Autor Thema: Die Krise der deutschsprachigen Philosophie:  (Gelesen 107 mal)

Offline sandhofer

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Offline orzifar

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Re: Die Krise der deutschsprachigen Philosophie:
« Antwort #1 am: 04. April 2018, 04.37 Uhr »
Hallo!

Es ist doch immer dasselbe mit diesem Gejammer: Diese Leute träumen von der alten und glorreichen Zeit des Systemphilosophie, halten Hegel und Kant, im vorigen Jahrhundert Heidegger, Cassirer, Benjamin und Adorno oder Habermas für große Denker und trauern darum, dass diese Tradition nicht fortgesetzt würde. Aber das ist gut so: Wenn man in der vorigen Aufzählung Kant einmal weglässt, ist der ganze Rest mit seinen marxistischen und existentialistischen Träumereien obsolet.

Dazu die Qual des Philosophen mit der Wissenschaft: Soll man selbst wissenschaftlich sein oder - tja, was, unwissenschaftlich, metawissenschaftlich? Ob die Philosophie grosso modo als Wissenschaft bezeichnet werden kann, bleibt fraglich; allerdings ist eine Philosophie, die die Wissenschaft ignoriert (und Herrn Eilenberger scheint so etwas vorzuschweben) bestenfalls metaphysisches Märchenerzählen oder aber gehobene Ratgeberliteratur. Ich musste schmunzeln, als der Interviewer Thomas Metzinger erwähnte und diesen als ein Gegenbeispiel für die "deutsche Philosophiekrise" apostrophierte: Man spürte das Unbehagen Eilenbergers, über solch "wissenschaftliche" Philosophen sich überhaupt äußern zu müssen und er hat ihn dann auch postwendend als müden Epigonen der angloamerikanischen analytischen Strömung bezeichnet. Das begreift Eilenberger offenbar überhaupt nicht: Dass dies die (fast) einzig mögliche Form des Philosophierens in unserer Zeit ist und dass alles andere zumeist müdes Wortgeklingel darstellt. Froh kann man sein, dass ein Rattenfänger wie Heidegger heute wenig Zulauf hätte und lächerlich wirken würde (obwohl - wer weiß). Aber eine solche Philosophie ist schlicht antiquiert und hat sich (hoffentlich überlebt): Man kann über Platon philosophiegeschichtlich Interessantes sagen, aber nicht ernsthaft einen Essentialismus vertreten. Das wäre so,  als ob man die aristotelische Physik zum Maßstab erheben würde. Leute wie dieser Eilenberger sind die eigentlich Totengräber der Philosophie: Sie versuchen verzweifelt die Zeit zurückzudrehen und neue Erkenntnisse (die nunmal von der Wissenschaft kommen) zu ignorieren. Möge ihnen kein Erfolg beschieden sein.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Die Krise der deutschsprachigen Philosophie:
« Antwort #2 am: 04. April 2018, 12.22 Uhr »
Hallo!

Eilenberger war mal Chefredaktor des Philosophie-Magazins (ich habe vor 3 Jahren eine Nummer im Blog präsentiert). Und, falls es Dich interessiert, bei Klett-Cotta ist sein Buch "Zeit der Zauberer. Das grosse Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929" (nein, nicht der deutschen oder deutschsprachigen, sondern gleich der Philosophie - obwohl er offenbar nur Wittgenstein, Benjamin, Cassirer und Heidegger bespricht...) erschienen.
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Offline orzifar

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Re: Die Krise der deutschsprachigen Philosophie:
« Antwort #3 am: 05. April 2018, 03.34 Uhr »
Und, falls es Dich interessiert, bei Klett-Cotta ist sein Buch "Zeit der Zauberer. Das grosse Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929" (nein, nicht der deutschen oder deutschsprachigen, sondern gleich der Philosophie - obwohl er offenbar nur Wittgenstein, Benjamin, Cassirer und Heidegger bespricht...) erschienen.

Auf diesen Genuss zu verzichten fällt mir nicht allzu schwer ;): Wer die Philosophie dieses Jahrzehnts bespricht und dabei Benjamin (und natürlich Heidegger, der aber zumindest "Folgen" hatte) erwähnt, hingegen Schlick, Carnap u. a. verschweigt, scheint mir ein recht verkürztes (und auch verqueres) Philosophieverständnis zu haben. Dafür ist mein Leben zu kurz.

lg

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