätselhaften, ein wenig ätherischen, depressiven Naoko beschrieben wird, die sich schließlich das Leben nimmt. Der Roman hat mir wegen seiner verhangenen, Naokos ausweglose Gemütslage traurig konstatierenden Stimmung gut gefallen. Das kann ich von „Kafka am Strand“ nicht behaupten. Die zwischen Realität und Phantasie angesiedelte, esoterisch angehauchte und bemüht verrätselte Geschichte hat nicht das Geringste mit Kafka, eher etwas mit Paulo Coelho zu tun. Es geht um Vorbestimmung und Selbstfindung. Ein Junger (Kafka) und ein Alter (Nakata) brechen unabhängig voneinander zu einem unbekannten, aber sie magisch anziehenden Ziel auf. Wenn man einmal der Vorsehung in die Hände gefallen ist, gibt es offenbar kein Vertun mehr, es geht stracks voran, Irrtümer oder Sackgassen ausgeschlossen. Das fand ich trotz aller Überraschungen dann doch überraschend langweilig.

Dabei gibt es wirklich allerhand zu sehen und zu bestaunen: Fische regnen vom Himmel, Werbefiguren werden lebendig, einer sieht Geister, der andere kann mit Katzen sprechen, auf einem Schulausflug fallen alle Kinder in Ohnmacht und die Lehrerin bekommt ihre Periode. Dazu werden reichlich Bildungshäppchen feilgeboten. Ein bisschen Mozart, ein bisschen Haydn, etwas mehr D-Dur-Sonate von Schubert und Erzherzog-Trio von Beethoven, die Philosophen Hegel und Bergson werden zitiert und mal wieder der gute alte Ödipus-Mythos auf ziemlich kitschige Weise bemüht. Natürlich kommt auch das - sehr unerotisch gestaltete - Thema Sex nicht zu kurz. Mal ist er mehr von der schicksalhaften Sorte, mal einfach nur ordinäres „Ficki-Ficki“, eine Philosophiestudentin arbeitet als Liebesmaschine, und wir werden regelmäßig informiert, wenn sich Kafkas Vorhaut mal wieder schält. Das ist alles schön zu wissen, kommt mir aber wie reines Brimborium vor, eingebaute Effekte, die der Geschichte eine scheinbare Komplexität und Tiefe verleihen sollen, die ich in ihr nicht finden kann.
Mit den handelnden Personen - allesamt sympathische Leute, die harmonisch zueinander finden - kann ich auch wenig anfangen. Der Junge, der sich Kafka, auf Tschechisch: die "Krähe", nennt, weil er von einer imaginierten Krähe begleitet wird, wirkt mit seiner einsichtigen, beherrschten Art, als ob er nicht fünfzehn, sondern fünfundachtzig Jahre alt wäre, der Bibliothekar Oshima gibt ständig Lehrreiches von sich und Nakata entspricht dem Stereotyp des in seiner schlichten Einfalt doch so weisen alten Mannes. Frau Saeki, die Bibliotheksleiterin, ist eine gealterte Naoko, nur noch blutleerer. Sie schweigt rätselhaft, lächelt rätselhaft und schaut rätselhaft in die Ferne. Die Handlung wird zunehmend mystischer und esoterischer, zum Teil auch auf alberne Weise grotesk. Das Ende hat mich dann richtig amüsiert. Ein unbedarfter Lastwagenfahrer hat seine Liebe zur Klassik entdeckt und ein Junge drückt nach all seinen fantastischen und offenbar sehr tiefgründigen Abenteuern wieder brav die Schulbank. Das nennt man dann wohl Bildungs- und Entwicklungsroman!

Mich stört besonders, dass es sich hier wieder um eines dieser heutzutage so häufigen Bücher handelt, in denen die Personen unablässig siebengescheit daherreden. Man bekommt Blümchenweisheiten bei Coelho zu lesen, Hochbedeutsamens bei Mercier, bei Zafón geben sogar Kinder Merksätze zum Mitschreiben von sich und auch bei Murakami finden sich Kalendersprüche zuhauf. Nichts gegen Reflexionen oder kluge Gedanken, aber die müssen sich aus dem Text heraus entwickeln, nicht als Sprechblasen einmontiert werden. „Das Leben ist eine Achterbahn, mal geht es rauf, dann wieder runter“, Leute, die pausenlos solche oder ähnliche Perlen der Weisheit von sich geben, will ich weder im wirklichen Leben noch in Romanen um mich haben.

Gruß
Anna
Anthony Burgess - Joyce für Jedermann
Sten Nadolny - Die Entdeckung der Langsamkeit
Theodor Storm - Die Erzählungen

Offline sandhofer

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Re: Haruki Murakami - Kafka am Strand
« Antwort #1 am: 23. Mai 2017, 18.37 Uhr »
Hallo!

Du scheinst wohl Recht zu haben, Anna. Ich bin jetzt ungefähr auf S. 100. Es ist mir am Anfang weniger aufgefallen, aber seit der Junge in der Bibliothek hockt und mit Oshima schwatzt ... Vor allem Oshima ist so ein Charakter, der jedesmal zum Abschluss eines Gesprächs so eine Binsenweisheit von sich gibt. *seufz*
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Re: Haruki Murakami - Kafka am Strand
« Antwort #2 am: 28. Mai 2017, 07.53 Uhr »
Hallo Anna!

Habe fertig. Ich stimme Dir völlig zu. Nichts Weltbewegendes. Kann man lesen, muss man nicht...

Grüsse

sandhofer
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