litteratur.ch

Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Thema gestartet von: Bartlebooth am 30. Juli 2009, 16.53 Uhr

Titel: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Bartlebooth am 30. Juli 2009, 16.53 Uhr
Ich bin wie gesagt etwa 200 Seiten vor dem Ende der von Musil noch abgesegneten Kapitel.

Ich habe den MoE schon einmal bis zum Ende des zweiten Buches (also "Seinesgleichen geschieht") gelesen und musste dann leider aufgeben, da mich die reflexiven Passagen so sehr in den Wahnsinn getrieben haben, dass ich von der Handlung gar nichts mehr mitbekommen habe.

Inzwischen bin ich gelassener und habe mir viel Zeit für diesen Roman genommen. Ich will hier zunächst mal nur ein paar Punkte herausstreichen, bevor ich dann in ein paar Wochen eine richtige Besprechung schreibe.

Zum einen kann Musil - wie ich schon bei seinen Theaterstücken gemerkt habe, von denen er ja glücklicherweise nur zwei geschrieben hat - wirklich keine natürlichen Dialoge schreiben. das macht die Lektüre des MoE natürlich ein bisschen mühsam, denn der besteht ja zu einem nicht geringen Teil aus Dialogen, die sich aber eben eher wie Vorträge lesen. Musil hält als Meister der kleinen Prosa und als wirklich guter Essayist offenbar nichts davon, seine Gedanken indirekt, also über die Handlung zu transportieren. Wobei auch das nicht ganz richtig ist, denn an einzelnen Stellen (etwa beim ersten Gespräch mit Hans Sepp und Gerda, beim Gespräch mit Diotima im Zimmer Rachels oder auch bei dem Besuch General Stumms in der Bibliothek) gelingen Musil wirklich großartige Passagen. Das gilt ebenso für die meisten Stücke, die er über die Paralleaktion schreibt.

Die Moosbrugger-Teile, die amourösen Verflechtungen mit Bonadea und Agathe und die Gespräche mit Arnheim (um nur ein paar Beispiele zu nennen) bleiben hingegen diffus. Es drängt sich mir der Eindruck auf, Musil hätte durch Verdichtung hier gewonnen. Es ist gar nicht unbedingt, dass er keinen zentralen Gedanken o.ä. formuliert, es ist ja der eigentliche Witz am MoE, dass er das gar nicht kann und dass die Projekte daher entweder stagnieren, versanden oder einen Dreh ins Amoralische bekommen. Es ist die Frage, ob es wirklich so viele Gespräche über immer dasselbe braucht, ob nicht eine Entschlackung gut getan hätte.

Das sind ein bisschen offensichtliche Gedanken bei einem so umfangreichen Fragment, aber die Unübersichtlichkeit und die Ziellosigkeit der ganzen Vorkommnisse werden durch die schiere unüberschaubare Menge von Einzelunterhaltungen nicht prägnanter, sondern verlieren die Spitze, die ja schon jetzt erkennbar wenigstens viele (wenn nicht alle) Figuren am Ende in Versagen und Verzweiflung treibt, in Krieg, Wahnsinn und Selbstmordgedanken endet.
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: arbor am 31. Juli 2009, 07.54 Uhr
Ich habe Musil nie so gelesen, dass ich unbedingt eine "Handlung" mitbekommen wollte, sondern eher wie ein Gedankengebäude, dem eine Fülle wahrer Erkenntnisse zu entnehmen ist...
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Bartlebooth am 31. Juli 2009, 08.02 Uhr
Aha, wo sage ich denn, dass ich "unbedingt eine Handlung mitbekommen will"?
Und mit den "wahren Erkenntnissen" hab ichs nicht so.
Außerdem stehen gerade die im MoE ja unter skeptischer Beobachtung.

Herzlich, Bartlebooth.
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Sir Thomas am 31. Juli 2009, 10.58 Uhr
Zum einen kann Musil - wie ich schon bei seinen Theaterstücken gemerkt habe, von denen er ja glücklicherweise nur zwei geschrieben hat - wirklich keine natürlichen Dialoge schreiben. das macht die Lektüre des MoE natürlich ein bisschen mühsam, denn der besteht ja zu einem nicht geringen Teil aus Dialogen, die sich aber eben eher wie Vorträge lesen.

Hallo Bartlebooth,

Musil wird in schöner Regelmäßigkeit vorgeworfen, er habe als Schriftsteller eigentlich versagt (sehr hartnäckig behauptet dies z.B. Marcel Reich-Ranicki). Natürlich kann man den „Mann ohne Eigenschaften“ als Dokument schriftstellerischen Misslingens lesen, man muss es aber nicht.

Die von Dir erwähnten artifiziellen „Dialoge“ sind ein schönes Beispiel. Sie klingen gestelzt, arten in Vorträge und Monologe aus, aber ich sehe darin weniger das Unvermögen Musils, etwas Knackigeres zu leisten als vielmehr die bewusst gestaltete Unfähigkeit seiner Figuren, auf einer „normalen“, nicht verkopften Ebene miteinander zu kommunizieren. Musil beschreibt eine Elite, die aufgrund ihrer Handlungsunfähigkeit einen Tanz um das goldene Kalb veranstaltet, die Aktivität nur vortäuscht und sich deshalb dekorativ im Kreis dreht.

Ich erinnere mich gut an Musils köstliche Unterscheidung zwischen Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn. Der Möglichkeitssinn impliziert, die Realität nicht zu wichtig zu nehmen, sondern vielmehr gestalterisch in die Zukunft zu blicken. Der Wirklichkeitssinn hingegen hat reale Macht, ist der Triumph der Realpolitik über Kultur, Utopie und Ideen.

Wenn man dieses Unterscheidung als ein „Leitmotiv“ anerkennt, bekommen die Konstrukte „Parallelaktion“ und „Kakanien“ interessante Bedeutungen: Die Parallelaktion will die Wirklichkeit (Kakanien als zweitrangige europäische Macht) verhindern, weiß aber, dass dies nicht möglich ist und schafft deshalb eine zweite, symbolische Ebene der Realität. Diese „Realpolitik“ produziert jedoch Fakten auf der Grundlage von Neurosen und Fiktionen, die konstituierend sind für Kakanien - ein Gebilde, in der die Auflösung der Wirklichkeit am weitesten fortgeschritten war, wie Musil schrieb. Dies hat schließlich den Krieg und die Auflösung Kakaniens bewirkt. Diesen Prozeß analysiert und beschrieben zu haben, ist für mich die eigentliche Leistung des MoE.

Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß!

Tom
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Bartlebooth am 31. Juli 2009, 11.21 Uhr
Hallo Tom,

als schriftstellerisches Misslingen will ich den MoE gar nicht beschreiben. Mir kam es darauf an, hier zunächst einmal Musils offenkundige Schwäche am Dialog anzumerken, die man auch in seinen Dramen sieht. Doch darin besteht natürlich nicht die einzige Möglichkeit, einen guten Roman zu schreiben oder nicht. Insofern bin ich bei der Ablehnung des Ranicki-Diktums ganz bei dir. :-)

Dass Musil die artifiziellen Dialoge nur einer Elite zuschreibt, sehe ich nicht, denn seine Figuren reden und denken ja alle so, von der einfältigen Rachel über die bourgeoise Diotima bis zu Ulrich selbst. Es besteht kein Unterschied in der Form des Dialogs, sondern nur einer im Inhalt des Gedachten oder Gesagten, oder?

Dass der Möglichkeitssinn impliziert, gestalterisch in die Zukunft einzugreifen, könnte man vielleicht zunächst meinen, aber der Gang der Handlung belehrt einen doch eines Besseren: Die Geschichte lässt sich nicht bewusst beeinflussen, sondern wurstelt so vor sich hin und am Ende ist man davon überrascht, was warum wie geworden ist. Es hätte stets auch anders sein können, es gibt keine zwingende Notwendigkeit, das impliziert der MS, eine bewusste Planbarkeit oder gar eine kausale Notwendigkeit ist nicht zu erkennen.

Das wird sowohl in dem Kapitel deutlich, in dem über den Gang der Geschichte philosophiert wird („Seinesgleichen geschieht oder warum erfindet man nicht Geschichte?“). Vielleicht noch prägnanter wird dieser Aspekt aber bei General Stumms Besuch in der Bibliothek, bei dem er die Erkenntnis erlangt, dass der einzige, der einen Überblick über den Wissensbestand hat, der Bibliotheksdiener ist, der für die Kataloge zuständig ist und der zu Protokoll gibt, niemals ein Buch zu lesen. Überblick und inhaltliche Beschlagenheit scheinen sich also interessanterweise auszuschließen (außer man dilettiert, wie es Arnheim tut). Daher scheitert auch die Parallelaktion.

Ob das etwas spezifisch Kakanisches ist, weiß ich gar nicht. Es ist auf jeden Fall etwas ganz spezifisch Modernes.

Herzlich: Bartlebooth.
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: orzifar am 31. Juli 2009, 14.35 Uhr
Hallo allerseits!

Ich habe den MoE schon einmal bis zum Ende des zweiten Buches (also "Seinesgleichen geschieht") gelesen und musste dann leider aufgeben, da mich die reflexiven Passagen so sehr in den Wahnsinn getrieben haben, dass ich von der Handlung gar nichts mehr mitbekommen habe.

Hier verwirrst du mich. Das Kapitel "Seinesgleichen geschieht oder warum erfindet man nicht Geschichte?" befindet sich mitten im zweiten Teil des ersten Buches, irgendwie muss dir da ein Lapsus unterlaufen sein.

Das mit den Dialogen sehe ich anders, vor allem sind die Anforderungen an einen Dialog bei Drama und Prosa gänzlich andere. Musil war ebensowenig Dramatiker wie Th. Mann, weder "Vinzenz" noch Manns Savonaroladrama sind bühnenfähig (oder nur mit großen Einschränkungen). Hingegen sind die ausufernden Dialoge zwischen Settembrini und Naphta, auch die zauberbergschen Tischgespräche nach meinem Dafürhalten ebenso lesbar und unterhaltsam wie jene zwischen Ulrich und Konsorten, Diotima und Arnheim etc. Dass es sich hier um "künstliche" Dialoge handelt (das tut es ja immer - und vor allem im Roman) tut der Qualität der Unterhaltungen keinen Abbruch, im Theater würden sie allerdings Gähnen hervorrufen (siehe Vinzenz).

MRRs Ansichten zu Musil darf man ja getrost vernachlässigen, vielleicht war es eine Art von Altersstarrsinn und Borniertheit, dass er die musilschen Fähigkeiten nie anerkennen wollte, vielleicht versperrte ihm auch die anspruchsvolle Intellektualität Musils den Blick aufs Werk oder aber er wollte neben seinem hochgeliebten und verehrten Thomas Mann keinen anderen "Großschriftsteller" gelten lassen. Wie auch immer, MRRs Urteile haben häufig etwas Seltsames, so hat er uns auch u. a. die Aufnahme Sandor Marais in die "hohe" Literatur beschert, indem er ein Rührstück wie "Die Glut" völlig unverständlicherweise mit Lobeshymnen bedacht hat.

Ich sehe beim MoE einen qualitativen Bruch beim Beginn des zweiten Buches, dem Auftauchen der "vergessenen Schwester". (Das erste Buch halte ich sprachlich und gedanklich für zum Besten, Geistreichsten, Witzigsten gehörig, was je in deutscher Sprache geschrieben wurde. Und schon gerate ich ins Schwärmen ;)) Musil scheiterte im Grunde an seinem eigenen Konzept bzw. an der Unfähigkeit, eines solches Konzept umzusetzen. Er verpasste sich selbst ein Handlungskorsett (z. B. mit diesem Zwillingsmotiv), das er einzuhalten versucht, hingegen nicht einzuhalten fähig ist. Dieses krampfhafte Bemühen, in das ursprüngliche Flussbett der einmal vorskizzierten Handlung zurückzukehren, ist dem Roman mit zunehmender Dauer immer stärker anzumerken und es ist wohl auch - einer - der Gründe, weshalb das Ganze Fragment blieb. Die Beschränkung, die Musil seiner eigenen Kreativität, seinem Witz und Gedankenreichtum durch ein solches Konzept auferlegte, führt mit zunehmender Seitenzahl zu schwer lesbaren, psychologisierenden Innenansichten. Er hätte, überspitzt formuliert, das Ganze als ein Fragment konzipieren sollen, als ein breites Gebilde ohne Ziel und Sinn, das bloß Vorwand für sein Schreiben und Fabulieren bildet. (Ich bin mir allerdings dessen bewusst, dass dies ein bloß frommer Wunsch ist: Ohne Konzept kein Schreiben, ohne die Vorstellungen und Pläne Musils bezüglich des MoE wäre der Nachwelt auch der brilliante erste Teil nicht überliefert worden.)

Was den Möglichkeitssinn anbelangt bin ich ganz auf Bartlebooths Seite: Ich glaube keinesfalls, dass damit einer gezielten geschichtlichen Gestaltung das Wort geredet werden sollte, sondern im Gegenteil: Es ist eine Kritik an (hegelscher?) teleologischer Geschichtsauffassung, ein Hinweis auf die Ziellosigkeit und Unberechenbarkeit der Zukunft. Die Unzahl an Möglichkeiten führt teleologische Konstruktionen ad absurdum: Es hätte eben immer auch anders kommen können und die Tatsache, dass es ist wie es ist, bedeutet nicht, dass es auch so hat sein müssen.

lg

orzifar
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: arbor am 31. Juli 2009, 15.44 Uhr
Ich bin wie gesagt etwa 200 Seiten vor dem Ende der von Musil noch abgesegneten Kapitel.

Ich habe den MoE schon einmal bis zum Ende des zweiten Buches (also "Seinesgleichen geschieht") gelesen und musste dann leider aufgeben, da mich die reflexiven Passagen so sehr in den Wahnsinn getrieben haben, dass ich von der Handlung gar nichts mehr mitbekommen habe...

Da steht es! Mir ist übrigens vollkommen egal, was ein MRR von Musil hält; man wird Musil noch lesen, wenn ein MRR längst vergessen sein wird. Seine Fehlurteile sind ja Legion.

Im übrigen weiß ich nur, dass meine Musil-Ausgabe voller Bleistiftanmerkungen ist, was sich auf Sätze bezieht, die ich beachtlich finde, sei es von der Formulierung her oder vom Inhalt.
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Bartlebooth am 31. Juli 2009, 15.44 Uhr
Hallo orzifar,

Ja, ich habe mich mal wieder im Eifer des Gefechts verhaspelt. Ich meinte natürlich den zweiten Teil, nicht das zweite Buch. Der dritte Teil mit dem Auftauchen Agathes, lese ich jetzt zum ersten Mal und finde ihn bisher auch schwächer als wenigstens die zweite Hälfte des zweiten Teils.

Ich muss dir auch zugestehen, dass es natürlich Unterschiede zwischen Dialogen in Prosa und Drama gibt. Deshalb finde ich aber trotzdem, dass ein guter Dialog (wo auch immer) sich wie ein Vortrag lesen darf. Ich bin auch kein großer Fan der Gespräche zwischen Settembrini und Naphta, wenn ich den Zauberberg insgesamt auch gern mag. Hier hätte sich Thomas Mann meiner Ansicht nach ebenso einschränken können wie Musil an manchen Stellen des MoE. Aber diese Ansicht muss man natürlich nicht teilen.

Ich weiß noch nicht, wo ich den Bruch im Buch sehe. Ich finde es gibt bessere und schlechtere Passagen, zu einem Großteil redundante und wahnsinnig originelle und gut lesbare Abschnitte, die sich abwechseln (Beispiele habe ich bereits ein paar genannt). Ob Musil auf ein Handlungskorsett – wie du es so schön nennst – hätte verzichten sollen – ich weiß nicht recht. Die Parallelaktion und die Entwicklung zwischen Diotima und Arnheim, manchmal auch die von Clarisse und Walter, finde ich schon wahnsinnig gelungen, gerade als Handlungsstränge, die eine Zuspitzung nahelegen, aber sie immer nur ankündigen, nie umsetzen. Wenn ich brillante kleine Gedankenskizzen lesen will, kann ich doch auch die Essays von Musil lesen.

Herzlich: Bartlebooth.
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Bartlebooth am 31. Juli 2009, 15.56 Uhr
Hallo arbor,

findest du nicht, dass es ein Unterschied ist, ob ich von einer Handlung nichts mehr mitbekomme, oder ob ich eine Handlung unbedingt mitbekommen will? Ich nehme an, dir sind die Implikationen dieser kleinen Änderung durchaus bewusst. Wenn nicht, und falls es dich wirklich interessiert, schreibe ich gern noch etwas dazu.

Herzlich: Bartlebooth.
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: orzifar am 31. Juli 2009, 16.54 Uhr
Hallo du,

Ja, ich habe mich mal wieder im Eifer des Gefechts verhaspelt. Ich meinte natürlich den zweiten Teil, nicht das zweite Buch. Der dritte Teil mit dem Auftauchen Agathes, lese ich jetzt zum ersten Mal und finde ihn bisher auch schwächer als wenigstens die zweite Hälfte des zweiten Teils.

Ich muss grad grinsen - kennst du die Passage aus Asterix und Obelix, als Gaius Faulus seine Plattenputztechnik erörtert: Ich putz die erste Hälfte der ersten Platte, ich verschnauf ein wenig, ich putz die zweite Hälfte der ersten Platte, ich verschnauf ein wenig, ich putz die ersten Hälfte der zweiten Platte ... Und vom Zenturio Firlefanzus die Drohung, ihn alle halben Platten von hier bis Rom putzen zu lassen. - Das kommt von solchen Einteilungen  ;)

Ich muss dir auch zugestehen, dass es natürlich Unterschiede zwischen Dialogen in Prosa und Drama gibt. Deshalb finde ich aber trotzdem, dass ein guter Dialog (wo auch immer) sich wie ein Vortrag lesen darf. Ich bin auch kein großer Fan der Gespräche zwischen Settembrini und Naphta, wenn ich den Zauberberg insgesamt auch gern mag. Hier hätte sich Thomas Mann meiner Ansicht nach ebenso einschränken können wie Musil an manchen Stellen des MoE. Aber diese Ansicht muss man natürlich nicht teilen.

Ach, mir würde was fehlen im Zauberberg, wenn ich den ausführlichen zivilisatorischen Fortschrittsglauben in der "perlenden" Settembrinirede nicht hätte (nebst Frau Stöhr im mythologischen Tischgespräch); noch viel mehr die Satzfragmente Mynheer Pepperkorns.

Ob Musil auf ein Handlungskorsett – wie du es so schön nennst – hätte verzichten sollen – ich weiß nicht recht.

Naja, ich habs ja oben schon in Parenthtese erwähnt: Im Grunde ist das natürlich Unsinn und frommer Wunsch. Er schrieb, weil er einen bestimmten Plan verfolgte - und ohne einen solchen hätte er eben nicht geschrieben.

Die Parallelaktion und die Entwicklung zwischen Diotima und Arnheim, manchmal auch die von Clarisse und Walter, finde ich schon wahnsinnig gelungen, gerade als Handlungsstränge, die eine Zuspitzung nahelegen, aber sie immer nur ankündigen, nie umsetzen. Wenn ich brillante kleine Gedankenskizzen lesen will, kann ich doch auch die Essays von Musil lesen.

Nun ja, das lohnt durchaus. Allerdings finde ich das Fragmentarische nicht störend (mit solchen Dingen kann ich prinzipiell gut leben, auch wenn ich voller Bewunderung bin für gelungene Gesamtkonzepte wie etwa in der Strudlhofstiege), der Witz und die sprachlich großartige Ausformulierung einzelner Gedanken, die durchaus etwas Essayistisches haben, entschädigen mich für den fehlenden Gesamtzusammenhang reichhaltig.

Gerade vom ersten Buch bin ich immer wieder hingerissen, Kapitel für Kapitel wird prägnant, dicht und mit herrlichem Humor ein Gedankenfeuerwerk abgebrannt. Insofern lasse ich gerne Gnade walten und bin einfach nur dankbar für diese großartigen Szenen.

lg

orzifar
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Anna am 31. Juli 2009, 17.41 Uhr
Hallo!

Ich gebe Bartlebooth darin Recht, dass sich die Dialoge bei Musil oft wie Vorträge lesen, und alle Personen auf die gleiche Weise sprechen (im Gegensatz zu Thomas Mann, bei dem die Personen allein schon durch ihre Sprechweise charakterisiert und karikiert werden). Ich fand diese artifiziellen Dialoge in Musils ohnehin sehr artifiziellem und essayistischem Roman trotzdem sehr unterhaltsam und anregend. Bis zum Agatha-Teil habe ich das Buch mit großem Vergnügen und sogar mit Begeisterung gelesen, wenn es auch zwischendurch immer mal Passagen gab, die mir weniger gefallen haben (aber das ging mir beim „Zauberberg“ nicht anders. Wenn ich da nur an das „Schnee“- Kapitel denke!). Mit dem Auftauchen von Ulrichs Zwillingsschwester ließ dann mein Enthusiasmus erheblich nach und bei der ausufernden Beschreibung von Clarissas Weg in den Wahnsinn musste ich mich am Riemen reißen, um nicht quer zu lesen (wie dem Nachlass zu entnehmen ist, war die Clarissa-Geschichte noch lange nicht abgeschlossen).

An sich muss ein guter Romancier seinen Stoff überblicken und mit seinem Thema fertig werden. Wenn man sich den dicken Band mit den Skizzen und Entwürfen anschaut, wird einem schnell klar, dass Musil seinen Roman niemals beendet hätte, ja, ich zweifle, ob er – so er denn am Leben geblieben wäre – überhaupt noch einen weiteren Teil zustande gebracht hätte. Auch unter den Skizzen, in denen ich immer wieder gerne lese, finden sich viele interessante Gedanken und Formulierungen, aber es wird deutlich, dass Musil sich verrannt hat. Seine im Laufe des Romans schon immer stärker werdende Neigung, jede Regung, jeden Gedanken, jede Stimmung bis ins Hundertste und Tausendste auszuleuchten, nimmt fast manische Formen an. Zu der relativ straffen und klaren Form des ersten Teils mit seinem geistreichen Witz und seinem Ideenreichtum hätte er nicht mehr zurückgefunden. Aber für mich bleibt der MoE eines der ganz großen Werke der deutschsprachigen Literatur.

Gruß
Anna
 
Hier die Meinung Milan Kunderas zu seinem "Jahrhundertbuch" http://www.kundera.de/Info-Point/Kunderas_Buchempfehlung/kunderas_buchempfehlung.html (http://www.kundera.de/Info-Point/Kunderas_Buchempfehlung/kunderas_buchempfehlung.html)
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Anna am 31. Juli 2009, 18.11 Uhr
Wie auch immer, MRRs Urteile haben häufig etwas Seltsames, so hat er uns auch u. a. die Aufnahme Sandor Marais in die "hohe" Literatur beschert, indem er ein Rührstück wie "Die Glut" völlig unverständlicherweise mit Lobeshymnen bedacht hat.

Danke, orzifar! "Die Glut" ist ein Buch, von dem alle Welt begeistert ist. Es ist schön zu wissen, dass man mit seiner eher gebremsten Begeisterung nicht allein dasteht.

Gruß
Anna
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: dora am 31. Juli 2009, 20.01 Uhr
Wie auch immer, MRRs Urteile haben häufig etwas Seltsames, so hat er uns auch u. a. die Aufnahme Sandor Marais in die "hohe" Literatur beschert, indem er ein Rührstück wie "Die Glut" völlig unverständlicherweise mit Lobeshymnen bedacht hat.

Danke, orzifar! "Die Glut" ist ein Buch, von dem alle Welt begeistert ist. Es ist schön zu wissen, dass man mit seiner eher gebremsten Begeisterung nicht allein dasteht.

Es gibt noch eine (http://litteratur.ch/index.php?topic=139.0), die wenig begeistert ist...  ;)
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Bartlebooth am 31. Juli 2009, 23.29 Uhr
Hallo orzifar, hallo Anna,

den Asterix kenne ich nicht, hört sich aber sehr vertraut an  ;D.

Ach, mir würde was fehlen im Zauberberg, wenn ich den ausführlichen zivilisatorischen Fortschrittsglauben in der "perlenden" Settembrinirede nicht hätte (nebst Frau Stöhr im mythologischen Tischgespräch); noch viel mehr die Satzfragmente Mynheer Pepperkorns.
Ich auch nicht, aber es ging ja gerade auch nur um die Gespräche zwischen Naphta und Settembrini, also nicht ablenken.

Nun ja, das lohnt durchaus. Allerdings finde ich das Fragmentarische nicht störend (mit solchen Dingen kann ich prinzipiell gut leben, auch wenn ich voller Bewunderung bin für gelungene Gesamtkonzepte wie etwa in der Strudlhofstiege), der Witz und die sprachlich großartige Ausformulierung einzelner Gedanken, die durchaus etwas Essayistisches haben, entschädigen mich für den fehlenden Gesamtzusammenhang reichhaltig.
Es ist auch nicht das Fragmentarische, das mich stört, sondern das Gleichförmige, Redundante und Artifizielle. Aber lass uns darüber noch einmal sprechen, wenn ich ganz fertig bin. An manchen Stellen finde ich es ja durchaus gelungen, nur halt nicht in dieser Massiertheit.

An sich muss ein guter Romancier seinen Stoff überblicken und mit seinem Thema fertig werden. Wenn man sich den dicken Band mit den Skizzen und Entwürfen anschaut, wird einem schnell klar, dass Musil seinen Roman niemals beendet hätte, ja, ich zweifle, ob er – so er denn am Leben geblieben wäre – überhaupt noch einen weiteren Teil zustande gebracht hätte. Auch unter den Skizzen, in denen ich immer wieder gerne lese, finden sich viele interessante Gedanken und Formulierungen, aber es wird deutlich, dass Musil sich verrannt hat. Seine im Laufe des Romans schon immer stärker werdende Neigung, jede Regung, jeden Gedanken, jede Stimmung bis ins Hundertste und Tausendste auszuleuchten, nimmt fast manische Formen an. Zu der relativ straffen und klaren Form des ersten Teils mit seinem geistreichen Witz und seinem Ideenreichtum hätte er nicht mehr zurückgefunden.
Ich finde auch den zweiten Teil des ersten Buchs nicht immer so straff, es dauert sehr lange, bis etwa die Sache zwischen Diotima und Arnheim Form annimmt, und wenn ich Arnheim begriffen habe, geht es mir fast schon zu schnell in Richtungen, die ich wiederum nicht mehr begreife. Ich bin gespannt, wie ich diese Figur am Ende beurteilen werde.
Ebenso die Moosbrugger-Kapitel. Die ersten beiden (oder so) sind wirklich großartig, dann wird es diffus und repetitiv und ich verliere mein Interesse an Moosbrugger, ganz so wie Ulrich. Und ich kann dahinter kein Konzept erkennen, was eventuell dann wieder am Fragmentarischen liegen kann, das vermag ich nicht letztgültig zu entscheiden.

Herzlich: Bartlebooth.
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: orzifar am 01. August 2009, 14.35 Uhr
Ich auch nicht, aber es ging ja gerade auch nur um die Gespräche zwischen Naphta und Settembrini, also nicht ablenken.

Ich und Ablenken (hier fehlt ein Naserümpfsmiley!) Natürlich war gerade die "Ablenkung" eine Bestätigung der Richtigkeit der Behauptung Annas, dass Mann (im Gegensatz zu Musil) seine Charaktere mit unterschiedlichem Sprachduktus ausstatten konnte. Pepperkorn ist schon ein großartiges Beispiel, im Dr. Faustus gibt es derer mehr. Aber auch der Kampf um Hans Castorps Seele zwischen Jesuit und humanistischem Fortschrittsgläubigen war mir niemals langweilig, obschon hier eine sprachliche Differenzierung tatsächlich kaum auszumachen ist.

Deine Kritik unterschreibe ich ja im Grunde voll und ganz, nur sind für mich die meisten dieser artifiziellen Dialoge ein einziger Lesegenuss, erst mit weiterem Fortgang des Buches (Auftauchen der Schwester) wird diese von dir beschriebene Gleichförmigkeit und Redundanz zum Ärgernis.

Kunderas Artikel finde ich (überraschenderweise) interessant und klug (ich kann mit diesem Autor ansonsten nicht wirklich viel anfangen und habe ihn nun schon eine Zeitlang vollkommen ignoriert, vielleicht sollte ich ihn nochmals zur Hand nehmen), das Bild, dass "alles wesentlich sei und nicht Kulisse" beschreibt die Aufbereitung des Stoffes bei Musil sehr gut.

Ansonsten kann ich (das ist in dem Ausmaß fast beunruhigend ;)) alles von Anna Bemerkte unterschreiben (und doppelt unterstrichen die Kritik am grausamen "Schnee-Kapitel" im Zauberberg, diese nur für die Zunft der Interpreten geschriebene, mythologische Peripetie; eigentlich erklärt Mann den Lesern in diesem Abschnitt seine Absichten - und solche Ratschläge, wie denn das Geschriebene zu verstehen sei, gehören zum Allerschlimmsten).

lg

orzifar
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Anna am 01. August 2009, 16.05 Uhr
Salve Bartlebooth,

Ich finde auch den zweiten Teil des ersten Buchs nicht immer so straff

Warte ab, bis Du zum zweiten Buch kommst, dann wirst Du erkennen, wie straff auch noch der zweite Teil des ersten Buchs ist. :)

dann wird es diffus und repetitiv[...]ich kann dahinter kein Konzept erkennen, was eventuell dann wieder am Fragmentarischen liegen kann

Ich kann Dir da vollkommen zustimmen. Musil fällt es zunehmend schwerer, von seinem jeweiligen Gegenstand abzulassen. Er umkreist ihn, nimmt ihn immer wieder auf, will noch eine Schicht und noch eine freilegen, was zur Folge hat, dass er nicht klarer, sondern immer verschwommener wird, und man das Gefühl hat, dass sich alles wiederholt. Die Moosbrugger-Geschichte ist dafür ein gutes Beispiel.
MRR sieht Musils Roman als gescheitert an, weil er unvollendet geblieben ist. Das Unabgeschlossene des MoE stört mich weniger, meinetwegen hätte Musil an seinem Roman immer weiter schreiben können. Im Grunde schreiben doch die meisten Romanciers in ihren Romanen an denselben Themen fort, nur dass die Personen, Konstellationen und Orte wechseln (die Orte noch am wenigsten). Gescheitert ist Musil mit seinem Roman, weil ihm der Stoff über den Kopf gewachsen ist. Es gehört zu den Aufgaben eines Schriftstellers, seinen Stoff zu „bändigen“, auszuwählen, zu straffen und sich zu beschränken, auch wenn man noch so viel zu sagen hätte. Für mich ist Musil allerdings grandios gescheitert. Der MoE steht zwar nicht auf der Liste meiner zehn Lieblingsromane, aber wenn ich auf eine einsame Insel verschlagen würde, hätte ich ihn gern dabei, weil man ihn – wie Kundera sagt – immer wieder zur Hand nehmen und eine überraschende Weisheit darin finden kann.

Kunderas Artikel finde ich (überraschenderweise) interessant und klug (ich kann mit diesem Autor ansonsten nicht wirklich viel anfangen und habe ihn nun schon eine Zeitlang vollkommen ignoriert, vielleicht sollte ich ihn nochmals zur Hand nehmen), das Bild, dass "alles wesentlich sei und nicht Kulisse" beschreibt die Aufbereitung des Stoffes bei Musil sehr gut.

orzifar, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ hat mich vor einer weiteren Beschäftigung mit dem Autor zurückschrecken lassen, aber das Insistieren von Freunden und nicht zuletzt dieser Artikel haben mich dann doch bewogen, mir seinen Roman „Die Unsterblichkeit“ anzuschaffen, den ich dieses Jahr noch lesen will.

Gruß
Anna





Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Bartlebooth am 10. August 2009, 17.22 Uhr
Salve Bartlebooth,

Warte ab, bis Du zum zweiten Buch kommst, dann wirst Du erkennen, wie straff auch noch der zweite Teil des ersten Buchs ist. :)

Bin ich doch schon, und an Wochenende tatsächlich fertig geworden. Ich finde nicht, dass sich die Griffigkeit der Reflexionen in den beiden Büchern so ganz grundlegend unterscheidet. Auch im zweiten buch habe ich noch viele wirklich zugespitzte und gut komponierte Kapitel gefunden (so etwa Clarissens Besuch in der Psychiatrie oder Bonadeas Gespräch mit Ulrich, das im Beischlaf endet).
Gestört hat mich, das nur am Rande, in diesem zweiten Buch vor allem das vorgetragene Frauenbild, irgendwie hatte ich von den 20ern da mehr erwartet.

Meine abschließende Besprechung:

„Der Mann ohne Eigenschaften“ ist das Hauptwerk des österreichischen Schriftstellers Robert Musil und ein unvollendeter Roman, dessen von Musil zu Lebzeiten autorisierte Teile allein mehr als 1000 Druckseiten umfassen. Er ist von 1921 bis zu Musils Tod im Jahr 1942 entstanden.

Im Zentrum des Romans steht Ulrich, der von seinem Freund Walter relativ zu Anfang als „Mann ohne Eigenschaften“ bezeichnet wird, das ist jemand – um einen weiteren Begriff aus dem Buch heranzuziehen –, der Möglichkeitssinn hat, das heißt eine Fülle von Fähigkeiten, die er versucht in unterschiedlichster Weise einzusetzen (beim Militär, als Ingenieur, als Mathematiker). Alles gelingt ihm bis zu einem gewissen Grad, nichts erfüllt ihn, mit nichts stimmt er voll und ganz überein. Und das ist nicht zuletzt ein Zug der Zeit, in der alle möglichen auch gegensätzlichen Ansichten nebeneinander bestehen, keine einen Vorrang besitzt, keine über die andere den Sieg davonträgt. Und so beginnt alles langsam aber sicher zu verschwimmen, die Moral ist nichts mehr, das inhaltlich bestimmt werden könnte, sondern etwas, das Verhalten in einer Gesellschaft regelt, also eine rein funktionale Größe.

So lässt es sich auch nicht sagen, inwieweit Ulrich moralisch oder amoralisch handelt, wenn er sich etwa in die Verästelungen der Parallelaktion hineinziehen lässt, einer auf oberster staatlicher Ebene angesiedelten Festaktion zum 70jährigen Thronjubiläum des österreichischen Kaisers. In vielen Sitzungen und Gesprächen wird auf den über 1000 Seiten nach einer großen vaterländischen Idee gesucht, die als Klammer um alle Einzelbemühungen, die das Jubeldatum hervorbringt, dienen könnte. Im Laufe der Handlung gerät das immer mehr aus dem Ruder und als sich die Waagschale zugunsten einer militärischen Aufrüstungsaktion zu senken scheint, wird eine Resolution verabschiedet (oder auch nicht, das hätte der Fortgang des Buches zeigen müssen), die das Töten, das nicht aus tiefer innerer Überzeugung geschieht, zum eigentlichen Straftatbestand des Mordes erklärt.

Daneben ist Ulrich auch in amouröser Sicht nicht eben moralisch einwandfrei – oder vielleicht eben doch? Er hat einige Geschichten am Laufen, die er aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Gründen aufnimmt oder beendet, am Ende bahnt sich gar eine Liebesverstrickung mit der eigenen Schwester an, wenn ausdrücklich bis zum Ende des freigegebenen Teils auch nichts geschieht.

Auch die Interventionen Ulrichs bei seiner Schwester, die nach dem Tode des Vaters das Testament fälscht, um ihren ungeliebten Ehemann von seinem Erbteil auszuschließen, sind alles andere als eindeutig. Wenn er auch viel gegen ihr Vorhaben redet, so tut er doch nichts, um es zu stoppen.

Und das ist vielleicht eine Sache, die den Roman insgesamt durchzieht. Das Reden steht im Vordergrund, das Handeln wird zwar immer wieder mit Worten ausgerufen (etwa von Graf Leinsdorf in der Parallelaktion), aber es kommt nie dazu. Am sinnfälligsten wird diese Idee vielleicht an Ulrichs Freundin Clarisse, die mit dem Musiker Walter, einem alten Freund Ulrichs, verheiratet ist, von dem sie große Taten erwartet, die ihn in nietzscheanischer Manier (Clarisse führt Nietzsche beständig im Mund) über die Masse der Menschen hinausheben sollen. Doch Walter stagniert und möchte sich in einen einfachen Brotberuf schicken. Clarisse treibt diese Erkenntnis langsam aber beständig in den Wahnsinn. Sie sieht keinen Ausweg unter den Bedingungen der Welt, also schert sie aus ihnen aus. Doch auch dieser Strang wird nicht beendet.

Als Gegenfigur zu Ulrich fungiert nicht nur Walter, sondern auch Paul Arnheim, eine Art Medienintellektueller avant la lettre („Großschriftsteller“ sagt Musil), der zu allem etwas Kluges zu sagen hat und damit in einer immer weiter zerfasernden Welt enorme Erfolge feiert. Arnheim wird als Autor eingeführt, der zu allen Problemen der Zeit und in allen Wissenschaften Beachtliches, wenn auch nicht Herausragendes geleistet hat. Hauptberuflich ist er jedoch Rüstungsindustrieller, der sich dem Kreis um Graf Leinsdorf und den Parallelaktivisten nähert, um Zugriff auf die galizischen Ölfelder zu erlangen, dabei aber der unglücklich verheirateten Cousine Ulrichs Hermine „Ermelinda“ Tuzzi, genannt Diotima, verfällt, einer hochmoralischen Dame, die sich sowohl dem Gedanken an eine Scheidung, wie auch dem Gedanken an eine Affäre entzieht, was seinerseits wieder zu interessanten Gesprächen über Moral führt. Am Ende versucht Diotima ihr Problem zu rationalisieren, indem sie sich in das Studium der Sexualwissenschaften stürzt.

Ein gewaltiger Roman, ein Zeitpanorama, eine detaillierte Bestandsaufnahme nicht nur der österreichisch-ungarischen Gesellschaft kurz vor ihrem Zusammenbruch, sondern vor allem der klassischen Moderne und ihrer Unübersichtlichkeit, die gleichzeitig von dem Bestreben begleitet ist, alles zu erfassen und logisch aufzulösen. Die Unmöglichkeit dieser Bestrebung wird durch den Bibliotheksbesuch des Generals Stumm verdeutlicht, der nur eine Person findet, die den Überblick über die Wissensbestände der zeit behält: den Bibliotheksdiener, der sich um die Kataloge kümmert. Der Preis für den Überblick ist hoch. Der Bibliotheksdiener liest niemals ein Buch und beherrscht das Wissen nicht etwa inhaltlich, sondern nur strukturell.

Das ist mehr als das, was man am Ende von Musil behaupten kann. Ihm entgleitet sein Roman, verliert sich in endlosen Vorträgen und Gesprächen, die nicht selten eine etwas repetitive Note haben. Natürlich ist das im „Mann ohne Eigenschaften“ Programm, denn es geht ja gerade um die moderne unüberbrückbare Fülle von Gegensätzlichem. Und doch bricht der Roman an manchen Stellen einfach unter der Last der nirgends hinführenden Philosophie zusammen, immer wieder tauchen neue Ideen auf, die irgendwie aus den alten hervorgegangen sein mögen, so ganz letztgültig ist das wohl nicht zu klären.

Das macht aus dem Text immer weniger einen Roman als einen Essay mit verteilten Rollen. Mit einem zeitgenössischen „show, don’t tell“ kann man an diesen Roman wohl nicht herangehen, aber es wird schon ein bisschen viel referiert und ein bisschen wenig gezeigt. Ob Musil bei längerem Leben diese Problematik noch einmal in den Griff bekommen hätte – ich denke nicht, denn im Grunde ist der Roman von Anfang an so, dass sehr viel referiert und sehr wenig gehandelt wird. Und noch einmal fällt auf – es wiederholt sich auf der Erzählebene, was auf der Handlungsebene angelegt ist. Die Idee des Romans scheint also eine weniger statische Ausführung gar nicht zuzulassen. Und es ist und bleibt eine Leistung, dass man das Buch dennoch gut lesen kann, viel besser als vergleichbare Werke mit großem „W“, wie etwa den „Ulysses“. Der „Mann ohne Eigenschaften“ – und das ist ihm sehr positiv anzurechnen – hat nichts Esoterisches oder übermäßig Gelehrtes. Er liefert die nötigen Informationen zu seinem Verständnis, manchmal gar in mehrfacher Ausführung. Ein Buch, das, wenn man sich auf es einlässt, viel veranschaulichen kann, viel über das 20. Jahrhundert und seine ideologischen Grabenkämpfe, viel über das, was geistesgeschichtlich seit der Jahrhundertwende passiert ist.


Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: arbor am 10. August 2009, 19.05 Uhr
Ein gewaltiger Roman, ein Zeitpanorama, eine detaillierte Bestandsaufnahme nicht nur der österreichisch-ungarischen Gesellschaft kurz vor ihrem Zusammenbruch, sondern vor allem der klassischen Moderne und ihrer Unübersichtlichkeit, die gleichzeitig von dem Bestreben begleitet ist, alles zu erfassen und logisch aufzulösen. ...
...
Das macht aus dem Text immer weniger einen Roman als einen Essay mit verteilten Rollen. Mit einem zeitgenössischen „show, don’t tell“ kann man an diesen Roman wohl nicht herangehen, aber es wird schon ein bisschen viel referiert und ein bisschen wenig gezeigt. Ob Musil bei längerem Leben diese Problematik noch einmal in den Griff bekommen hätte – ich denke nicht, denn im Grunde ist der Roman von Anfang an so, dass sehr viel referiert und sehr wenig gehandelt wird. Und noch einmal fällt auf – es wiederholt sich auf der Erzählebene, was auf der Handlungsebene angelegt ist. Die Idee des Romans scheint also eine weniger statische Ausführung gar nicht zuzulassen. Und es ist und bleibt eine Leistung, dass man das Buch dennoch gut lesen kann, viel besser als vergleichbare Werke mit großem „W“, wie etwa den „Ulysses“. Der „Mann ohne Eigenschaften“ – und das ist ihm sehr positiv anzurechnen – hat nichts Esoterisches oder übermäßig Gelehrtes. Er liefert die nötigen Informationen zu seinem Verständnis, manchmal gar in mehrfacher Ausführung. Ein Buch, das, wenn man sich auf es einlässt, viel veranschaulichen kann, viel über das 20. Jahrhundert und seine ideologischen Grabenkämpfe, viel über das, was geistesgeschichtlich seit der Jahrhundertwende passiert ist.




Genau das habe ich immer am "Mann ohne Eigenschaften" geschätzt - ein Roman/Essay voller wahrer Sätze, die zudem zeitlos geblieben sind...
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: sandhofer am 10. August 2009, 20.59 Uhr
Das macht aus dem Text immer weniger einen Roman als einen Essay mit verteilten Rollen. [...] aber es wird schon ein bisschen viel referiert und ein bisschen wenig gezeigt. Ob Musil bei längerem Leben diese Problematik noch einmal in den Griff bekommen hätte – ich denke nicht, [...]

Ich auch nicht. Denn das ist ja konstituierend für die  Welt, wie sie Musil beschreibt: Viel reden, wenig handeln.

Ich müsste das Buch wieder mal lesen ...  ::)
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Bartlebooth am 10. August 2009, 22.33 Uhr
Ein gewaltiger Roman, ein Zeitpanorama, eine detaillierte Bestandsaufnahme nicht nur der österreichisch-ungarischen Gesellschaft kurz vor ihrem Zusammenbruch, sondern vor allem der klassischen Moderne und ihrer Unübersichtlichkeit, die gleichzeitig von dem Bestreben begleitet ist, alles zu erfassen und logisch aufzulösen. ...
...
Das macht aus dem Text immer weniger einen Roman als einen Essay mit verteilten Rollen. Mit einem zeitgenössischen „show, don’t tell“ kann man an diesen Roman wohl nicht herangehen, aber es wird schon ein bisschen viel referiert und ein bisschen wenig gezeigt. Ob Musil bei längerem Leben diese Problematik noch einmal in den Griff bekommen hätte – ich denke nicht, denn im Grunde ist der Roman von Anfang an so, dass sehr viel referiert und sehr wenig gehandelt wird. Und noch einmal fällt auf – es wiederholt sich auf der Erzählebene, was auf der Handlungsebene angelegt ist. Die Idee des Romans scheint also eine weniger statische Ausführung gar nicht zuzulassen. Und es ist und bleibt eine Leistung, dass man das Buch dennoch gut lesen kann, viel besser als vergleichbare Werke mit großem „W“, wie etwa den „Ulysses“. Der „Mann ohne Eigenschaften“ – und das ist ihm sehr positiv anzurechnen – hat nichts Esoterisches oder übermäßig Gelehrtes. Er liefert die nötigen Informationen zu seinem Verständnis, manchmal gar in mehrfacher Ausführung. Ein Buch, das, wenn man sich auf es einlässt, viel veranschaulichen kann, viel über das 20. Jahrhundert und seine ideologischen Grabenkämpfe, viel über das, was geistesgeschichtlich seit der Jahrhundertwende passiert ist.




Genau das habe ich immer am "Mann ohne Eigenschaften" geschätzt - ein Roman/Essay voller wahrer Sätze, die zudem zeitlos geblieben sind...

Hmm, ich bin verwirrt, denn ich sehe eigentlich keinen Zusammenhang zwischen dem, was du aus meinem Beitrag zitierst, und dem, was du schreibst. Wenn der MoE meiner Ansicht nach eins ganz gewiss nicht ist, dann zeitlos. Und mit der Wahrheit hab ichs immer noch nicht so.
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: arbor am 11. August 2009, 09.33 Uhr
Das Zitat hätte ich vielleicht noch kürzen können, es ging mir um das Essayistische, das ich an Werken dieser Zeit sehr schätze - und auch also an Musil. Die Schriftsteller dieser Epoche waren meist noch rundum gebildete Leute - und das scheint in ihren Werken auf.

Andererseits bin ich nicht so vermessen, zu glauben, dass es DIE eine, alle seligmachende Wahrheit gibt; es gibt viele Wahrheiten - und der Reiz der Sprache besteht in ihrer Mehrdeutigkeit, der auch mehrere Wahrheiten zulässt, weil jeder Leser andere Assoziationen beim Lesen eines Textes einbringt.

Beispiele für in meinen Augen “wahre Sätze” bei Musil sind (das sind also Sätze, denen ich zustimmen kann - andere werden andere Sätze finden...) :

“...die ganze große Gemeinheit entsteht heutzutage nicht dadurch, dass man sie tut, sondern dadurch, dass man sie gewähren lässt. Sie wächst ins Leere. ... Gewährenlassen ist zehnmal gefährlicher als Tun!”

356

“Reiche Leute versichern denn auch mit Vorliebe bei jeder Gelegenheit, dass das Geld am Werte eines Menschen nichts ändere; sie wollen damit sagen, dass sie auch ohne Geld soviel wert wären wie jetzt, und sind immer gekränkt, wenn ein anderer sie missversteht. Leider widerfährt ihnen das gerade im Verkehr mit geistvollen Menschen nicht selten. Solche besitzen merkwürdig oft kein Geld, sondern nur Pläne und Begabung, aber sie fühlen sich dadurch in ihrem Wert nicht gemindert, und nichts scheint ihnen näher zu liegen, als einen reichen Freund, für den das Geld keine Rolle spielt, zu bitten, dass er sie aus seinem Überfluss zu irgendeinem guten Zwecke unterstütze.”

420

“Nein,” fiel Ulrich ein, “ganz so ist es nicht; im Gegenteil wäre es so eins der ältesten Missverständnisse! Denn ein guter Mensch macht die Welt nicht im geringsten gut, er bewirkt überhaupt nichts an ihr, er sondert sich nur von ihr ab!”

763
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: Bartlebooth am 11. August 2009, 10.05 Uhr
Ok, das habe ich verstanden. Aber viel mehr interessiert mich, warum du einen Roman, der so unglaublich in der Moderne verankert ist, für zeitlos hältst, bzw. in welchem Sinn du das meinst. Ist das eher ein "zeitlos" im Sinne von "wird immer noch gelesen" oder eben im Sinne von "wahr"? Oder verbindest du damit Spezifischeres?
Titel: Re:Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: arbor am 11. August 2009, 10.57 Uhr
Das Zeitlose daran sind die immer gültigen menschlichen Wahrheiten, die er ausspricht.
Titel: Re: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Beitrag von: sandhofer am 12. November 2017, 06.26 Uhr
Den Thread hier hatte ich ganz vergessen. Ich bin ihn nämlich gerade am Lesen, den Mann ohne Eigenschaften. Sukzessive, Band um Band, wie eben die kritische Werkausgabe hereintröpfelt. Jetzt gerade habe ich Band 4 gelesen (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=8749) - den ersten von drei Bänden, die zu Lebzeiten Musils nicht mehr veröffentlichte Teile enthalten. Hier die Versuche Musils, den Roman doch noch fortzusetzen.