Autor Thema: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...  (Gelesen 7686 mal)

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 4 426
Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« am: 19. November 2011, 15.48 Uhr »
... ein lesenswerter Artikel in der NZZ-Online:

Mit schmerzhaft gebundenen Schwingen

 :yodel:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 4 426
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #1 am: 19. November 2011, 17.50 Uhr »
Und auch der - bedeutend weniger gelungene, weil nicht Kleist, sondern die Frau Leutenegger, die schon vor 30 Jahren nicht interessant war, ins Zentrum stellende - Beitrag von Getrud Leutenegger

Nur einen Tropfen Vergessenheit

sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

 :yodel:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 595
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #2 am: 19. November 2011, 22.33 Uhr »

Danke für die Links! Ja, Leuteneggers Ausführungen sind im Vergleich zu denen von Andrea Hofer subjektiver, ungermanistischer, zudem eingebettet in einen erzählerischen Rahmen, aber was Leutenegger, die ich im übrigen gar nicht kenne, über Kleist und seine Marquise von O. zu sagen hat, was sie zitiert und wie sie der Magie der kleistischen Sätze nachspürt, spricht mich sehr, sehr an! Sie zitiert einen Satz, der ihr zur „Formel (in dunklen Zeiten ;)), zur Melodie meines Lebens geworden ist". Seltsam, für mich gibt es in der Marquise von O. auch so einen Satz! Nämlich den:
Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor. …
Ich habe gleich nachgeschlagen. Zwei Sätze weiter kommt der von Leutenegger zitierte Satz! Danke für den Link! Ich liebe solche Übereinstimmungen mit Unbekannt.

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 595
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #3 am: 20. November 2011, 13.31 Uhr »


Es gilt hoffentlich nicht als „Todesgedenktagsthread-Zumüllen“, wenn ich noch darauf hinweise, dass dem Leutenegger-Artikel die Reproduktion eines Gemäldes von Kleists Grab am kleinen Wannsee beigegeben ist. Das Bild ist von 1911 und von dem Maler Karl Walser, dem älteren Bruder Robert Walsers (der diesem Bruder nach Berlin folgte). Die Grabstelle sieht heute ganz anders aus.
Ein kleiner Abriß der Geschichte der Grabstätte und ihrer höchst bezeichnenden Veränderungen: Hier

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 4 426
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2 438
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #5 am: 25. November 2011, 16.22 Uhr »
Hallo!

Ich müsste v. a. mal die "Marquise" wiederlesen, diese seltsam ätherisch-wundersame Befruchtung hat mich schon immer ratlos zurückgelassen (auch nachdem ich mir die Mühe machte und einige Interpretationen zu Rate zog). Als Jugendlicher war das eines der wenigen klassischen Werke, das ich für vollkommenen Schmarrn hielt (und ich war ein großer Klassikverehrer).

lg

orzifar

p. s.: Die gute Leutenegger (mir im übrigen ebenfalls unbekannt) schreibt tatsächlich nur von ihr - und nur von ihr, auf Kleist reduziert (und ihr malträtiertes Auge weggelassen) bliebe bestenfalls ein Vierzeiler.
Derzeitige Lektüre:

Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
Marcel Proust: In Swanns Welt
Edgar Zilsel: Die Geniereligion
Karsten Brensing: Das Mysterium der Tiere. Was sie denken, was sie fühlen.
Hans-Joachim Löwer, Udo Bernhart: Die Alpenfront einst und jetzt

Offline Sir Thomas

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 401
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #6 am: 25. November 2011, 17.04 Uhr »
Ich müsste v. a. mal die "Marquise" wiederlesen ...

Ja, das habe ich auch vor. Wie wär's mit einer Spontanleserunde ab nächste Woche? Das Buch ist nicht sehr voluminös.

LG

Tom

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2 438
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #7 am: 25. November 2011, 17.24 Uhr »
Ja, einverstanden. Ich bin gespannt, ob die etwas nebulös-numinose Kopulation in diesem meinem fortgeschrittenen Alter nun auf mehr Zustimmung stößt (aber irgendetwas lässt mich daran zweifeln ...)

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
Marcel Proust: In Swanns Welt
Edgar Zilsel: Die Geniereligion
Karsten Brensing: Das Mysterium der Tiere. Was sie denken, was sie fühlen.
Hans-Joachim Löwer, Udo Bernhart: Die Alpenfront einst und jetzt

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 595
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #8 am: 25. November 2011, 21.25 Uhr »

Ich bin gespannt, ob die etwas nebulös-numinose Kopulation in diesem meinem fortgeschrittenen Alter nun auf mehr Zustimmung stößt...

Auf Zustimmung? Das will ich nicht hoffen! Es ist eine Vergewaltigung.

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2 438
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #9 am: 25. November 2011, 23.34 Uhr »

Ich bin gespannt, ob die etwas nebulös-numinose Kopulation in diesem meinem fortgeschrittenen Alter nun auf mehr Zustimmung stößt...

Auf Zustimmung? Das will ich nicht hoffen! Es ist eine Vergewaltigung.

Du dürftest ganz entfernt ahnen, dass ich damit nicht den zweifelhaften (gewalttätigen?, im Schlafe vollzogenen? - das hat sich mir nie ganz erschlossen) Akt an sich, sondern dessen künstlerische Ausgestaltung gemeint habe ;).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
Marcel Proust: In Swanns Welt
Edgar Zilsel: Die Geniereligion
Karsten Brensing: Das Mysterium der Tiere. Was sie denken, was sie fühlen.
Hans-Joachim Löwer, Udo Bernhart: Die Alpenfront einst und jetzt

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 4 426
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #10 am: 26. November 2011, 07.48 Uhr »
Kleist - auch wenn im Klassikerforum drüben gerade vom Prosa-Dichter geschwärmt wird - mochte ich eigentlich immer mehr als Dramatiker denn als Novellist. Im Drama ist er nicht nur der Vorläufer sondern eigentlich auch gleich der Vollender des expressionistischen und des absurden Dramas in einem. Seine Figuren sind verletzlich und werden bis zum Geht-nicht-Mehr verbogen. Durch die Umwelt (die andern), aber auch durch sich selber. Kleists Menschen eignet eine faszinierende Selbst-Destruktivität.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 401
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #11 am: 26. November 2011, 10.33 Uhr »
Ich habe die bislang vergebliche Suche nach der "Marquise ..." eingestellt (vermutlich verliehen und nie wiedergesehen) und soeben ein frisches Exemplar bestellt. Es dürfte Dienstag eintreffen.

Vielleicht lese ich am Wochenende den Kleist betreffenden Abschnitt aus Stefan Zweigs "Der Kampf mit dem Dämon". Das ist zwar pures Melodram, aber irgendwie doch unterhaltsam.

Schönes WE!

Tom 

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 595
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #12 am: 26. November 2011, 13.47 Uhr »

Ich bin gespannt, ob die etwas nebulös-numinose Kopulation in diesem meinem fortgeschrittenen Alter nun auf mehr Zustimmung stößt...
Auf Zustimmung? Das will ich nicht hoffen! Es ist eine Vergewaltigung.
Du dürftest ganz entfernt ahnen, dass ich damit nicht den zweifelhaften (gewalttätigen?, im Schlafe vollzogenen? - das hat sich mir nie ganz erschlossen) Akt an sich, sondern dessen künstlerische Ausgestaltung gemeint habe ;).

Warum sagst du es dann nicht?
Nein, schon klar. Es war ein Nebenkriegsschauplatz ;) . Eigentlich wollte ich sagen: Wenn du darauf den Focus deiner Aufmerksamkeit und deines Interesses legst,  wird sich die Schönheit dieser Novelle dir (wieder) nicht erschließen.

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 595
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #13 am: 26. November 2011, 15.44 Uhr »

Kleist - auch wenn im Klassikerforum drüben gerade vom Prosa-Dichter geschwärmt wird - mochte ich eigentlich immer mehr als Dramatiker denn als Novellist.

Bei mir hält sich das die Waage. Meine Zustimmung bezog sich auf die syntaktische Sprachkunst in Kleists Novellen.

Im Drama ist er nicht nur der Vorläufer sondern eigentlich auch gleich der Vollender des expressionistischen und des absurden Dramas in einem.

Mindestens.

Seine Figuren sind verletzlich und werden bis zum Geht-nicht-Mehr verbogen. Durch die Umwelt (die andern), aber auch durch sich selber. Kleists Menschen eignet eine faszinierende Selbst-Destruktivität.


Ja, aber es gibt das Rettende auch ;). Die Tröstungen der Vernunft, die Sehnsucht, das Bestreben der Menschen, das manchmal gelingt, mit sich ins Reine zu kommen, mit sich eins zu werden... Auslöser für die „rätselhafte“ kleistische Heiterkeit.

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2 438
Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #14 am: 26. November 2011, 17.08 Uhr »
Hallo!

Gerade die "Marquise" war mir zu abgehoben, ätherisch, zu viel ans Dramatisch-Sentimentale grenzendes Gefühl. Aber vielleicht stellt sich dies mir heute anders da, mal sehen. Und was die Schwangerschaft der Dame anlangt, so ist dies ein vielleicht nicht so wichtiger, aber doch typischer Punkt: Sie ist so zart und verschämt geschildert, dass man auch an eine unbefleckte Empfängnis glauben könnte.

lg

orzifar

Nebenkriegsschauplatz: Nein, ich stelle manche Dinge nicht explizit fest. Weil sie sich von selbst verstehen. Ich gehöre auch nicht zu den Plakettenträgern "Gegen Rechts" oder kleb derlei ins Weblog, weil ich ansonsten gegen fast alle im Bürgerlichen Gesetzbuch aufgelisteten Vergehen auftreten müsste - und als wandelnde Litfaßsäule will ich weder im rl noch in der virtuellen Welt erscheinen. Im Gegenteil: Ich halte Leute, die ihre Gesinnung so plakativ auszudrücken belieben, für verdächtig; derlei sollte sich aus dem Verhalten erschließen.
Derzeitige Lektüre:

Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
Marcel Proust: In Swanns Welt
Edgar Zilsel: Die Geniereligion
Karsten Brensing: Das Mysterium der Tiere. Was sie denken, was sie fühlen.
Hans-Joachim Löwer, Udo Bernhart: Die Alpenfront einst und jetzt